Politik
Die Mehrheit der Latinos entschied sich bei der US-Wahl gegen Donald Trump.
Die Mehrheit der Latinos entschied sich bei der US-Wahl gegen Donald Trump.(Foto: imago/Agencia EFE)
Mittwoch, 09. November 2016

Riskante Wette gegen die Zukunft: Trump siegt trotz Latino-Hetze

Von Roland Peters

Trotz der Bedeutung der Latinos für den Schlüsselstaat Florida setzt Trump im US-Wahlkampf auf Verunglimpfungen von Minderheiten. Mit Erfolg. Doch die Republikaner übernehmen das Weiße Haus mit einer risikoreichen Wette gegen die Zukunft.

"Wir werden von Tag eins an eine undurchdringliche, hohe, mächtige, schöne, südliche Grenzmauer bauen." Die Menschen in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona schreien ihre Begeisterung heraus. Donald Trump hebt den Finger und schiebt hinterher: "Mexiko wird für sie bezahlen, sie wissen es nur noch nicht." Für den Geschäftsmann das Sahnehäubchen. Öffentliche Wahlkampfdrohungen wie diese Ende August haben Wirkung gezeigt - so, wie es sich Trump erhofft hatte. Der Milliardär hat die Präsidentschaftswahl gewonnen, nicht Hillary Clinton.

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Trump hatte sich im Wahlkampf für eine riskante Wette entschieden: Er setzte auf gesellschaftliche Spaltung. Trotz seiner Anti-Latino-Rhetorik gewann er. Landesweit votierten laut CNN 29 Prozent der Latinos für ihn. Mexikaner seien eine Gefahr für die Bevölkerung, hatte er immer wieder gesagt; Kriminelle, Vergewaltiger, Drogen-Dealer. Viele von ihnen haben sich das nicht gefallen lassen. Die Latinos machen 12 Prozent aller Wahlberechtigten in den USA aus.

Als wichtigster Schlüsselstaat für den Republikaner galt Florida, fast alle seine vorausgesehenen Wege ins Weiße Haus führten über die 29 Wahlmänner des Staates an der südöstlichen Spitze des Landes. Mindestens 270 Wahlmänner waren für den Gesamtsieg nötig. Floridas Exilkubaner tendieren traditionell eher zu den Konservativen als die anderen Latinos im Bundesstaat. Sie machen dort gemeinsam 18 Prozent der Wahlberechtigten aus. Trump gewann trotzdem.

Clinton in Florida schlechter als Obama

Florida ist ein umkämpfter Swing State, von CNN martialisch Battleground State genannt. Obama war 2012 der erste demokratische Präsident seit Franklin D. Roosevelt im Jahr 1944, der Florida verteidigen konnte. Allerdings war es extrem knapp, insgesamt nur 74.309 Stimmen Vorsprung bei allen Wählergruppen. Bei den Latinos aber fuhr Obama 71 Prozent ein. Sie ermöglichten seinen Sieg. Für Hillary Clinton votierten nur noch 62 Prozent der Latinos. Zu wenig.

In Florida hatten schon vergangene Woche mehr als doppelt so viele Latinos als vier Jahre zuvor ihre Stimme abgegeben. In mehreren Bundesstaaten zeigte sich beim "Early Voting" ein Trend zu höherer Mobilisierung. Auch in Nevada, wo sich 18 Prozent der Wahlberechtigten als Latinos bezeichnen. Im Oktober sagten in einer landesweiten Umfrage des Pew Instituts 44 Prozent von ihnen, sie gäben Clinton ihre Stimme, weil sie Trump verhindern wollten. Trumps Äußerungen hatten demnach großen Einfluss auf die Entscheidung: Drei Viertel sagten, sie hätten mit ihren Freunden, Familien und Bekannten im vergangenen Jahr über Trumps Positionen gesprochen.

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Als Knackpunkt für die Abneigung kann eben jener 31. August gelten, als Trump in Arizona von einer Grenzmauer als Teil eines Zehn-Punkte-Planes gegen illegale Einwanderung sprach. Nirgendwo sonst ist der Anteil der Latinos an der Wählerschaft so groß wie in dem südlichen Grenzstaat, er liegt dort bei 22 Prozent. Trump nahm bewusst in Kauf sie zu verprellen, und auch diesen, eigentlich republikanisch orientierten Staat an die Demokraten zu verlieren. Er gewann ihn trotzdem - wohl vor allem dank der vielen Pensionäre, die in dem Bundesstaat leben. 

Weniger mexikanische Einwanderer

Im Juni 2015 beschimpfte der Milliardär die Mexikaner als Kriminelle. Allein 5,3 Millionen von ihnen leben ohne Aufenthaltserlaubnis in den USA. Obama hatte eine Amnestie initiiert, um sie wie die weiteren rund sechs Millionen Menschen mit fehlenden Papieren zu legalisieren. Trump kündigte bei seiner Rede in Phoenix an, diese Entscheidung rückgängig zu machen, alle Betroffenen zu verhaften und in ihre Herkunftsländer auszuweisen. Die Mauer sollte verhindern, dass andere die Grenze nach Norden übertreten. Diese Ankündigung gefiel vor allem den Hardlinern und (arbeitslosen) Arbeitern, die sich abgehängt fühlen.

Die Fakten sind jedoch: Seit der Finanzkrise 2008 ist die Zahl illegaler Mexikaner in den USA stetig zurückgegangen. Die Zahl illegaler Arbeitskräfte insgesamt blieb stabil bei rund 8 Millionen. Der "Kreislauf aus illegaler Einwanderung und Amnestie" für die "vergessenen Arbeiter", wie er es sagte, ist demnach längst zum Stillstand gekommen. Am Tag nach der provokanten Rede kündigten viele einflussreiche republikanische Latinos ihre Unterstützung für den eigenen Präsidentschaftskandidaten auf. Trumps Pöbeleien und Provokationen hatten ihm den überraschenden Sieg in den Vorwahlen gebracht - und nun auch den Weg ins Weiße Haus geebnet.

Inzwischen rechnet sich fast ein Drittel der US-Wahlberechtigten der Gruppe aus Latinos, Schwarzen, Asiaten oder einer anderen Minderheit zu. In der Geschichte der USA waren noch nie mehr Latinos wahlberechtigt als in diesem Jahr, gibt das Pew-Institut an: etwa 27,3 Millionen Menschen von insgesamt 225,7 Millionen. 2012 waren es noch 10 Prozent. Seit drei Jahrzehnten erreicht die Zahl der Latinos bei jeder Präsidentschaftswahl ein neues Rekordhoch. Im Jahr 2032 werden geschätzt doppelt so viele wahlberechtigt sein wie 2012. Es könnte der letzte große Sieg mit knallharter Rhetorik gewesen sein.

Keine Strategie für die Zukunft

Während die Zahl der Latino-Wähler steigt, ist die republikanische Bilanz bei ihnen in diesem Jahrhundert desaströs: Sich mit dieser Bevölkerungsgruppe so anzulegen, wie es Trump tat, wird in Zukunft eine Niederlage immer wahrscheinlicher machen. Bei jedem Votum über das Weiße Haus seit 2004 schnitten die Republikaner unter Latinos schlechter ab als bei der vorherigen. Mitt Romney erhielt im Jahr 2012 nur 27 Prozent ihrer Stimmen, John McCain bekam 2008 noch 31 Prozent, und George W. Bush vier Jahre zuvor sogar 44 Prozent.

Für die Republikaner zeichnet sich ein neues politisches Sperrgebiet ab. Noch bilden Weiße die größte Wählerschaft in den USA, aber das könnte sich bis Mitte des Jahrhunderts geändert haben. Latinos machen über die Hälfte des bisherigen US-Bevölkerungswachstums seit 2000 aus. Trumps Wahlkampf auf Kosten der (Noch-)Minderheiten könnte sich zum historischen Fehler entwickeln. Wer in Zukunft in der US-Politik gegen andere ethnische Gruppen wettert, hat die Zeit und damit einen immer größeren Teil der Bevölkerung gegen sich. Da hilft keine noch so hohe Wand - selbst wenn Trump die Mexikaner tatsächlich dazu bringen sollte, sie zu bezahlen.

Quelle: n-tv.de

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