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Momentan sieht es nicht danach aus, als ob Ben Bernanke um seinen Posten kämpfen würde.
Momentan sieht es nicht danach aus, als ob Ben Bernanke um seinen Posten kämpfen würde.(Foto: REUTERS)

US-Wahl entscheidet über Fed-Chef: Bernankes Stuhl wackelt

Die US-Wahl wird nicht nur bestimmen, wer ins Weiße Haus sitzt, sondern möglicherweise auch, wer den obersten Posten bei der US-Notenbank Fed besetzen wird. Präsidentschaftskandidat Romney gilt nicht gerade als Fan des aktuellen Fed-Chefs Ben Bernanke. Doch der könnte ohnehin bald seinen Hut nehmen. Bernanke gilt als amtsmüde.

Am 6. November entscheidet sich nicht nur, wer in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus an den Schalthebeln der Macht sitzt. Auch für Ben Bernanke, der nur ein paar Schritte entfernt im Hauptquartier der US-Notenbank Federal Reserve residiert, ist der Wahlabend von größter Bedeutung. Sollte nicht erneut Barack Obama Präsident werden, sondern dessen Herausforderer Mitt Romney das Kopf-an-Kopf-Rennen für sich entscheiden, sind die Tage Bernankes an der Notenpresse mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gezählt. Denn Romney hat unlängst angekündigt, dass er seinen republikanischen Parteifreund Bernanke nicht für eine dritte Amtszeit zur Fed schicken will. Im Januar 2014 wäre damit also Schluss für den ehemaligen Princetonprofessor, sollte Obama das Rennen verliert.

Bernanke ist bei den Republikanern in den vergangenen Jahren fast eine Art Hassfigur geworden. Ihm werfen sie vor, mit seiner Politik des billigen Geldes und der niedrigen Zinsen nicht nur die Krise nicht in den Griff bekommen zu haben. Seine Strategie, das Feuer mit Feuer, also die Finanzkrise mit immer mehr Geld zu bekämpfen, soll letztlich nur eine gigantische Finanzblase aufgebläht und drohende Inflation herauf beschwört haben.

Besonders massiv gegen Bernanke stänkert schon seit langem der Gouverneur von Texas und kurzzeitige Präsidentschaftskandidat Rick Perry: für ihn ist die von Bernanke betriebene Geldmengenausweitung ("Quantitative Easing") fast schon Hochverrat. Andere Hardliner, wie etwa Ron Paul, wollen seit langem ein Ende der Notenbank und schießen mit ihrer Kampagne "End the Fed" massiv gegen Bernanke und die von ihm geführte Zentralbank, die kommendes Jahr 100 Jahre alt wird.

Amtsmüder Bernanke?

Es sieht also nicht wirklich gut aus für Bernanke, sollte der Urnengang in rund einer Woche einen Republikaner ins Weiße Haus spülen. Gut möglich deshalb, dass Bernanke sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, wie es unlängst in US-Medien zu lesen war. Zehn Jahre nachdem George W. Bush den heute 58-Jährigen von der Universität zur Fed holte und Bernanke eine herausragende akademische Karriere gegen die harte Praxis tauschte, scheint es, als sei Bernanke amtsmüde. Das soll er jedenfalls guten Freunden anvertraut haben.

Egal ob Wahrheit oder Medientrick: Potenzielle Nachfolger stehen bereits Schlange. Zum Beispiel Glenn Hubbard, Ex-Wirtschaftsberater von George W. Bush und Co-Autor von Romneys Wirtschaftsprogramm. Auch der frühere Finanzminister Lawrence Summers gilt als Aspirant auf den Posten. Ebenso der renommierte Ökonom Paul Taylor, Erfinder der nach ihm benannten Taylor-Regel, nach der sich bis heute rund um den Globus viele Notenbanker richten, wenn es darum geht, im Kampf gegen die Inflation das richtige Zinsmaß zu finden.

Und last but not least käme Bernankes Vizepräsidentin Janet Yellen in Frage für den Chefposten - allerdings wohl nur, wenn Obama sich gegen Romney durchsetzt. Die frühere Beraterin von Bill Clinton dürfte nämlich Bernankes Kurs eins zu eins fortsetzen. Sie gilt als ausgesprochene geldpolitische "Taube", die sich im Zweifelsfall noch stärker für den Kampf gegen die nach wie vor hohe Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten ins Zeug legen dürfte, als die Zinsen zu erhöhen.

Achillesferse Arbeitsmarkt

Womit wir beim besonders kritischen Thema Arbeitsmarkt wären: wer auch immer 2014 den Chefsessel in der Fed-Zentrale im Washingtoner Eccles Building einnimmt, wird am Ende seiner Amtszeit an Erfolgen bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gemessen werden. Denn die US-Notenbank soll per Mandat nicht nur für stabile Preise sorgen, sondern das Wachstum fördern und vor allem aber für Vollbeschäftigung sorgen. Davon sind die USA meilenweit entfernt. Doch immerhin kann Präsident Obama in der heißen Phase des Wahlkampfs auf ein Aufhellen des Arbeitsmarkts verweisen: In fast allen hart umkämpften Staaten mit hohem Wechselwähleranteil wie Florida und Colorado fiel die Quote oder stabilisierte sich im September. Nur in Pennsylvania wurden mehr Arbeitslose registriert.

Die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosengeld haben sich auf einen Wert von unter 400.000 eingependelt - ein Anzeichen dafür, dass unter dem Strich wieder Jobs entstehen. Die Arbeitslosenquote fiel im Landesdurchschnitt auf 7,8 Prozent und damit den niedrigsten Stand seit dem Einzug des Demokraten ins Weiße Haus im Januar 2009. Für Obamas Herausforderer Romney ist dies jedoch keine Leistung: "So sieht keine echte Erholung aus." Der Republikaner aus Massachusetts verspricht vollmundig "zwölf Millionen neue Jobs und steigende Einkommen für alle".

Davon träumen viele US-Bürger nur. Die Folgen der Rezession von 2007 bis 2009 haben selbst die Mittelschicht erfasst: Zu viele Amerikaner haben sich in Zeiten des Immobilien-Booms für die eigenen vier Wände in Schulden gestürzt und müssen bei einer Entlassung in dem trüben wirtschaftlichen Umfeld um die Existenz bangen. Zwangsversteigerungen sind an der Tagesordnung.

Industrie soll Öl und Wachstum fördern

Die Massenarbeitslosigkeit verunsichert auch die nachwachsende Generation. Bei einem Fernsehduell zwischen Obama und seinem Herausforderer wollte ein Student wissen, was die Kandidaten zur Verbesserung der Jobperspektiven nach seinem für 2014 geplanten College-Abschluss zu tun gedenken: "Keine Sorge, ich werde dafür sorgen, dass du einen Job bekommst", versicherte Romney, der sich nach seiner Aufholjagd in den Umfragen bereits als künftiger Präsident wähnt. Er will Industriefirmen in die USA locken und dabei insbesondere "harte Kante" gegenüber der von Währungsvorteilen profitierenden Billigkonkurrenz aus China zeigen. Zugleich verspricht der Kandidat, die Förderung von Öl und Gas auf dem eigenen Territorium zu stärken. Selbst für die von Umweltschützern als Dreckschleudern verteufelten Kohlekraftwerke sieht Romney eine Zukunft im US-Energiemix.

Auch Obama setzt auf mehr Bohrtürme, ist jedoch offen für alternative Energien. Ob all dies ausreichen wird, die Jobperspektiven des Studenten merklich aufzuhellen, bezweifeln selbst US-Notenbanker. Einige von ihnen veranschlagen in individuellen Projektionen auch für 2014 eine Arbeitslosenrate von mehr als sieben Prozent. Damit wird Vollbeschäftigung vorerst ein frommer Wunsch bleiben - egal wer nach der Wahl im Weißen Haus oder um die Ecke bei der Fed in den kommenden Jahren das Zepter schwingt.

Quelle: n-tv.de