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Obama allein im Weißen Haus: In der Bewertung seiner Leistung ist das Land tief gespalten.
Obama allein im Weißen Haus: In der Bewertung seiner Leistung ist das Land tief gespalten.(Foto: REUTERS)

Die Lob-Kurve: Obamas Umfragen im Vergleich

von Sebastian Schöbel

Ist die Mehrheit der US-Bürger nun zufrieden oder unzufrieden mit Obama? Aktuelle Umfragen widersprechen sich. Historisch liegt er eher im Mittelfeld, tatsächlich aber ist seine Situation deutlich schwieriger als bei seinen Amtsvorgängern.

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41 Prozent können ziemlich viel sein, manchmal sogar zu viel. Beim Fettanteil von Lebensmitteln zum Beispiel, oder beim Alkoholgehalt, falls der Abend nicht abrupt enden soll. Geht es jedoch um die Beliebtheit von Politikern, sind 41 Prozent kein guter Wert, schon gar nicht, wenn man Präsident der USA ist. Und erst recht nicht, wenn man es auch bleiben will.

Eine aktuelle Umfrage von "New York Times" und dem TV-Sender "CBS News" Anfang der Woche bescheinigt Barack Obama aber genau das: Nur vier von zehn befragten Amerikanern sind mit seiner Arbeit im Weißen Haus zufrieden, ein Rückgang von fast zehn Prozent im Vergleich zum Februar. Schuld seien die steigenden Benzinpreise, Rückschläge in Afghanistan und die Angst vor einem Krieg mit dem Iran. Auch bei einer Umfrage der "Washington Post" und "ABC News" schneidet Obama nicht viel besser ab: 50 Prozent der Gefragten geben seiner Leistung eine schlechte Bewertung, nur 46 Prozent sind zufrieden. US-Journalisten sind sich schnell einig: Der Amtsinhaber hat ein großes Beliebtheitsproblem...

Neue Umfrage, neues Glück

… bis kurz darauf die nächsten Umfragen veröffentlicht werden. "Zustimmung zu Obamas Arbeit steigt", berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Sie hat zusammen mit dem Institut "Ipsos" (Slogan: "Niemand ist unberechenbar") eine eigene Umfrage durchgeführt. Und siehe da: 50 Prozent der Befragten sind mit Obama zufrieden, 48 Prozent sind es nicht. Der Wert markiert sogar ein kleines Zwischenhoch für Reuters, denn so gut hatte der Präsident in ihren Umfragen seit Juli 2011 nicht mehr abgeschnitten.

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Noch besser wird Obama in der aktuellen Umfrage des "PEW" Instituts bewertet: 50 Prozent finden seine Amtsführung gut, 41 Prozent lehnen sie ab. "Die Wirtschaft wird stärker, zwar nicht mit großen Sprüngen, aber die Menschen merken, dass es besser wird", analysierte Ipsos-Sprecher Cliff Young.

Vier Expertisen, die angeblich allesamt den Puls des amerikanischen Wählers erfühlen, ihn aber offenbar an verschiedenen Stellen abgenommen haben - die einen am dicken Hals der rechten Wutbürger, die anderen am Handgelenk der linken Optimisten. Dabei gibt es kaum einen anderen Messwert, der so viel sagen könnte über die Wiederwahlchancen Obamas. Seine "Job Approval Numbers", sprich seine Zeugnisnoten, sind ein wichtiger Indikator für die Hauptwahl im Herbst. Erkenntnis bringen sie allerdings erst, wenn man in die Geschichtsbücher schaut.

Die US-Präsidenten in Zahlen

Das anerkannte Umfrageinstitut "Gallup" befragt seit Jahrzehnten die Stimmung der Amerikaner; Gründer George Gallup gehörte zu den Pionieren dieser Kerndisziplin des modernen Wahlkampfes. Auf seiner Internetseite hat das Institut eine umfangreiche Sammlung von historischen Umfrageergebnissen zusammengestellt, darunter auch die "Zustimmung zur Amtsführung" für alle US-Präsidenten seit Harry Truman. Eine wahre Schatzgrube für alle, die Amerikas geteilte Liebe zu seinem "Commander-in-chief" verstehen wollen.

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Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges geht Gallups Zahlensammlung zurück. Im Schnitt gehört Obama seither zu den Präsidenten, die eher mäßige Zustimmung für ihre Arbeit bekommen haben. Durchschnittlich 49 Prozent der Amerikaner sind mit seiner Arbeit zufrieden. Damit liegt er auf Platz acht (von 12), gleichauf mit Richard Nixon, deutlich schlechter als Spitzenreiter John F. Kennedy (70 Prozent) und knapp hinter seinem Vorgänger George W. Bush (49,4 Prozent).

Der allerdings hält gleich zwei Rekorde: 9 von 10 US-Bürgern lobten einst seine Amtsführung, das war kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2011. Kein Präsident seit der Gallup-Messung konnte sich je über so viel Zustimmung freuen. Dann aber legte Bush Junior einen historischen Absturz hin: Als er kurz vor Ende seiner zweiten Amtszeit die ins Trudeln geratenen Banken mit Milliarden rettete, im September 2008, lehnten ihn 70 Prozent der Amerikaner ab, ebenfalls ein Rekord. Obama erreichte seinen Tiefpunkt von nur 38 Prozent Zustimmung im August 2011 – bis auf Kennedy und Dwight D. Eisenhower standen alle seine Vorgänger schon mal schlechter da.

Obamas Ähnlichkeit mit Reagan

Seine Stammwähler hat er sicher, die seiner Gegner aber kann Obama kaum überzeugen.
Seine Stammwähler hat er sicher, die seiner Gegner aber kann Obama kaum überzeugen.(Foto: REUTERS)

Insgesamt folgt die Fieberkurve der Obama-Präsidentschaft einem Trend: Beim Amtsantritt ist die Mehrheit der Wähler positiv gestimmt, kurz darauf setzt jedoch Ernüchterung ein und die Zufriedenheit sinkt. So erging es fast allen US-Präsidenten des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Nur der republikanische Ex-General Eisenhower und der Demokrat Kennedy erfreuten sich fast konstant hoher Beliebtheit. Am ähnlichsten ist der Verlauf ausgerechnet bei Obama und Ronald Reagan, dem Vorbild der republikanischen Herausforderer 2012.

Beide Präsidenten gingen mit fast 70 Prozent Zustimmung an den Start, beide erlebten im ersten Amtsjahr aber eine wirtschaftliche Rezession. Ende 1982 war jeder zehnte Amerikaner arbeitslos, genauso wie im November 2009. In den Umfragen stürzen sie fast parallel zueinander ab: Nach jeweils rund rund 900 Tagen im Weißen Haus hatten beide Männer nur noch 40 Prozent der Bürger hinter sich. Für Reagan ging es danach allerdings stetig bergauf: Schon 1984, im Wahljahr, waren fast 70 Prozent aller Amerikaner glücklich mit seiner Arbeit.

Geteiltes Land

Die Zustimmung für Obama klebt hingegen seit Mitte 2009 an der 50-Prozent-Marke. Und darin liegt der entscheidende Unterschied.

Denn das politische Klima in den USA ist rauer geworden im Vergleich zur Reagan-Zeit, der Ton in Washington unversöhnlicher. Demokraten und Republikaner schaffen es kaum noch, miteinander zu arbeiten. Ideologische Radikalisierung und Grabenkämpfe sind spätestens seit den Clinton-Jahren der Normalzustand, Kooperation eine seltene Ausnahme.

Das überträgt sich auch auf die beiden Wählergruppen, sie driften immer stärker auseinander. Obama erreicht heute im Schnitt über 80 Prozent Zufriedenheit bei Anhängern seiner eigenen Partei, wird aber von fast 90 Prozent der Republikaner abgelehnt. Zum Vergleich: Mit Nixon waren bis zur Watergate-Affäre 30 bis 40 Prozent der Demokraten zufrieden, mit Kennedy nie weniger als 30 Prozent der Republikaner.

So steht Obama im Herbst in jedem Fall ein schwerer Kampf bevor. Selbst wenn sich die Wirtschaftslage verbessern sollte, wird er kaum Republikaner von sich und seiner Politik überzeugen können. Das Bilden von Wahlkoalitionen über Parteigrenzen hinaus, in der sich Konservative und Liberale vereinen, gehört der Vergangenheit an. Gewählt wird entlang ideologischer Grenzen - ob der Präsident einen guten oder schlechten Job macht, spielt dabei keine Rolle.

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Quelle: n-tv.de