Politik
Nicolas Aschoff und Elisa Schunkert bei der Umfrage zur Festellung der Lage in den Gemeinden
Nicolas Aschoff und Elisa Schunkert bei der Umfrage zur Festellung der Lage in den Gemeinden
Sonntag, 20. Dezember 2015

Die Krise nach der Krise: Über Sierra Leone hängt der Ebola-Fluch

Von Alexander Davydov und Martin Franke, Makeni

Ebola ist in Sierra Leone besiegt, doch wirklich weg ist die Krankheit noch nicht: Viele Menschen im westafrikanischen Land haben Angst vor Überlebenden und Angehörigen und glauben, dass sie verflucht sind.

Der Schweiß tropft ihm von der Stirn, sein Hemd ist am Rücken komplett nass. Doch mit der schwülen Hitze über Makeni im Norden von Sierra Leone hat sich der Medizinstudent Nicolas Aschoff abgefunden. Es ist nicht das erste Mal, dass er hier ist. 2014 absolvierte der Karlsruher ein Praktikum am örtlichen Magbenteh Community Hospital - dann kam Ebola. Statt nach Deutschland zurückzufliegen, blieb Aschoff und baute mit zwei Kommilitonen eine Isolationsstation auf, während viele Ärzte verschwanden.

Hitze liegt über Makeni im Norden von Sierra Leone.
Hitze liegt über Makeni im Norden von Sierra Leone.

Nun ist Sierra Leone Ebola-frei. Das hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 8. November nach 42 Tagen ohne Neuinfektionen verkündet. Eine ganze Nation war im Jubel, doch für Nicolas Aschoff und seine Kollegin Elisa Schunkert geht die Krise weiter. Tausende Ebola-Waisen leben am Rande der Gesellschaft und können sich die kostenpflichtigen Schulen meist nicht leisten.

Das wollen Aschoff und Schunkert ändern: Mit ihrer Organisation L’appel Deutschland möchten die zwei Studenten dem Land auf die Sprünge helfen und die Probleme an der Wurzel bekämpfen. Sie planen, dass 260 bedürftige Kinder die Schule kostenlos besuchen können. "Durch Ebola sind viele Kinder zu Waisen geworden. Die Idee ist daher, hier eine Schule zu bauen - es soll eine Art Internat sein", erklärt Aschoff.

2200 Vollwaisen durch Ebola

Die Zahl der Bedürftigen dürfte weitaus größer sein. Von über 2200 Vollwaisen für das gesamte Land geht das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen aus. Die meisten kommen bei Verwandten unter, doch für die Familien bedeuten die zusätzlichen Kinder häufig eine finanzielle Last. Nach der Ebola-Krise ist das ohnehin schon angeschlagene Land noch weiter abgerutscht. Über 60 Prozent der Bevölkerung lebt von kaum mehr als einem Dollar am Tag - es fehlt an Arbeitsplätzen und Perspektiven.

Ebola-Waisen leiden unter einem zusätzlichen Problem: Diskriminierung und Stigmatisierung, stellt Elisa Schunkert fest. "Leider ist es so, dass diejenigen Kinder, die ihre Eltern verloren haben und in Familien aufgenommen wurden, stark stigmatisiert sind. Das führt oft dazu, dass sie in der Hierarchie eine Außenseiterrolle einnehmen und nicht in die Schule gehen können, weil es zu teuer ist."

Viele Sierra-Leoner haben Angst vor Überlebenden und Angehörigen und glauben, dass sie verflucht seien. Zwar hängen im ganzen Land Plakate, die gegen Stigmatisierung und für Toleranz stehen. Doch die kulturelle Praxis sieht anders aus, meint Salieu Turay. Der Chefarzt des Magbenteh Community Hospital spricht von einem Trauma, das Ebola bei den Menschen hinterlassen habe. "Makeni war sehr stark betroffen. In einem Haus zum Beispiel ist ein Kind übriggeblieben, die Eltern, die Geschwister, alle waren weg. Aus Angst sich anzustecken, haben sich die Menschen teilweise monatelang nicht getraut, einander anzufassen."

"Wir brauchen immer noch Unterstützung"

Der sierra-leonische Mediziner, der selbst jahrzehntelang in Deutschland praktiziert hat, sieht nach der Ebola-Krise viele Probleme in seinem Heimatland ungelöst und fordert den Westen zu mehr Nachhaltigkeit auf. "Meine Angst ist, dass der Westen denkt, 'Ebola ist zu Ende, jetzt gehen wir weg'. Aber bitte, wir brauchen immer noch Unterstützung." Auch der angehende Arzt Nicolas Aschoff sieht Versäumnisse. "Ich glaube, dass dem Westen grundsätzlich Afrika sehr weit erscheint. So weit ist Afrika nicht weg, aber es ist uns ziemlich egal. Und diese Ebola-Epidemie ist ein Symptom dafür. Daran jedes mal erinnert zu werden, ist schwer, gibt uns aber auch Motivation und Kraft weiterzumachen."

Die beiden Studenten besuchen Familien und führen Umfragen durch. Damit wollen sie die Kinder für ihr Schulprojekt ermitteln. So treffen sie auf Beatrice, eine Mutter mit drei Kindern. Sie hat zusätzlich ihre Nichte Fatuh adoptiert. Die Zwölfjährige hat ihre beiden Eltern durch Ebola verloren und geht jetzt als einziges Mitglied ihrer Familie nicht zur Schule.

Für Schunkert sind die Unterschiede zu den anderen Kindern offensichtlich. "Das Mädchen wirkte auf mich isoliert und auch schlechter gekleidet als die anderen." Immerhin ein Hoffnungsschimmer: Kinder wie Fatuh möchten die Medizinstudenten aus Deutschland ab Januar 2016 einen kostenlosen Schulplatz ermöglichen. Bis dahin müssen aber erst noch weitere ausfindig gemacht werden.

Quelle: n-tv.de

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