Politik
Staatschef Erdogan führt ein Präsidialsystem ein, das die Gewaltenteilung weitgehend aufhebt.
Staatschef Erdogan führt ein Präsidialsystem ein, das die Gewaltenteilung weitgehend aufhebt.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 03. Mai 2017

Leben in der neuen Türkei: Verlassen Deutsche Erdogans Reich?

Von Issio Ehrich, Istanbul

Putschversuch, Ausnahmezustand, Präsidialsystem - dass deutsche Touristen die Türkei meiden, verwundert nicht. Menschen, die im Begriff waren, sich dort ein Leben aufzubauen, fällt diese Entscheidung schwerer.

Martin geht durch die "Hölle". So nennen viele Istanbuler das Viertel Şişli. Der Verkehr: Hölle. Die Architektur: Hölle. Die Laune der Menschen: hängt davon ab, ob gerade Rushhour ist. Nach dem, was in den vergangenen Jahren in der Türkei passiert ist, könnte man meinen, dass für einen 25 Jahre alten Deutschen wie Martin nicht nur Şişli, sondern das ganze Land zu einem Unort geworden sein muss.

Martin kam 2013 als Erasmusstudent nach Istanbul. "Ich wollte damals einfach nur weit weg von zu Hause", sagt er. Zu Hause war Reinbek bei Hamburg.

Martin wirft in Şişli einen Blick auf den "höllischen" Verkehr.
Martin wirft in Şişli einen Blick auf den "höllischen" Verkehr.(Foto: Issio Ehrich)

Doch der damalige Student der Soziologie und Politikwissenschaft kam in ein Land, in dem die friedlichen Gezi-Proteste von staatlichen Behörden mit Tränengas und Knüppeln aufgelöst wurden. In dem der Staatschef auf wundersame Weise einen Korruptionsskandal überstand, der für jeden anderen Präsidenten in einer Demokratie das Ende bedeutet hätte. Im Osten entbrannte zwischen Regierung und Teilen der kurdischen Minderheit ein Bürgerkrieg, der Hunderttausende Binnenvertriebene produzierte. Ein Putschversuch mit etlichen Toten folgte. Ausnahmezustand. "Säuberungswellen" in Justiz, Bildung und Presse. Mitte April stimmte nach einem unfairen Wahlkampf und einem von Unregelmäßigkeiten nur so strotzendem Referendum dann die Mehrheit der Türken auch noch für eine Verfassungsreform, die die Gewaltenteilung fast vollständig aufhebt. Jetzt steht die Wiedereinführung der Todesstrafe auf der Tagesordnung. Und all das geht einher mit einer zunehmenden Islamisierung der Gesellschaft.

Selbst wenn Martin, der seine Bachelorarbeit über die Pressefreiheit in der Türkei geschrieben hat, versucht, die politischen Entwicklungen auszublenden, berühren ihn die gewaltigen Umwälzungen in dem Land.

"Ich braue mittlerweile mein eigenes Bier", erzählt er und muss selbst darüber lachen, weil er sich wie ein lebendes Klischee vorkommt. Doch natürlich hat das nichts mit deutschem Brauchtum zu tun. Knapp zwei Lira koste ihn die Herstellung einer Flasche Bier, 50 Cent, sagt Martin. Im Laden koste sie drei Mal so viel. Die Steuern auf Alkohol seien unter dem religiös-konservativen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan explodiert. Auch die Zeiten, in denen sich Hunderte junge Leute im beliebten Viertel Kadıköy mit Gitarren auf die Straße setzten, spielten, sangen und quatschten, seien vorbei. Und jetzt?

"Ich habe keine rote Linie definiert"

Nach seinem Studium hat Martin angefangen, in Şişli als Englisch-Lehrer zu arbeiten. Er hat eine türkische Freundin und türkische Freunde. Dass Touristen wegen derartiger Umwälzungen mit ihren Reiseritualen brechen, verwundert nicht - ein Flug ist schnell umgebucht, ein neues Lieblingshotel schnell gefunden. Doch was ist mit Menschen wie Martin, mit Deutschen, die eigentlich vorhatten, sich in der Türkei ein neues Leben aufzubauen?

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Offizielle Statistiken, wie viele es davon gibt, veröffentlicht das Auswärtige Amt nicht. Schätzungen zufolge handelt es sich aber um Zehntausende.

"Ich habe für mich keine rote Linie gezogen", sagt Martin. "Keine Ahnung, was ich mache, wenn tatsächlich die Todesstrafe eingeführt wird." Noch sei an eine Rückkehr nach Deutschland nicht zu denken. In Vierteln wie Beyoğlu, Beşiktaş und Kadıköy könne man sich schließlich immer noch ein bisschen in einer liberalen Blase bewegen. Und selbst als die diplomatischen Spannungen zwischen Ankara und Berlin wegen verbotener Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland ihren Höhepunkt erreichten, sei er nie angefeindet worden.

Während einige von Martins türkischen Freunden zum Studieren nach Belgien oder nach Deutschland flüchten oder gleich eine Ausländerin heiraten, sagt er, der jederzeit gehen könnte: "Ich mag das Leben in der Türkei zwar etwas weniger als damals, aber ich mag es noch immer."

Der Schüleraustausch ist ausgesetzt

Kristian Brakel sitzt in seinem Büro in Beyoğlu. Beim Blick aus dem Fenster ist der Bosporus zu sehen. Schon als Student der Islamwissenschaften war Brakel zeitweise in der Türkei. Mittlerweile leitet er die Istanbuler Niederlassung der Heinrich-Böll-Stiftung. "Ich kenne Leute, die gesagt haben: 'Wir verkaufen jetzt unser Haus'", sagt Brakel. Aber das sei die Ausnahme. Viele Leute, die sich nicht zu sehr mit Politik beschäftigen und nicht zufällig Verbindungen zum Gülen-Netzwerk hätten, das für den Putsch verantwortlich gemacht wird, könnten ihr Leben unbehelligt weiterleben. Als Beispiel nennt Brakel die deutschen Rentner an der türkischen Riviera. Viele Deutsche seien auch durch ihre Familie an die Türkei gebunden und einige so verwurzelt, dass ihnen selbst Erdogan nicht fremd vorkomme.

Auch in seinem persönlichen Umfeld seien Gedanken an die Ausreise die Ausnahme, sagt Brakel. Er habe vor allem mit Deutschen zu tun, die in Institutionen arbeiten wie er selbst - in anderen Stiftungen, in der Handelskammer, in großen Unternehmen. Dann erzählt er von einem bemerkenswerten Phänomen, das er in seinem Umfeld dieser Tage immer häufiger bemerke: Bei allem öffentlichen Getöse Erdogans und der Regierung der AKP sei der direkte Kontakt mit Vertretern des Staates weiterhin gut. Das Interesse türkischer Politiker an einem fruchtbaren Austausch sei sogar ausgesprochen groß, sagt er. Von Normalität kann deswegen zwar keine Rede sein; für politisch aktive Menschen werde das Leben in der Türkei immer schwieriger, doch das Interesse helfe dabei, die dramatischen Entwicklungen auszuhalten.

"Wir bringen zurzeit keine deutschen Minderjährigen mehr in die Türkei", sagt Daniel Grütjen von der Mercator-Stiftung.
"Wir bringen zurzeit keine deutschen Minderjährigen mehr in die Türkei", sagt Daniel Grütjen von der Mercator-Stiftung.(Foto: Issio Ehrich)

Ein Stück den Bosporus hinunter arbeitet Daniel Grütjen für die Stiftung Mercator und bestätigt, was sein Kollege sagt. Vor ein paar Monaten gelang es Grütjen gar, eine Podiumsdiskussion mit dem türkischen Verteidigungsminister Fikri Işık auf der Münchener Sicherheitskonferenz zu organisieren. "Solche Signale sind wichtig, weil oft nicht gesehen wird, dass das Bedürfnis nach Austausch und Dialog auch auf türkischer Seite weiterhin da ist", sagt Grütjen. Er schreibt die Türkei nicht ab und will auch selbst nicht aufgeben, was aber nicht bedeute, dass die Arbeit in der Türkei ungestört weiterginge.

Grütjen blättert durch eine Broschüre, die Projekte dokumentiert, die seine Stiftung in der Türkei unterstützt. "Begegnungen ermöglichen, gemeinsam handeln", steht darauf. Gelistet sind Redaktions-Hospitationen für Journalisten, die bereits 2006 begannen, umfangreiche Schüleraustauschprogramme, Stipendien für Forscher und vieles mehr.

Weil sich das Land so rasant verändere, sei es schwieriger geworden, Forschungsprojekte durchzuführen, auch weil die Fragestellungen allzu schnell überholt seien, sagt Grütjen. Die Journalisten- und die Schüleraustauschprogramme seien angesichts des Ausnahmezustands einseitig ausgesetzt worden. "Wir bringen zurzeit keine deutschen Minderjährigen mehr in die Türkei", sagt Grütjen. Das Interesse türkischer Schüler an einem Aufenthalt in Deutschland sei aber nach wie vor groß.

Ähnlich deprimierend fallen die Entwicklungen für Erasmus aus, das Austauschprogramm der Europäischen Union. Nachdem das Studium insbesondere in Istanbul zu Beginn dieses Jahrzehnts einen regelrechten Boom erlebt hat, berichten einige Universitäten in der Metropole nach dem Putschversuch von einem Rückgang der Studentenzahlen um 70 Prozent. Nach dem Ja zu Erdogans Präsidialsystem dürften sie weiter einbrechen.

"Wir diskutieren viel, aber nicht überall"

Hanna erinnert sich an den Tag des Referendums: Sie war wegen der Osterferien in Deutschland. Die 32-Jährige hatte sich ein Internet-Verbot erteilt. "Das ständige Nachgucken macht einen doch eh nur verrückt." Bis sie nach einem Konzert am Abend nach Hause kam, hatte sie Hoffnung. Doch sie wurde enttäuscht. "Das Referendum war die erste politische Entscheidung, die mich auch emotional richtig getroffen hat", sagt sie. "Was wird bloß aus diesem Land und all den Menschen, die nicht mit Ja gestimmt haben?"

Hanna kam vor zehn Jahren erstmals als Erasmus-Studentin in die Türkei. Sie studierte damals Islamwissenschaft, Politik und Geschichte. "Ich habe mich direkt wohl gefühlt und Istanbul und seine Menschen lieben gelernt", sagt sie. Immer wieder kam sie zurück, um zu arbeiten oder alte Freunde zu besuchen. Es gab Zeiten, in denen sie sehr gerne ihren Lebensmittelpunkt für ein paar Jahre nach Istanbul verlegt hätte. Doch dieser Enthusiasmus hat abgenommen – schon seit dem Putschversuch und dem Ausnahmezustand. Und erst recht seit dem Ausgang des Referendums. Dennoch schließt sie einen weiteren längeren Aufenthalt nicht aus, Istanbul sei schließlich ihre zweite Heimat.

Hanna versucht, sich in ihrem Lebensstil nicht einschränken zu lassen. Selbst wenn einige ihrer türkischen Freunde es vermeiden, geht sie noch auf den Taksim-Platz oder spaziert die berühmte Einkaufsstraße Istiklal herunter. Die Stimmung in der Stadt hat sich allerdings verändert, sagt sie, vor allem in den Wochen vor dem Referendum sei die allgemeine Anspannung stark spürbar gewesen. Auch merkt sie, dass sie Diskussionen in der Öffentlichkeit vorsichtiger führt als früher. "Wir diskutieren sehr viel, aber vermehrt innerhalb der eigenen vier Wände und vor allem nicht am Telefon", sagt sie.

Wie geht es weiter? Hanna will ihren auf ein Jahr befristeten Job in der Türkei keineswegs voreilig beenden. Eine spannende Arbeit, eine impulsive Stadt mit vielen Möglichkeiten und nicht zuletzt mehr Sonne - es gibt viele Gründe, weshalb sie trotz der politischen Veränderungen immer noch gerne in Istanbul lebt.

Der große Exodus der Deutschen aus der Türkei hat noch nicht begonnen und wird es vielleicht auch nie. Wer sich einmal richtig auf das Land eingelassen hat, wendet sich nicht so schnell ab.

Quelle: n-tv.de

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