Samstag, 19. Dezember 2009
Kommentar: Totales globales Versagen
Hubertus Volmer
Die "Kopenhagener Vereinbarung" ist ein Dokument der Unfähigkeit. Dennoch: Das Versagen von Kopenhagen darf nicht in den globalen Fatalismus führen.
Ratlose Gesichter: Die EU hatte sich schon vor einer Woche in Brüssel darauf verständigt, unbeweglich zu bleiben.
(Foto: dpa)
Dafür der ganze Aufwand? Vor zwei Jahren hatte die Welt auf Bali beschlossen, Ende 2009 ein rechtsverbindliches Abkommen zu schließen, mit dem der Klimawandel begrenzt werden sollte. Herausgekommen ist nun eine unverbindliche Absichtserklärung, wie sie gefühlt schon hundertfach verabschiedet wurde. Die "Kopenhagener Vereinbarung" ist ein banales Dokument des Scheiterns, der Unfähigkeit, des Mangels an gutem Willen.
Auf zwei Grad wollen die in Kopenhagen versammelten Vertreter aller UN-Mitgliedstaaten die Erderwärmung begrenzen. So weit war selbst die US-Regierung von George W. Bush schon vor zweieinhalb Jahren. Damals, beim G8-Gipfel in Heiligendamm, vereinbarten die Teilnehmerstaaten eine ebenso windelweiche Erklärung zum Klimaschutz.
"Die Zeit des Redens ist vorbei. Es ist Zeit zu handeln", sagte US-Präsident Barack Obama in seiner Rede in Kopenhagen. Doch weder Obama noch ein anderer der mehr als 100 angereisten Staats- und Regierungschefs hielt sich an diesen weisen Rat. Gewiss, jeder der Gipfelteilnehmer kann Gründe für sein persönliches Versagen vorbringen. Die Verantwortung ist breit gestreut, selbst Ex-Präsident Bush trägt noch immer einen guten Teil - ohne ihn hätten die USA längst eine Klimaschutzgesetzgebung, die es seinem Nachfolger erlaubt hätte, in Kopenhagen Führung zu übernehmen.
Diese Reise hat dem Klima nur geschadet: Obama kam am Freitagmorgen in Kopenhagen an, am Abend flog er schon wieder zurück.
(Foto: dpa)
Obama war nicht der weiße Ritter, als den viele ihn sehen wollten. Er hat versagt, ebenso der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao, ebenso die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, auch und vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie alle spielten Mikado zum Schaden der Welt: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Selbst die ärmsten und bedrohtesten Länder spielten mit: Afrika blockierte die Klimakonferenz, um am Ende doch mit den ursprünglich angebotenen Finanzhilfen des Nordens einverstanden zu sein, und die kleinen Inselstaaten legten den Gipfel zwischenzeitlich mit der Forderung lahm, das Zwei-Grad-Ziel um ein halbes Grad abzusenken. Natürlich wäre es wünschenswert, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, und natürlich steht für Tuvalu, die Malediven und all die anderen Inselstaaten weitaus mehr auf dem Spiel als für uns hier im reichen Norden. Doch leider ist es bereits zu spät: 1,5 Grad werden keinesfalls zu schaffen sein.
Vorläufig sieht es nicht einmal danach aus, dass zwei Grad realistisch sind. Kopenhagen sei das wichtigste internationale Treffen seit dem Zweiten Weltkrieg, hatte der britische Klimaökonom Nicholas Stern vor der Konferenz gesagt. Das war nicht übertrieben, es ging um nichts weniger als um die Rettung der Welt. Das kollektive Scheitern hat historische Dimensionen: Die Weltklimakonferenz wird als Wendepunkt in die Geschichte eingehen, als Chance, die von verantwortungslosen Politikern verspielt wurde.
Eines kann aus Kopenhagen dennoch gelernt werden: Das zynische Taktieren, die albernen Spielchen der Staats- und Regierungschefs sind die falsche Strategie. Denn beim Klima-Mikado verlieren alle. Was Kopenhagen deshalb nicht sein darf, ist ein Wendepunkt in den globalen Fatalismus. Das Versagen der USA, Chinas und Europas ist gigantisch. Es darf aber nicht als Ausrede dienen, in Zukunft noch weniger zu tun - nicht für die Regierungen, nicht für die globale Öffentlichkeit, nicht für jeden Einzelnen. Die Politik hat versagt. Der Klimaschutz muss weitergehen.
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