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Kurdische Peschmerga-Einheiten beobachten US-Luftschläge im Sindschar-Gebirge.
Kurdische Peschmerga-Einheiten beobachten US-Luftschläge im Sindschar-Gebirge.(Foto: REUTERS)

Bis zu 55.000 Jesiden eingekesselt: US-Luftwaffe nimmt erneut IS aufs Korn

Tausende jesidische Flüchtlinge sind im nordirakischen Sindschar-Gebirge von IS-Milizen eingeschlossen. Die humanitäre Lage ist katastrophal. Die USA schicken nun erneut ihre Luftwaffe in die Region, um die Islamisten zurückzuschlagen.

Wer sind die Jesiden?

Die Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Weltweit wird geschätzt, dass es noch rund 800.000 Anhänger der Religion gibt - im Irak sollen bis zu 550.000 davon leben. Jeside wird man ausschließlich qua Geburt, eine Konversion ist nicht möglich. Die Religionsgemeinschaft missioniert nicht. Wer eine andersgläubige Person heiratet, lässt damit automatisch das Jesidentum hinter sich.

Die Jesiden verstehen sich als älteste Religion der Welt. Sie glauben an einen einzigen Gott, der sieben Engel geschaffen hat, die in verschiedenen Zeitaltern herrschen. Paradies und Hölle gibt es im Glauben der Jesiden nicht, stattdessen gehen sie von einer Wiedergeburt aus. Im Jesidentum herrscht ein strenges Kastensystem.

In ihrer Geschichte wurden die Jesiden immer wieder verfolgt. Die religiösen Rituale dürfen nicht vor Ungläubigen praktiziert werden - in den Augen vieler macht sie dies verdächtig. Die Terrorgruppe IS verunglimpft sie als "Teufelsanbeter".

Die USA haben am Samstag vier neue Luftangriffe gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ausgeführt. Wie das US-Zentralkommando in Tampa in Florida mitteilte, galten die Operationen dem Schutz der nordirakischen Jesiden, die vor den Gräueltaten der Dschihadisten in das Sindschar-Gebirge geflüchtet sind und von den Terroristen willkürlich angegriffen worden seien. Alles deute darauf hin, dass die Angriffe erfolgreich gewesen seien.

Auch versorgten US-Flugzeuge die Menschen in Sindschar-Gebirge zum dritten Mal mit Wasser und Lebensmittel, teilte das Zentralkommando in der Nacht zum Sonntag mit. Bisher seien damit mehr als 52.000 Packungen Fertigessen und Behälter mit mehr als 40.000 Litern Wasser abgeworfen worden.

US-Präsident Barack Obama hatte zuvor erneut betont, dass der Militäreinsatz der USA begrenzt sei und keine Bodentruppen in den Irak zurückkehren würden. Es werde weitere Luftangriffe geben, wenn dies zum Schutz der Amerikaner oder religiöser Minderheiten im Land nötig sei. Auf einen Zeitrahmen dafür, wie lange diese Operationen andauern könnten, legte er sich nicht fest.

Auch Drohnen im Einsatz

Stattdessen verwies Obama wiederholt darauf, dass die USA das Problem letztendlich nicht lösen könnten, auch nicht militärisch. "Wir können das nicht für sie erledigen", sagte er vor seiner Abreise in einen rund zweiwöchigen Urlaub auf Martha's Vineyard. Nötig sei die Bildung einer Regierung im Irak, die die religiöse und gesellschaftliche Vielfalt im Land widerspiegele. Er glaube nicht, sagte Obama mit Blick auf den Kampf gegen die IS-Miliz, "dass wir dieses Problem innerhalb von Wochen lösen können...Es ist wird ein Langzeit-Projekt sein."

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Am Sonntag will das Parlament erneut über eine Regierungsbildung beraten. Bislang war eine Einigung am Streit der politischen Blöcke gescheitert.

US-Kampfflugzeuge hatten bereits am Freitag in zwei Angriffswellen Stellungen der Terrormiliz in der Nähe der Stadt Erbil geflogen. Dabei kamen neben F-18-Jets eines Flugzeugträgers auch Predator-Kampfdrohnen zum Einsatz. Die US-Regierung begründet die Luftangriffe mit dem Ziel, eigene Landsleute im Irak zu schützen sowie den Vormarsch der IS-Extremisten und die Verfolgung christlicher und anderer Minderheiten zu stoppen.

Bei der humanitären Hilfe für die nordirakischen Jesiden hätten der französische Präsident François Hollande und der britische Regierungschef David Cameron in Telefonaten Unterstützung zugesagt, berichtete Obama. Großbritannien schickte nach Angaben von Entwicklungshilfeministerin Justine Greening zwei Transportflugzeuge mit Hilfsgütern auf die Reise. Darunter seien Trinkwasser, Zelte und Solarzellen unter anderem zum Aufladen von Mobiltelefonen. Frankreich werde in den nächsten Stunden eine erste Lieferung mit Hilfsgütern auf den Weg bringen, berichtete der Elysée-Palast nach einem Telefonat Hollandes mit dem Präsidenten der kurdischen Autonomiegebiete, Massud Barsani. Obama und den USA sicherte Hollande die volle Unterstützung Frankreichs zu.

Jesiden in Bielefeld demonstrieren friedlich

Die von den sunnitischen Extremisten als Ungläubige verfolgten Jesiden waren mehrere Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten, bevor US-Maschinen in der Nacht zum Freitag erste Hilfslieferungen abwarfen. Kurdische Medien berichteten, dass IS-Extremisten auf Flüchtlinge schossen, die versuchten, das Gebirgsmassiv in Richtung Syrien oder Kurdistan zu verlassen. Nach örtlichen Medienberichten konnten Peschmerga-Soldaten inzwischen 10.000 Jesiden durch einen Schutzkorridor in Sicherheit bringen. Nach Angaben des Zentralrats der Jesiden in Deutschland warten aber noch 200.000 Angehörige der Religionsgemeinschaft in ihren Dörfern in der Region Sindschar auf Hilfe.

Mehrere Tausend Jesiden demonstrierten am Samstag in Bielefeld gegen die IS-Gräuel im Nordirak. "Das ist kein Krieg sondern Völkermord", "Stoppt IS", stand auf Plakaten. Die Demonstration verlief zunächst friedlich.

Laut einem aktuellen UN-Bericht beherbergt die kurdische Autonomieregion im Nordirak mittlerweile über 600.000 Flüchtlinge. 380.000 Iraker sind seit den Angriffen des Islamischen Staates in die weitestgehend stabile Region im Norden des Landes geflohen; hinzu kommen rund 230.000 Flüchtlinge aus dem syrischen Bürgerkrieg. Nach UN-Angaben sind allein seit Montag rund 200.000 Menschen vertrieben worden, rund 40.000 davon aus Kirkuk. Die meisten stammten aus christlichen und jesidischen Dörfern. Weiterhin seien noch Tausende vornehmlich jesidische Familien im irakischen Sindschar-Gebirge eingeschlossen. Die UN-Mission im Irak schätzt deren Zahl auf 15.000 bis 55.000.

Quelle: n-tv.de

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