Politik
Deutsche Fregatte mit Wasserproblem: die "Mecklenburg-Vorpommern"
Deutsche Fregatte mit Wasserproblem: die "Mecklenburg-Vorpommern"(Foto: Issio Ehrich)
Dienstag, 07. November 2017

Fregatte hat Wasserproblem: Taucher entdecken Schaden im Schiffsrumpf

Von Issio Ehrich

Bei einem Routine-Check fällt der Crew einer deutschen Fregatte etwas Ungewöhnliches auf. Im Bug dringt Wasser ein. Taucher gehen der Sache nach. Am Ende könnte das größte Problem wider Erwarten nicht zu viel, sondern zu wenig Wasser im Schiff sein.

Luftblasen steigen vor der kleinen Unterwasserkamera auf. Das schwere Atmen vom Taucheinsatzleiter Ole A. ist zu hören. An seinen ruckartigen Bewegungen ist zu erkennen, wie stark die Strömung sein muss. An der Backbordseite des Rumpfes der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" schafft A. es trotzdem, seine Lage im Wasser zu stabilisieren. Das Problem ist deutlich zu erkennen.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Ein paar Stunden vor dem Tauchgang hatten Techniker im Bug der Fregatte festgestellt, dass Wasser eindringt. Die Bilder, die A. mitbringt, bestätigen, was zu befürchten war. Das Schiff hat einen Schaden. Auf einer Fläche von ungefähr 15 mal 50 Zentimetern sieht die Außenhülle aus wie ein Pappstück, das mit einem Teppichschneider bearbeitet wurde. A. spricht von einem "Haarriss".

Es ist Donnerstag, wir befinden uns im Mittelmeer, Dutzende Seemeilen von der libyschen Küste entfernt. Grund zur Panik gibt es trotzdem nicht. Große Schiffe sinken nicht so schnell, schon gar keine Kriegsschiffe. Die "Mecklenburg-Vorpommern" ist in etliche Kammern unterteilt, die sich alle wasserdicht versiegeln lassen.

Ein Problem kann die Sache trotzdem werden - auch wenn zumindest für mich am Ende wohl eher zu wenig als zu viel Wasser an Bord die größte Herausforderung darstellen könnte. Aber eines nach dem anderen.

"Jetzt ist Kreativität gefragt"

Als A. das Video auf der Brücke präsentiert und seine Eindrücke schildert, geht es vor allem um eines: die Einsatzfähigkeit der Fregatte. Kann das Schiff auf See repariert werden? Muss es in ein Dock? Und wenn ja, in welches? Wie lange dauert es, bis eventuelle Ersatzteile verfügbar sind?

Bilderserie

Kommandant Christian Schultze fragt in die Runde auf der Brücke, ob irgendjemand eine Idee hätte, wie die Crew mit dem Schaden umgehen könnte. "Jetzt ist Kreativität gefragt", sagt er. "Keiner? O. k."

Die "Mecklenburg-Vorpommern" macht sich auf den Weg nach Norden, nach Taranto, einem Hafen im Süden Italiens. Zunächst, um die aus Seenot geretteten Flüchtlinge abzusetzen. Auf dem Weg unternimmt die Crew immer wieder Tests. Dabei dreht sich alles ums sogenannte Lenzhalten. Der Begriff beschreibt einen Zustand, in dem kein zusätzliches Wasser in das Schiff eindringt. Weil die Techniker an Bord doch noch kreativ geworden sind, ist angeblich mit einer "operativen Einschränkung" nicht zu rechnen.

Die Grenzen der Berichterstattung

Ole A. und sein Team übernehmen noch eine Reihe weiterer Tauchgänge, um zu prüfen, ob sich die kaputte Stelle durch Fahrten mit hoher Geschwindigkeit verändert, schlimmstenfalls durch die Belastung wächst. Doch das ist nicht der Fall. Langfristig gelöst ist das Problem damit trotzdem nicht.

Ob das Schiff noch im Einsatz in Stand gesetzt werden kann oder erst nach Rückkehr im Heimathafen, wird derzeit geklärt. Für die Bundeswehr bedeutet das womöglich wieder schlechte Presse.

Die Truppe hat, abgesehen von Rüstungspannen wie dem Eurohawk oder Airbus A400M, in den vergangenen Jahren vor allem mit kaputten Geräten für Schlagzeilen gesorgt. Zuletzt musste sie ihr letztes im Dienst befindliches U-Boot für Reparaturen abziehen. Bis Ende 2018 fehlt diese Fähigkeit der Marine nun vollständig.

Für mich als Journalist ist das eine schwierige Situation. Ich bin als "embedded reporter", also gewissermaßen als Mitglied der Besatzung an Bord. In den vergangenen Tagen hat sich zwischen mir und der Crew ein Vertrauensverhältnis aufgebaut und ich darf mit Ausnahme brisanter Besprechungen rund um die Arbeit der Geheimdienste bei allem dabei sein. Das ist nicht selbstverständlich. Das heißt für mich aber auch: Allzu tief in die Details und Folgen des Schadens eintauchen kann ich öffentlich nicht.

Nicht genug Frischwasser für den Rest der Fahrt?

Wir sind mittlerweile wieder auf See. Erstaunlicherweise ist vom Schaden gar nicht mehr so oft die Rede. Eine andere Sorge ist viel größer. Auch bei mir. Das Schiff hat noch eine Panne. Einer der zwei Frischwassererzeuger ist ausgefallen. Und mir hallt noch die Durchsage vom Ersten Offizier beim Abendessen im Ohr: "Beim aktuellen Verbrauch können wir nicht gewährleisten, dass wir genug Wasser haben, bis wir wieder im nächsten Hafen sind", knistert es aus den Lautsprechern. Der erste Offizier fordert die Besatzung auf, die "Duschzeiten" so kurz wie möglich zu halten. "Einschäumen, abduschen, raus", sagt er im gewohnt militärischen Ton. "Drei T-Shirts zum Waschen in die Maschine schmeißen ist hiermit auch untersagt." Dann folgt der entscheidende Satz: "Sollten Einzelne meinen, nicht Folge leisten zu müssen, treffen wir uns in meiner Kammer wieder und besprechen dieses Benehmen entsprechend nach. Duschen und Waschmaschinen werden dann für alle gesperrt."

Gesperrt? Für alle? Das darf auf keinen Fall passieren. Ich bin mittlerweile zehn Tage an Bord. An diesem Dienstag ist Waschtag. In dem Paar Socken, das ich heute trage, haben meine Füße schon gestern gesteckt.

Lesen Sie, was am 9. Tag auf See geschah.

Quelle: n-tv.de

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