Politik
Carles Puigdemont will die Loslösung von Spanien so schnell wie möglich.
Carles Puigdemont will die Loslösung von Spanien so schnell wie möglich.(Foto: picture alliance / Quique Garcia)
Mittwoch, 04. Oktober 2017

Katalanischer Ministerpräsident: Spaniens Schreckgespenst heißt Puigdemont

Von Sven Marcinkowski

Sein Gesicht ist auch das der Unabhängigkeitsbewegung. Carles Puigdemont hat als Ministerpräsident Kataloniens den gesamten spanischen Staat in die Krise gestürzt. Dabei war sein Weg an die Spitze der Regionalregierung keineswegs geradlinig.

Für die einen ist er der Messias, für die anderen der Satan. Carles Puigdemont spaltet die spanische Bevölkerung derzeit wie kein anderer. Wer ihm folgt, will ein freies Katalonien und damit einen eigenständigen Nationalstaat ohne Bevormundung aus Madrid. Alle anderen wollen, dass er endlich Ruhe gibt. Katalonien gehört zu Spanien und damit basta. Mittlerweile ist die Debatte nach dem Referendum und der Gewalt rundherum fast schon außer Kontrolle geraten. Carles Puigdemont, das Gesicht der Unabhängigkeitsbewegung, könnte die Krise abwenden und das auch nur, wenn er seine Bestrebungen aufgibt. Wer ist dieser Mann?

Geboren wurde Carles Puigdemont 1962 in dem kleinen Bergdorf Amer, rund 20 km westlich von Girona. Seine Eltern hatten eine Konditorei, eine Karriere dort stand für ihn aber nie zur Debatte. Sein Weg führte ihn nach Girona zum Studium. Schon hier wurde klar: Carles Puigdemont liebt sein Land. Aber eben nicht primär Spanien, sondern Katalonien. Er schrieb sich für katalanische Philologie ein und begann parallel 1982 als studentische Aushilfe bei der lokalen Presse als Korrektor. Das war der Schritt, der sein Leben für viele Jahre bestimmen sollte.

Video

Puigdemont bekam einen Job als Lokalkorrespondent, schmiss sein Studium und widmete sich fortan komplett dem Journalismus. Er reiste durch ganz Europa und verfasste gesellschaftspolitische Reportagen. 1994 machte er mit dem Buch "Kata...was? Katalonien aus Sicht der internationalen Presse" auf sich aufmerksam. Unter anderem, um der geringen Berichterstattung über seine Heimat entgegenzuwirken, gründete er so 1998 die katalanische Nachrichtenagentur "Agència Catalana de Notícies", deren Direktor er auch bis 2002 war.

Mission Unabhängigkeit

Seine Politkarriere begann er bereits früh in der Jugendorganisation der katalanischen Partei "Convergència Democràtica de Catalunya (CDC)" - des "Demokratischen Zusammenschlusses Kataloniens". 2006 trat er bei den katalanischen Parlamentswahlen an und wurde ins Regionalparlament gewählt. Die erste Attacke auf eine Führungsposition scheiterte jedoch ein Jahr später. Als Spitzenkandidat für den Stadtrat Gironas verlor er gegen die sozialdemokratische Partei. Nach vier Jahren Opposition trat er 2011 erneut an, gewann die Wahl letztendlich und wurde zum ersten nicht-sozialdemokratischen Bürgermeister Gironas seit 1977. Es war damals die erste Wahl nach dem Franco-Regime.

Nicht zuletzt wegen dieses Erfolgs berief ihn 2015 der "Associació de Municipis per la Independència", der einflussreiche "Städtebund für die Unabhängigkeit", zu seinem Vorsitzenden. Ihm gehören rund 83 Prozent aller Gemeinden Kataloniens an. Bei der im selben Jahr stattgefundenen katalanischen Parlamentswahl zog er für das neugegründete Wahlbündnis "Junts pel Sí", was so viel heißt wie "Zusammen für Ja", ins katalanische Parlament ein und wurde später zum neuen Ministerpräsidenten Kataloniens gewählt.

Auf seiner Agenda ganz oben: die Loslösung von Spanien. "Wir werden die Invasoren vertreiben", zitierte Puigdemont vor einiger Zeit zu einem festlichen Anlass einen katalanischen Journalisten aus den 1930er Jahren. Jetzt nach dem Referendum fühlt er sich wie der "Präsident eines freien Landes, in dem Millionen Menschen eine wichtige Entscheidung getroffen haben". Das sagte er der "Bild-Zeitung".

Ihm scheint es egal zu sein, ob das Referendum legal oder illegal war. Durch die gewaltsamen Polizeieinsätze am 1. Oktober hatte sich die Lage nochmals zugespitzt. Puigdemont forderte daraufhin den Abzug der "nationalen Polizei" - Madrid sprach von einer plumpen "Inszenierung" der Abstimmung - mittlerweile gibt es einen Generalstreik in der gesamten Region Katalonien.

"Sie haben uns keinen anderen Weg gelassen"

"Sie", das ist die Nationalregierung in Madrid. Die Verhandlungen seien jahrelang blockiert worden, sagte Puigdemont der "Bild". Die spanische Regierung handele wie ein "autoritärer Staat", in dem "politische Gegner verhaftet, Medien beeinflusst und Internetseiten blockiert werden". Die Regierung sieht das naturgemäß anders und pocht auf geltendes Recht. Viele Spanier und auch manch ein Katalane sehen in dem zweifachen Familienvater Puigdemont einen Hetzer. Einer, der nicht das Wohl der Bevölkerung im Blick hat, sondern nur seinen Willen durchsetzen will. Fakt ist: Das Referendum war illegal, das haben sowohl die spanische Regierung als auch das oberste Gericht entschieden. Außerdem haben nur rund 42 Prozent der Katalanen überhaupt abgestimmt.

Fakt ist aber auch: Neun von zehn, die ihre Stimme abgegeben haben, wollen eine Abspaltung. Darauf stützt sich Puigdemont und fühlt sich in seinem Bestreben bestätigt. Über die Kritik vieler, er würde Katalonien ruinieren, sagte er der FAZ: "Wirtschaftsnobelpreisträger sagen, dass Katalonien als unabhängiger Staat sehr lebensfähig sein wird." Aufgeben kommt für Puigdemont also sicherlich nicht infrage. Bereits in diesen Tagen könnte er die Unabhängigkeit für "sein" Katalonien ausrufen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen