Politik
Große Plakate werben am Berliner Südstern für die Freien Demokraten.
Große Plakate werben am Berliner Südstern für die Freien Demokraten.
Mittwoch, 13. September 2017

"Ein anspruchsvoller Wahlkreis": Sogar in Kreuzberg kommt die FDP gut an

Von Philip Ziche

Auch in dem von den Grünen dominierten Berlin-Kreuzberg kämpft der Ortsverband der FDP um Wählerstimmen. An der Basis ist man zuversichtlich. Der Zuspruch der Kreuzberger ist deutlich größer als vor vier Jahren.

Sie kommt vom nahen Wochenmarkt, eine Tragetasche mit Gemüse hängt am Griff des Kinderwagens. Vor einem kleinen Stand mit Schirm abseits der Gemüse- und Fleischhändler bleibt sie stehen. "Willst du einen Ballon?", fragt die Frau ihre Tochter. Die nickt freudig. Carl Philipp Burkert bläst den beschrifteten gelben Luftballon an der Gasflasche auf, knotet ihn zu und bindet ein weißes Band darum. Mit einem Lächeln reicht er ihn dem kleinen Mädchen. "Mama, was sind das für Leute?", fragt das Mädchen "Das ist die FDP", antwortet die Mutter, "das sind die Liberalen."

Auch mit verfälschtem Slogan zeigt die FDP Präsenz.
Auch mit verfälschtem Slogan zeigt die FDP Präsenz.

So ganz stimmt das nicht. Genau genommen ist es die neue FDP, die bei der Bundestagswahl am 24. September mit neuem Optimismus das Rennen um den dritten Platz für sich entscheiden möchte. Mit sechs Helfern wirbt Carl Philipp Burkert am Südstern in Berlin-Kreuzberg für die Freien Demokraten. Dass die Partei es ernst meint, merkt man bereits an der großen Menge an FDP-Wahlplakaten in der Gegend. Jeder zweite Laternenmast zeigt Parteichef Christian Lindner - in Nahaufnahme, mit seinem Handy beschäftigt, sein Jackett richtend. Jemand hat sich mit schwarzer Farbe an einem der Plakate zu schaffen gemacht: "Digital first. Denken second", so lautet der geänderte Wahlspruch jetzt.

Missgestaltete Plakate hin oder her: Die Kreuzberger FDP braucht die Aufmerksamkeit. Denn der Bezirk gilt seit langem als Territorium der Grünen. Hoffnungslos sei die Lage aber nicht, wie Ortsverbandsvorsitzender Burkert sagt: "Wir erleben eine neue Offenheit für die FDP."

FDP könnte Impulse geben

Gleichzeitig ist er von der Konkurrenzpartei enttäuscht. "Die Grünen ruhen sich auf ihrem Habitus aus. Sie sprechen ständig von neuer Fahrradpolitik, kriegen das aber nicht auf die Kette." Dabei sei die Frage nicht, was man erreichen möchte, sondern viel mehr, wie man es erreichen möchte. "Mit meinen Freunden von den Grünen streite ich eigentlich immer nur um Maßnahmen", erzählt Burkert. "Sie beharren fast schon dogmatisch auf Regulierung, während wir von Marktwirtschaft sprechen."

Den gut aufgelegten Wahlkämpfern zufolge steht die FDP in Kreuzberg derzeit bei 4,5 Prozent - das seien immerhin dreieinhalb Prozentpunkte mehr als noch 2013. Und sie tun alles dafür, damit sich diese Zahlen noch steigern. Denn damals erlebte die Partei ihren größten Schock, als sie bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde knapp verfehlte. Damit endete eine 64 Jahre andauernde Ära - seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland war die FDP immer im Parlament vertreten gewesen.

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Der Fall der FDP schlug am Wahlabend hohe Wellen. Der damalige Parteivorsitzende Philipp Rösler sprach von der "schwärzesten Stunde" und kündigte kurz darauf seinen Rücktritt an. Im selben Jahr nahm Christian Lindner seinen Platz ein und krempelte die FDP um. Mit dem Motto "Denken wir neu" wagte die FDP einen Neuanfang, besonders in ihrem öffentlichen Auftreten. Aber "bis die FDP die Substanz hat, die sie zu Zeiten von Scheel hatte, dauert es noch", sagt ein Mann in Lederjacke und mit silbernem Ohrstecker am FDP-Stand und meint den ehemaligen Außenminister und Bundespräsidenten der Bundesrepublik in den 70er Jahren.

Beschimpfungen sind selten

Burkert sieht das etwas anders. An erster Stelle habe das neue Programm gestanden, erst danach habe man am Image gearbeitet. "Es soll ja keiner sagen 'Ich wähle die FDP, weil die so einen guten Fotografen für Lindner gefunden haben'. Ein schlechtes Produkt kann man auch mit guten Bildern nicht verkaufen", sagt der 38-Jährige. "Wir haben einen starken Bundesvorsitzenden, da plakatieren wir natürlich bewusst mit ihm. Er hat einfach 20 Prozent mehr Energie und Sprachfähigkeit."

Wüste Beschimpfungen bleiben am Wahlstand größtenteils aus. Eine ältere Frau macht wegwerfende Gesten, als Burkert sie anspricht. "Absolut nicht!", sagt sie. Ein Mann wehrt einen Flyer mit "Ne, keen Kapitalistenscheiß" ab. Später wird einer der FDP-Wahlkämpfer auf Facebook davon berichten, dass ein junger Mann "Verpisst euch aus Kreuzberg" gesagt habe. Die meisten Passanten bleiben aber freundlich. Zwar lehnen viele lächelnd ab oder reagieren erst gar nicht auf die Versuche von Burkert und seinen Parteikollegen. Hin und wieder bleiben aber Leute stehen und unterhalten sich mit den Wahlkämpfern. Ein junges Paar fragt nach der Bildungspolitik, ein Mann möchte ein Wahlprogramm haben.

Die hellen Hefte sind eines der wenigen Werbematerialien, das nicht Lindner zeigt. Daneben gibt es noch Kochlöffel, Sticker und Küchenschwämme mit der Aufschrift "Besser als Weichspülen". Und eben die FDP-Luftballons. Ständig halten Familien oder Grüppchen von Kindern an und lassen sich einen Ballon geben - ein wirksames Werbemittel, denn schnell hüpfen die blauen und gelben Ballons am ganzen Südstern über den Köpfen der Kinder.

"Sehr sympathisch"

Außer Lindner gibt es noch ein anderes FDP-Gesicht in Kreuzberg: Spitzenkandidatin Athanasia Rousiamani-Goldthau, seit 24 Jahren Parteimitglied und überzeugte Kreuzbergerin. Für die Wahl hat sich die gebürtige Griechin einbürgern lassen, seit Juni ist sie deutsche Staatsbürgerin. Ihre Herkunft sei für die Wähler kein Problem, sagt sie. Die Resonanz aus der Bevölkerung sei "sehr positiv". Per Mail bekäme sie viel Zuspruch und Unterstützung. "Es ist ein anspruchsvoller Wahlkreis. Die Leute hier sind gebildet, viele sind Migranten der zweiten oder dritten Generation." Mit der Grünen-Konkurrenz komme sie gut klar und verstehe sich auch mit deren Kandidatin Canan Bayram. Eine Chance auf ein Mandat hat sie nicht, da sie keinen Listenplatz hat.

Carl Philipp Burkert und Athanasia Rousiamani-Goldthau kämpfen in Kreuzberg um Wählerstimmen.
Carl Philipp Burkert und Athanasia Rousiamani-Goldthau kämpfen in Kreuzberg um Wählerstimmen.

Inzwischen spricht Rousiamani-Goldthau mit einem Mann, der sein Fahrrad durch den Nieselregen schiebt. Seine Erststimme wolle er der CDU geben, "weil es bei der FDP keinen Sinn macht. Andererseits sind Sie mir sehr sympathisch", fügt er hinzu. Das Gespräch ist entspannt, man lacht und scherzt. Es geht um Beschimpfungen auf offener Straße, den Wahlkreis und wie "die Großen" alles aufgeweicht haben.

"Mir waren die Grünen bei der Ökologie immer sympathisch, aber oft auch naiv", spricht der Mann den Konkurrenzkampf zwischen FDP und Grünen an. Rousiamani-Goldthau nickt und erläutert kurz, dass auch die FDP viel Wert auf Umwelt lege. Als er sich verabschiedet, scheint der Mann überzeugt. "Meine Stimme kriegen Sie", sagt er. "Denke ich mal. Es geht ja auch um den Wahlkreis."

Die Wähler wurden nicht ernst genommen

2013 hatte die FDP mit massiven Abwanderungen der Wählerschaft zu kämpfen. Einer Studie des Wahlforschungsinstituts Infratest Dimap zufolge kehrten vor vier Jahren fast 3,8 Millionen Wähler der FDP den Rücken. Am meisten verloren sie Stimmen an die CDU, aber auch die AfD zog viele Wähler an. Nach der gescheiterten Bundestagswahl büßte die FDP weitere Wähler ein. In Kreuzberg allerdings sei der Zuspruch sogar gewachsen, so Athanasia Rousiamani-Goldthau. "Wir haben viel Unterstützung bekommen. Die Leute meinten, die FDP soll bleiben oder stärker werden", erinnert sie sich.

Die hatten die Liberalen auch nötig. Denn bei der Bundestagswahl 2013 hätten sie unter anderem deswegen verloren, weil sie sich zu sehr auf die Zweitstimme verlassen und weniger ihre Inhalte präsentiert hätten. Statt also zu zeigen, was die Partei in Deutschland ändern möchte, propagierte die FDP, dass eine Zweitstimme für sie die Nation vor Rot-Rot-Grün bewahren könnte. Ein weiteres Problem war, dass ihre Spitzenkandidaten - darunter Rainer Brüderle, Philipp Rösler und Guido Westerwelle - keinen Anklang fanden.

Vorschläge zum Aufstieg der FDP hat auch ein alter Mann mit grauem Schnurrbart und Schirmmütze. "Ich würde euch sofort wählen, wenn ihr mehr auftauchen würdet", erklärt er. Sie sollten die Unentschiedenen und Nichtwähler mehr beachten. Die Spitzenkandidatin erklärt ihm, dass sie regelmäßig am Südstern stünden und genau das täten. Nach einer längeren Unterhaltung verkündet der alte Mann, er würde die FDP wählen, "wenn ihr die Linken abschafft!"

Bald darauf bauen Burkert und Rousiamani-Goldthau den Stand ab. Sie glauben, heute etwas erreicht zu haben. Mit wem koaliert werden könnte, sei erst einmal zweitrangig. Zunächst wolle man die Wahl gewinnen. Immer noch laufen Kinder mit FDP-Ballons am Südstern herum.

Quelle: n-tv.de

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