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"Schlächter", "Bulldozer", Kämpfer, Führer, Politiker: Trauer und Häme über Scharons Tod

Er starb nach langem Todeskampf im Kreise seiner Familie: Israels früherer Regierungschef Ariel Scharon ist tot. Politiker in aller Welt würdigen den alten Kämpfer als einen der wichtigsten Architekten des Landes. Die radikalislamische Hamas wünscht ihn zur Hölle.

Der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon ist tot. Nach acht Jahren im Koma starb er jetzt im Alter von 85 Jahren in einem Krankenhaus bei Tel Aviv. Politiker in aller Welt würdigten die Verdienste des ehemaligen Regierungschefs für Israel. Palästinenser bezeichneten ihn dagegen als Kriminellen und erklärten, sein Name werde für immer mit Schmerz, Blut, Folter, Vertreibung und Verbrechen verbunden sein.

Ariel Scharon 2005 in seinem Büro. Ein Jahr später erlitt er einen Schlaganfall und lag seither im Koma.
Ariel Scharon 2005 in seinem Büro. Ein Jahr später erlitt er einen Schlaganfall und lag seither im Koma.

Der ebenso schillernde wie umstrittene Politiker und Militär hatte 2006 einen Schlaganfall erlitten und seither im Koma gelegen. Er hatte seit langem mit dem Tode gerungen. Seine engsten Familienangehörigen harrten seit mehr als einer Woche an seinem Krankenbett in einer Spezialklinik in Tel Haschomer aus. Zuletzt hatten die Ärzte von multiplen Organschädigungen berichtet.

"Mein lieber Freund, Ariel Scharon, hat heute seinen letzten Kampf verloren", erklärte Präsident Schimon Peres. Er würdigte Scharon als einen der größten Beschützer und wichtigsten Architekten Israels. "Ariel war ein tapferer Soldat und kühner Führer, der seine Nation liebte und sein Land liebte ihn."

Regierungschef Benjamin Netanjahu bezeichnete Scharon als "großen militärischen Führer" und "mutigen Kämpfer", dessen Erinnerung "immer im Herzen der Nation" bleiben werde.

Der Leichnam wird von diesem Sonntag an im israelischen Parlament, der Knesset, in Jerusalem aufgebahrt. Am Montag nimmt Israel mit einer staatlichen Trauerfeier im Parlament Abschied vom Ex-Regierungschef. Das Begräbnis findet dann am Nachmittag auf Scharons Ranch in der Negev-Wüste im Süden des Landes statt, wie der Armeerundfunk und weitere israelische Medien unter Berufung auf die mit der Organisation des Begräbnisses betraute Minister-Kommission mitteilten.

"Das ist es. Er ist von uns gegangen. Er ist gegangen, als er sich entschieden hatte zu gehen", sagte Scharons Sohn Gilad am Nachmittag vor dem Krankenhaus Tel Haschomer. Die Familie danke all den Menschen im In- und Ausland, die sich um Ariel Scharon gesorgt und für ihn gebetet hätten. Der Sohn sprach auch den Ärzten und Pflegern seinen Dank aus, die seinen Vater all die Jahre umsorgt hatten. Scharon hinterlässt zwei erwachsene Söhne und mehrere Enkelkinder. Er wäre am 27. Februar 86 Jahre alt geworden.

Tapfere und kontroverse Entscheidungen getroffen

Scharon war von 2001 an fünf Jahre lang Regierungschef. Der als Kriegsheld verehrte Politiker setzte 2005 den einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen durch. Nach Streit mit den alten Weggefährten verließ Scharon den von ihm mitbegründeten rechtsorientierten Likud und gründete 2005 die Partei der Mitte, Kadima.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Scharon als israelischen Patrioten, der sich große Verdienste um sein Land erworben habe: "Mit seiner mutigen Entscheidung, die israelischen Siedler aus dem Gazastreifen abzuziehen, hat er einen historischen Schritt auf dem Weg zu einem Ausgleich mit den Palästinensern und zu einer Zwei-Staaten-Lösung getan", erklärte sie in Berlin.

Der britische Premierminister David Cameron bezeichnete Scharon als eine der signifikantesten Figuren in der israelischen Geschichte. "Als Premierminister hat er tapfere und kontroverse Entscheidungen getroffen, um nach Frieden zu streben." Frankreichs Präsident François Hollande würdigte Sharon als "wichtigen Akteur in der Geschichte" Israels, Kremlchef Wladimir Putin bezeichnete ihn als Verteidiger seines Volkes.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton erklärte, Scharon habe sein Leben dafür gegeben, Israel zu schützen. "Es war eine Ehre, mit ihm zu arbeiten, zu diskutieren und zuzusehen, wie er stets versuchte, den richtigen Weg für sein geliebtes Land zu finden."

Scharon hinterlässt "ein schweres Erbe"

Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Schimon Stein, zog indes eine kritische Bilanz des politischen Lebens Scharons. Einerseits sei er einer der "größten Patrioten des Landes" gewesen, sagte Stein der "Huffington Post". Andererseits sei Scharon eine "politisch höchst umstrittene Figur". "Er hat viele unglückliche und falsche Entscheidungen getroffen und unserem Land ein schweres Erbe hinterlassen".

Stein prangerte vor allem die rigorose Siedlungsbaupolitik Scharons in den Palästinensergebieten an. "Scharon hat seit jeher großes Misstrauen gegen die Palästinenser gehegt", sagt er. Das habe tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirkten - gerade im Verhältnis zwischen Israel und den Palästinensern: "Die Siedlungsbauten sind Scharons Makel und Israels großes Hindernis auf dem Weg zu einem Friedensvertrag", sagte Stein.

Stigma als "Schlächter von Beirut" bleibt

Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa war während seiner langen Karriere in Armee und Politik von Anhängern verehrt, aber von Gegnern gefürchtet und gehasst. Sein legendäres Stehvermögen in politischen Auseinandersetzungen brachte ihm den Spitznamen "Bulldozer" ein.

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Den Bau israelischer Siedlungen in den 1967 besetzten arabischen Gebieten unterstützte Scharon anfangs massiv. Als besondere Provokation empfanden die Palästinenser einen Besuch des damaligen Oppositionspolitikers im September 2000 auf dem Muslimen wie Juden heiligen Tempelberg (Haram al-Scharif) in der Altstadt von Jerusalem. Die Unruhen mündeten in einen bewaffneten Aufstand der Palästinenser, der Intifada.

Im kollektiven Gedächtnis der Araber wird Scharon wohl immer der "Schlächter von Beirut" bleiben. Während des Libanon-Krieges hatten mit Israel verbandelte libanesische Milizen 1982 ein Massaker an Hunderten Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila begangen. Eine israelische Kommission attestierte dem damaligen Verteidigungsminister Scharon indirekt eine Mitschuld. Der Ex-General musste 1983 sein Amt räumen.

Hamas wünscht Scharon die Hölle

Scharfe Töne kamen deshalb von der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas. "Scharon ist ein Krimineller, und er zählte zu denen, die Unglück über das palästinensische Volk gebracht hat", erklärte Hamas-Sprecher Salah al-Bardawil in Gaza. "Wir beten zu Allah, dass Scharon und all die zionistischen Führer, die Massaker gegen unser Volk verübt haben, zur Hölle gehen." "Der Weggang dieses Tyrannen gibt uns mehr Vertrauen in den Sieg", sagte der Hamas-Sprecher. Die Anhänger empfänden extreme Freude über den Tod dieses Kriminellen, dessen Hände mit Blut des palästinensischen Volkes beschmiert seien.

Die palästinensische Fatah-Bewegung von Präsident Mahmud Abbas erinnerte ebenfalls an Scharons gewaltsames Vorgehen gegen die Palästinenser. Auf Scharon warte nun Gottes Strafe, sagte das führende Fatah-Mitglied Dschamal Muhessen. "Er wird für seine Verbrechen bestraft werden, vor allem für Sabra und Schatila", betonte Muhessen. Abbas selbst, der mit Israel Friedensgespräche führt, äußerte sich zunächst nicht zum Tode Scharons. Ein Sprecher würdigte jedoch das spätere Bestreben Scharons, dem palästinensischen Volk sein Land zu lassen.

Quelle: n-tv.de

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