Politik
Die Grenzen einfach zu schließen, hält der Politikwissenschaftler Münkler für zu einfach.
Die Grenzen einfach zu schließen, hält der Politikwissenschaftler Münkler für zu einfach.(Foto: REUTERS)

Tragik der Asyldebatte im Brennglas: Treffen sich ein Pegidist und ein Professor…

Von Issio Ehrich

Warum ist es eigentlich so schwer, vernünftige Lösungen für den Umgang mit Flüchtlingen zu finden? Ein Grund dafür ist auch die Art der Debatte über Asyl und Integration. Ein Fallbeispiel.

Stört das Publikum Herfried Münkler mit Zwischenrufen, sagt er Sätze wie diese: "Passen Sie mal auf, und hören Sie erstmal zu", "Warten Sie, ich will Ihre Gedanken erst noch ein bisschen beflügeln". Der Professor von der Berliner Humboldt-Universität lässt auf diese Sätze immer wieder kluge Gedanken folgen. Dass Frauen die "integrationstechnische Schlüsselfalle" darstellten zum Beispiel. Männliche Flüchtlinge ließen sich viel schneller in den Arbeitsmarkt bringen und würden so Teil der Gesellschaft. Frauen dagegen, die in vielen Herkunftsländern traditionell zuhause bleiben, eher nicht. Sie seien es aber, die die zweite und dritte Generation der Zuwanderer großzögen.

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Einige Leute im Publikum, die Münkler erreichen will, erreicht der Politikwissenschaftler mit seinen vorlesungsartigen Exkursen aber nicht - aller klugen Worte zum Trotz. "Boah, ist der arrogant", flüstert eine Frau ihrer Nachbarin zu.

Ein Mittwochabend in der Urania, einem Veranstaltungsort in Berlin, an dem seit 1888 der Versuch unternommen wird, wissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlich mit der Öffentlichkeit zu teilen. Das Thema: "Wie kann Integration gelingen?" Die Eigenarten der Debatte über Asyl und Integration, die derzeit in Deutschland tobt, lässt sich in der Urania an diesem Abend in all ihrer Absurdität und Tragik im Kleinen beobachten. Die Hauptprotagonisten dieses Schauspiels sind neben dem Professor: der pöbelnde Pegidist, die Linke und der Praktiker. Natürlich fehlt auch die unerhörte Masse nicht. Aber eines nach dem anderen.

Buschkowsky klärt die Sache mit dem Schniedel

Münkler nennt abgelehnte, aber geduldete Asylbewerber die "Schreckgestalt der Integration". Er fordert, dass man diese Menschen entweder schnell abschieben oder, wenn das nicht möglich und zumutbar ist, endgültig bleiben lassen müsse. Sie über Jahre zu einer Existenz im asylrechtlichen Limbus zu verdammen, bezeichnet er als "Integrationskatastrophe".

Münkler sagt auch: "Wenn jedes Jahr 1,5 Millionen Menschen zu uns kommen, können wir Integration vergessen." Dann wären alle Kräfte für den Aufbau von Unterkünften und die Verpflegung der Menschen gebunden. Wer daraus schlussfolgert, Deutschland müsse seine Grenzen schließen, mache es sich aber zu einfach. Münkler schildert, wie andere EU-Staaten nachziehen, wie sich Flüchtlinge in den Nicht-EU-Staaten wie Mazedonien und im überforderten Griechenland stauen würden. "Dann haben wir da nur noch Failed States", sagt Münkler. Mit dem Durchdringen ist es bei dem Professor an diesem Abend aber, wie gesagt, so eine Sache.

Wesentlich besser gelingt das dem ehemaligen Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky. Schon nachdem der kaum zwei Sätze gesagt hat, raunt ein älterer Herr von einer der hinteren Sitzreihen ehrfurchtsvoll: "Das ist ein Praktiker."

Buschkowsky gelingt es famos, die Herausforderungen und Gefahren der Zuwanderung in möglichst drastischen Bildern zu zeichnen. Er spricht von 600.000 alleinstehenden jungen Männern, die jetzt ins Land kämen. Und er fügt hinzu: "Alleinstehende junge Männer sind per se ein Gefährdungspotenzial." Diese Einwanderung ungesteuert zu lassen, nennt Buschkowsky eine "sträfliche Vernachlässigung". Man könne ja nicht wegdiskutieren, dass es Unterschiede zwischen den Menschen aus "muslimischen Feudalstaaten" und Biodeutschen gebe. Dann verweist er auf Grundwerte, die in Deutschland gelten, und spielt auf die sexuellen Übergriffe der Kölner Silvesternacht an. Feminismus á la Buschkowsky: "Der Mensch ist immer gleich viel wert, egal ob Schniedel dran oder Schniedel ab." Buschkowsky warnt: "Unsere Städte werden zugrunde gehen." Er spricht von "NoGo-Areas".

Niemand auf dem Podium bekommt so viel Applaus wie der frühere Bezirksbürgermeister. Obwohl seine Lösungsvorschläge trotz der Warnungen Münklers vor Failed States auf dem Balkan darin bestehen, die unkontrollierte Einreise infrage zu stellen und ein nicht weiter spezifiziertes Integrationskonzept, das im Grundgesetz verankert sein müsse, zu fordern.

Ein Aufschrei aus der Social-Media-Blase

Nur Katja Kipping kann noch heftigere Reaktionen hervorrufen als Buschkowsky. Statt Zustimmung erntet die Parteivorsitzende der Linken aber vor allem Widerstand. Zum Beispiel, als sie dazu aufruft, nach den Kölner Übergriffen nicht alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Aus dem Publikum schallt es zurück, dass dies hier doch auch niemand tue. Da sie daraufhin anfängt, über ihre Erfahrungen aus ihrer Heimat, dem Pegida-Stammland Sachsen, und über Hetze in sozialen Netzwerken zu sprechen, fühlen sich die meisten Menschen im Saal heftig angegriffen. Denn das sind Berliner mittleren und fortgeschrittenen Alters, die überhaupt nichts mit den Rechten von Dresden zu tun haben. Die Leute raunen, tuscheln. Nach der Veranstaltung werden sich einige von ihnen darüber beschweren, dass das Publikum nicht mitdiskutieren durfte, dass nicht einmal eine Fragerunde nach dem Podiumsgespräch vorgesehen war.

Aus den Reihen des Publikums ist nur einer laut genug, um für kurze Zeit die volle Aufmerksamkeit der rund 300 Leute im Saal zu erhaschen. Es ist ausgerechnet ein älterer Herr, der der Minderheit im Publikum angehört, die sich zu Recht von Kippings Verallgemeinerungswarnung angesprochen fühlt. Er pöbelt die Politikerin an: "Haben Sie nicht die Leitartikel in der FAZ gelesen?" Ohne zu erklären ob er die Leitartikel von heute, gestern oder alle  je in der Zeitung erschienenen meint. "Es geht doch um die Frage, was für eine Kultur da hochkommt", führt er dann aus, ohne sich dadurch entscheidend verständlicher zu machen. Wahrscheinlich meint der Schreihals die Leitartikel, die gerade alle in seiner Social-Media-Blase lesen. Im Saal zumindest sind die meisten froh, als er nach mehrfacher Ermahnung endlich die Klappe hält.

Kipping tut so, als hätte sie etwas gelernt

Nach beinahe zwei Stunden neigt sich die Diskussionsrunde dem Ende zu. Der Moderator greift zu einem kleinen Kunstgriff. "Wenn man auf Sendung ist, sind die Ohren bekanntlich klein und die Münder groß", sagt er. Dann fragt er vom Professor bis zur Linken alle Teilnehmer, was sie an diesem Abend von den jeweils anderen gelernt haben.

Die Linke Kipping tut nur so, als hätte sie etwas Neues herausgefunden und nennt die Warnung des Professors Münkler davor, aus syrischen Flüchtlingen eine Legion zu bilden, die gegen den IS kämpfen könnte. Kippings Partei lehnt seit jeher Kriegseinsätze ab. Münkler verbeugt sich trotzdem dankend vor der Dame. Seine eigene Redezeit nutzt er im Wesentlichen, um den Kern seines Eingangsplädoyers nochmals zu wiederholen. Wichtig sei, die Aufnahme von Menschen und ihre Integration nicht als Akt der Barmherzigkeit zu begreifen, sondern als Investition in die eigene Zukunft. Der Praktiker Buschkowsky ist gewohnt direkt. Seine Antwort auf die Frage, was er von den anderen gelernt habe: "In mir spüre ich eine große Leere."

Quelle: n-tv.de

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