Politik
Im Namen des Kandidaten: TV-Kommentatoren in den USA nehmen die Rolle von Wahlkampfsprechern ein.
Im Namen des Kandidaten: TV-Kommentatoren in den USA nehmen die Rolle von Wahlkampfsprechern ein.(Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dapd)

Obama in Schwierigkeiten: Wahlkampf mit Sprechpuppen

von Sebastian Schöbel

Experten und Brunnenvergifter: TV-Kommentatoren bestimmen den US-Wahlkampf maßgeblich mit, nicht immer zum Gefallen der Kampagnen, für die sie auftreten. Nun sorgte eine demokratische Vertreterin mit abfälligen Aussagen über Romneys Frau Ann für einen Eklat. Das Problem aber geht viel tiefer.

Eine Grundregel haben Rap-Duelle und US-amerikanische Wahlkämpfe gemeinsam: Mütter sind tabu. Die CNN-Kommentatorin Hilary Rosen hat das wohl kurz vergessen, als sie mal wieder eine Frage zu Mitt Romney beantworten soll - und greift dessen Ehefrau Ann frontal an.

Die habe "noch keinen Tag in ihrem Leben gearbeitet", so Rosen. "Sie musste sich noch nie mit den wirtschaftlichen Problemen auseinandersetzen, mit denen die Mehrzahl der Frauen in diesem Land kämpfen." Deswegen sei Ann Romney, bessere Hälfte eines Multimillionärs und Mutter von fünf Söhnen, auch kein gutes Sprachrohr für arbeitende US-Amerikanerinnen - speziell nicht für die, die auch noch wählen gehen.

Kampf um weibliche Wähler

Hilary Rosen bei einer Podiumsdiskussion 2005.
Hilary Rosen bei einer Podiumsdiskussion 2005.(Foto: REUTERS)

Um die nämlich geht es Hilary Rosen wirklich: Die 53-Jährige ist eine professionelle Polit-Kommentatorin. Früher kämpfte sie für die Musikindustrie gegen Online-Tauschbörsen wie "Napster", heute verteidigt sie im US-Fernsehen die Politik von Barack Obama und seiner Partei. Im weitesten Sinne ist Rosen damit selbst Schwerstarbeiterin: Fast täglich steht sie am Fließband der medialen Meinungsmaschine und produziert zitierfähige Propaganda. Je knackiger und eingängiger, desto besser.

Nur dieses Mal geht es nach hinten los, und zwar gründlich. Der Gegenangriff der Republikaner kommt umgehend, und Ann Romney marschiert voran. Sie legt sich extra ein Twitter-Konto zu und nutzt den ersten Eintrag zur Antwort auf Rosens Vorwürfe. "Ich habe mich absichtlich dafür entschieden, daheim zu bleiben und fünf Jungs großzuziehen", schreibt sie. "Glaubt mir, das war harte Arbeit." Sie hätte auch einfach die Kurzbeschreibung unter ihrem Profilbild kopieren können: "Mutter von fünf Jungs. Großmutter von 16." Kurz darauf sitzt die Frau, die First Lady werden will, beim konservativen TV-Sender Fox News und erinnert an ihre Brustkrebserkrankung und die Multiple Sklerose, an der sie leidet. "Auch ich habe kämpfen müssen", so Romney.

Im Auftrag der Obama-Kampagne?

Es folgt eine regelrechte Berichterstattungs-Lawine, und Hilary Rosen wird darunter begraben. Konservative Kommentatoren und Politiker werten ihre Aussage als Angriff auf "Stay-home-Moms", auf Mütter, die sich lieber um ihre Kinder kümmern, statt Karriere zu machen. Stets schwingt der Vorwurf mit, Rosen spreche ganz offiziell für Obama und die Demokraten. Schließlich sei sie deren Beraterin und war oft im Weißen Haus. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie solche Sachen frei und unabhängig sagt." mutmaßt die republikanische Abgeordnete Cynthia Lummis in einem Anruf mit Journalisten.

Das Obama-Lager weist diesen Vorwurf umgehend zurück. "Sie ist eure Angestellte, nicht unsere", beschwert sich Obamas Wahlkampfberater David Axelrod auf CNN. Rosen habe nie für Obama oder die Demokraten gearbeitet, sagt Axelrod, doch darum geht es in dieser Debatte schon lange nicht mehr. Obama muss um sein Image bei Frauen fürchten, und so wird am Ende das Präsidentenpaar selber aktiv. "Jede Mutter arbeitet hart und jede Frau verdient Respekt", tadelt First Lady Michelle auf Twitter. Und ihr Ehemann wird in einem Fernsehinterview sogar noch deutlicher. "Ich habe nicht viel übrig für Kommentare über die Ehefrauen von politischen Kandidaten", so Obama im Sender ABC.

Romneys Schwäche bei Frauen

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Auch Rosen hält zunächst dagegen und versucht, die Diskussion wieder auf Mitt Romneys Problem mit weiblichen Wählern zu bringen. Die nämlich unterstützen laut aktuellen Umfragen mehrheitlich Obama. "Es geht nicht um Ann Romney, es geht um die Kellnerin mit zwei Kindern", verteidigt sich Rosen auf ihrem Haussender CNN. Kurz darauf knickt sie doch ein und entschuldigt sich. "Lasst uns diesen künstlichen Krieg beenden und uns auf Inhalte konzentrieren."

Um die aber geht es schon lange nicht mehr, jedenfalls nicht in den meisten der unzähligen Polit-Sendungen im US-amerikanischen Fernsehen. Vor allem die Nachrichtensender liefern sich einen ideologischen Grabenkrieg, der nur noch am Rand journalistische Züge trägt. Von rechts schießt Fox News gegen Obama und die Demokraten, von links MSNBC gegen Romney und die Republikaner. CNN versuchte lange die neutrale Mitte zu halten - und verlor viele Zuschauer.

Politische Rolle der "Sprechpuppen"

Die Kommentatoren sind der Treibstoff dieser Aufregungsmaschine. Die meisten waren oder sind Politiker, Berater oder Wahlkampfstrategen, treten aber meistens als unabhängige Experten auf - und doch sind sie Teil einer bis ins Detail geplanten Kommunikationsstrategie beider Lager.

Denn ihre Aufgabe ist simpel: Sie sollen die Botschaften ihrer Seite gebetsmühlenartig wiederholen, ohne dabei direkt für die Kandidaten oder ihre Kampagnen zu sprechen. Keine Aussage des Gegners darf unbeantwortet bleiben, deswegen sitzen diese sogenannten "Pundits" oft am selben Tisch im Fernsehstudio. Für die Zuschauer verschwimmt all das zu einem undurchsichtigen Schwarz-Weiß-Brei. Fast jede Diskussion wird zum Streitgespräch.

Lange in Erinnerung bleiben die vielen Scharmützel freilich nicht. Auch "Rosengate" nicht: Spätestens am 24. April werden die politischen Megafonträger ein neues Thema haben. Dann nämlich wird es nach längerer Pause wieder republikanische Vorwahlen geben.

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Quelle: n-tv.de