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Der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum berichtete am zweiten Prozesstag von den Grausamkeiten der SS-Wachmänner.
Der Auschwitz-Überlebende Leon Schwarzbaum berichtete am zweiten Prozesstag von den Grausamkeiten der SS-Wachmänner.(Foto: dpa)

Auschwitz-Prozess in Detmold: Überlebende berichten über Gräueltaten

Am zweiten Tag des Prozesses gegen einen ehemaligen SS-Wachmann in Auschwitz berichten Zeugen von Unvorstellbarem - und Unvergesslichem. Der Angeklagte verfolgt die Aussagen mit Interesse. Gericht und Überlebende hoffen nun, dass er reden wird.

Im Auschwitz-Prozess am Detmolder Landgericht haben Überlebende über willkürliche Erschießungen, Hinrichtungen am Galgen und Schikanen der SS in dem Vernichtungslager berichtet. Eine Zeugin sprach von Leichenbergen, die sie gesehen habe, wenn sie auf dem Weg zur Lagerarbeit an den Krematorien vorbeigegangen sei. Die drei ehemaligen Gefangenen im Alter zwischen 90 und 94 Jahren schilderten ihren persönlichen Leidensweg vor dem Hintergrund ständigen Terrors und dem drohenden Tod in den Gaskammern.

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Angeklagt ist ein 94 Jahre alter ehemaliger Wachmann der SS in Auschwitz. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen vor. Reinhold H. soll als Angehöriger des SS-Totenkopfsturmbanns Auschwitz im Stammlager eingesetzt gewesen sein. Damit habe er die Tötungsmaschinerie unterstützt, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. H. schwieg nach dem Prozess-Auftakt am Donnerstag auch am zweiten Verhandlungstag.

Er verfolgte die Zeugenaussagen aber mit offensichtlichem Interesse. Seine Verteidiger kündigten für einen späteren Zeitpunkt Erklärungen zu den Aussagen an. Möglicherweise werde sich auch H. selbst äußern. Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda richtete nach der Ankündigung das Wort direkt an ihn: "Es wäre schön, wenn Sie den Mut fassten, hier etwas zu sagen." Bislang hatte sich H. nur in seiner Vernehmung vor dem Prozess ansatzweise geäußert. Er bestreitet, an den Tötungen beteiligt gewesen zu sein.

Wird er reden? Der ehemalige KZ-Wachmann Reinhold H. vor Gericht.
Wird er reden? Der ehemalige KZ-Wachmann Reinhold H. vor Gericht.(Foto: REUTERS)

Am zweiten Verhandlungstag hatte das Gericht zunächst weitere Fragen an den Berliner Auschwitz-Überlebenden Leon Schwarzbaum gestellt. Er berichtete unter anderem, wie geflüchtete Häftlinge von Hunden aufgespürt und ihre Leichen zur Abschreckung zur Schau gestellt worden seien. Anschließend rief das Gericht den 90-jährigen Justin Sonder in den Zeugenstand. Angst vor dem SS-Wachpersonal sei allgegenwärtig gewesen. "Ich habe erlebt, wie Häftlinge erschossen wurden, weil sie aus der Reihe gelaufen sind", sagte er.

Gehängt wegen einem Stück Brot

Sonder schilderte auch Hinrichtungen. Ein 16-Jähriger aus Saloniki sei aufgehängt worden, weil er während eines Fliegeralarms ein Stück Brot gestohlen habe. "Mama" sei sein letztes Wort gewesen. Die 92-jährige Erna de Vries entkam ihrer Schilderung zufolge als 19-Jährige nur knapp der Gaskammer. Sie sei kurzfristig von einem SS-Mann im Todesblock 25 für einen Transport ins Lager Ravensbrück ausgewählt worden. "Wenn er zehn Minuten später gekommen wäre, wäre ich ins Gas gekommen." Ihre Mutter, die mit ihr im Vernichtungslager gewesen sei, sei froh gewesen. Alles andere als Auschwitz könne nur besser sein, habe sie gesagt.

In der kommenden Woche (18. und 19. Februar) wird der Prozess mit weiteren Zeitzeugen fortgesetzt. Erwartet wird auch die Aussage eines Kriminalisten, der an den Ermittlungen gegen H. beteiligt war.

Quelle: n-tv.de

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