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Der Großteil der Deutschen steht hinter Joachim Gauck.
Der Großteil der Deutschen steht hinter Joachim Gauck.(Foto: REUTERS)
Deutschlands elfter Bundespräsident: Joachim Gauck.
Deutschlands elfter Bundespräsident: Joachim Gauck.(Foto: picture alliance / dpa)

Nachdenker warnt vor Gauck: "Unklar, was er denkt"

Deutschland jubelt: Endlich hat das Land mit wieder einen würdigen Präsidenten. Der Publizist Albrecht Müller sieht keinen Grund zur Freude und spricht unumwunden vom "falschen Präsidenten": "Gauck muss noch viel lernen, wenn wir glücklich mit ihm werden sollen", sagt Müller im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Der elfte Präsident der Bundesrepublik Deutschland heißt Joachim Gauck. Ist das ein Grund zur Freude?

Albrecht Müller: Aus der Sicht sehr vieler Menschen ist das ein Grund zur Freude, weil sie sich ein ihr Urteil über ihn sehr emotional gebildet haben. Gauck kommt gut rüber, er redet gut. Aber ich glaube, dass viele nicht wissen, was er denkt, Die Botschaften des Joachim Gauck und was er schreibt.

Müllers Buch ist in diesem Monat im Westend-Verlag erschienen.
Müllers Buch ist in diesem Monat im Westend-Verlag erschienen.

Sie halten Gauck für den Falschen. Warum?

Weil er noch sehr viel lernen muss, wenn wir glücklich mit ihm werden sollen. Gauck könnte sich an der einen oder anderen Stelle besser überlegen, was er so sagt.

Ein Beispiel?

Er hat einen Freiheitbegriff, der die soziale Basis von Freiheit völlig außen vor lässt. Bei vielen Menschen hängt ihre Freiheit im Wesentlichen von ihren wirtschaftlichen Bedingungen ab. Eine alleinerziehende Frau im Niedriglohnsektor etwa muss so viele Jobs annehmen, dass sie überhaupt keine Freiheit mehr hat, irgendetwas anderes zu machen, als für die Familie zu sorgen. Helmut Schmidt hat einmal gesagt: "Soziale Sicherheit ist das Vermögen der kleinen Leute." Das hat Pfarrer Gauck noch nicht verstanden.

Gauck wird oft nachgesagt, dass er die Protestbewegungen unserer Zeit nicht versteht und sie missachtet. Die Aussage, Gauck finde Occupy "albern", wird immer wieder zitiert.

Fairerweise muss man sagen: Gauck hat gesagt, dass "Occupy EZB" albern sei. Da würde ich ihm ja Recht geben. Das ist ein wildes Unterfangen, dieses Riesengebäude mit ein paar Demonstranten besetzen zu wollen. Aber wenn er sich darüber polemisch hermacht, dann hat er nicht verstanden, dass junge Leute anders ticken als ältere Herrschaften wie er oder ich. Ich muss doch als Bundespräsident junge Menschen ermuntern, ihre Stimme zu erheben und sie nicht zurückweisen.

Auch in Stuttgart hat sich Gauck nicht nur Freunde gemacht.

Albrecht Müller

Albrecht Müller ist Volkswirtund Publizist. Das SPD-Mitglied leitete 1972 den Wahlkampf von Willy Brandt undspäter die Planungsabteilung im Kanzleramt bei Brandt und Helmut Schmidt. 1987 bis1994 saß Müller für die SPD im Bundestag. Seit einigen Jahren versucht er, mit den"NachDenkSeiten" im Netz sowie dem Jahrbuch "Nachdenken über Deutschland"eine kritische Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Müller ist Autor des Bestsellers"Reformlüge" sowie der Bücher "Machtwahn" und "Meinungslüge".In dem nun erschienenen Buch "Der falsche Präsident" geht Müller mit PräsidentGauck ins Gericht.

Er hat gesagt, gegen Stuttgart 21 demonstrierten die Leute nur, weil es ihren Vorgarten berühre. Gauck hat offenbar überhaupt nicht verstanden, worum es hier geht. Die Demonstranten haben etwas viel Größeres in Sinn. Sie sagen, die Entscheidung für den Bahnhof unter der Erde war von Interessen geprägt. Sie erkennen Lobby und politische Korruption dahinter. Und solche Demonstranten sind wichtig. Denken Sie an die Beispiele aus der Vergangenheit: die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf oder der schnelle Brüter in Kalkar. Das waren Großprojekte, die dank der Demonstrationen vermieden worden sind. Und es war gut, dass sie vermieden worden sind.

Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" hat Gauck "mutig" genannt. Dafür hat er viel Prügel einstecken müssen. Hat Gauck die Gefahr, die von Sarrazins Thesen ausgeht, unterschätzt?

Man kann einen Volksverhetzer nicht "mutig" nennen. Es fühlen sich doch nur Leute ermuntert, die so denken wie Sarrazin. Politisch verantwortliche Menschen müssen vorsichtig sein mit dem, was sie sagen. Das wussten Helmut Schmidt und Willy Brandt, Helmut Kohl wusste das auch. Deswegen haben die sich alle zurückgehalten in solchen Fragen. Und nun kommt Gauck daher und sagt, Sarrazin sei "mutig". Das finde ich ganz schön haarig.

Gauck würde entgegenhalten: Die biologistischen Thesen Sarrazins sind falsch, aber Sarrazin hat immerhin das Thema der misslungenen Integration auf die Agenda gebracht.

Der Buchautor Albrecht Müller.
Der Buchautor Albrecht Müller.

Aber dessen hätte es doch nicht bedurft. An dem Thema arbeiten unglaublich viele Leute. Hören Sie sich doch in Berlin, in Köln, in München unter Sozialarbeitern um. Da braucht es doch nicht noch einen, der so absurde Thesen vertritt wie Sarrazin. Als Bundestagsabgeordneter habe ich einmal eine Klage gegen Max Streibl, den damaligen Ministerpräsidenten von Bayern, angestrengt, weil er gegen Asylbewerber volksverhetzende Reden geschwungen hat. Die Klage versandete, die Staatsanwaltschaft in Bayern nimmt sowas ja nicht auf. Ich erwähne es aber deshalb, weil ich finde, dass wir in diesen Fragen extrem sensibel sein müssen. Das ist Gauck bisher nicht.

Sie erkennen in den Aussagen Gaucks oft Ahnungslosigkeit in bestimmten politischen Fragen. Das mag ja auch daran liegen, dass Gauck nicht vom Fach, also kein Politiker ist.

Es stimmt ja genau genommen nicht, dass er kein Politiker ist. Er redet ja von "Besitzstandswahrern" oder von Leuten, die in der "Hängematte" liegen. Das sind doch politische Aussagen. Ist es etwa unpolitisch zu sagen, er hätte im Libyen-Krieg mitgemacht? Er nennt die Entspannungspolitik von Brandt, Bahr und Weizsäcker "Appeasement-Politik". Das ist eine Rückkehr in die 50er Jahre. Das ist hochpolitisch - allerdings hochpolitischer Unsinn.

Wer wäre in Ihren Augen denn ein besserer Kandidat als Gauck gewesen?

Ich hätte zum Beispiel den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert bevorzugt, obwohl er nicht der Partei angehört, der ich angehöre. Und ich hätte auch Margot Käßmann besser gefunden.

Mit etwas Übung und Studium kann Gauck ja noch einiges dazulernen. Hat er denn noch eine Chance, ein "guter Präsident" zu werden?

Warum nicht? Wenn er das eine oder andere beherzigt, was ihm andere Leute sagen. Wenn er dazu mit seinen 72 Jahren noch fähig ist, dann fände ich das prima und ich kann in fünf Jahren ein neues Buch schreiben. Titel: "Der richtige Präsident".

Mit Albrecht Müller sprach Johannes Graf

Quelle: n-tv.de

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