Politik
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Ex-Neonazi Manuel Bauer erzählt : Versinken im braunen Sumpf

Von Solveig Bach

Manuel Bauer ist 13 Jahre alt, als er ein Skinhead wird. Viele Jahre ist die rechtsradikale Szene seine Heimat. Er prügelt und erpresst, er schult Kämpfer ideologisch und im Waffengebrauch. Erst im Gefängnis kommen ihm Zweifel. Inzwischen warnt er vor den Anwerbestrategien der rechten Rattenfänger.

Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel – in den 1990er Jahren sind die Rechten im sächsischen Dommitzsch leicht zu erkennen. Sie scheinen gemeinsam mit den Bananen und Orangen Einzug gehalten zu haben. Plötzlich sind sie da, ziehen durch die Straßen, lungern auf dem Schulhof rum, stehen am Sportplatz. In jeder Woche sieht ihre Gruppe größer aus.

In der politischen Verwirrtheit der Post-DDR kommen die Neonazis mit ihrem simplen Weltbild leicht zum Zug. Cool findet der Teenager Manuel Bauer sie, erzählt er im Gespräch mit n-tv.de. Eben war er noch begeisterter Thälmannpionier, jetzt will er zu den Skinheads gehören.  Am Ende ist es ganz leicht, er lässt sich einfach die Haare scheren.

"Ich war 13 Jahre alt und ein Neonazi geworden. Es gab kein Aufnahmeritual, keine Prüfungen oder Mutproben. Die Glatze war meine Eintrittskarte in die rechtsradikale Welt." So erinnert sich Bauer. Er beschreibt es in seinem Buch "Unter Staatsfeinden. Mein Leben im braunen Sumpf der Neonaziszene". Er zieht mit seiner Botschaft aber auch als Vortragender durch die Lande, denn Bauer hat der Szene nach Jahren den Rücken gekehrt.

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Auch heute folgt der Einstieg über die rechtsextreme Szene häufig über die Musik.
Auch heute folgt der Einstieg über die rechtsextreme Szene häufig über die Musik.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Fast zehn Jahre ist das her. Seitdem setzt sich Bauer mit seinem Leben als Neonazi auseinander. Was die Skins damals so reizvoll machte, das kann er sich inzwischen erklären. "Meine ganzen Schul- und Sandkastenfreunde haben damit geprotzt, rechts zu sein.  Es war schon so etwas wie Gruppenzwang, dass ich nicht als einziger ungeschoren rumrenne." Bauer erinnert sich aber auch an die gefühlte Perspektivlosigkeit nach dem Untergang der DDR. "Mir wurde alles genommen, was mir als Kind damals wichtig war. Ich habe bewusst mitbekommen, wie meine Eltern arbeitslos wurden. Die familiäre Harmonie bröckelte immer mehr."

Die neue Familie sind die Kameraden, sie leihen das Geld für die Bomberjacke, das die Mutter verweigert. Mit ihnen hört er Musik von "Störkraft", "Endstufe" und "Böhse Onkelz", trinkt und raucht. Innerhalb kürzester Zeit wird aus einem unscheinbaren Jungen ein potenzieller Gewalttäter, so schätzt es Bauer heute ein, "dessen Fähigkeit zu moralischer Reflexion, Empathie und Anstand sich gegen null entwickelte".

In ihrem Treff mit dem bezeichnenden Namen "Glatze" bekommen die Dommitzscher Jungs auch "Besuch von einer rechten Partei", die sie "mit Lesestoff, Propagandamaterial und Flugblättern" versorgt. Ob er die NPD meint, lässt Bauer offenbar bewusst offen. Als aus der Gruppe der "Bund Arischer Kämpfer" wird, fließen sogar Gelder, damit die BAK-Mitglieder in Tschechien für den bewaffneten Untergrund-Kampf trainieren können.

Offiziell werden einige wenige Flugblätter gedruckt, die Rechnung geht an die Partei. Tatsächlich bezahlt die Wehrsportgruppe von den mehreren Hundert D-Mark Bahnkarten, Benzin- und Unterkunftskosten.   Als Gegenleistung übernimmt die Gruppe Hilfsdienste für die Partei, baut Stände bei Parteiveranstaltungen auf, übernimmt Security-Dienste und schwärmt zur Nachwuchsarbeit in die Provinz aus.

Stramm rechts

Zweifel kennt Bauer in dieser Zeit nicht.
Zweifel kennt Bauer in dieser Zeit nicht.(Foto: picture alliance / dpa)

Bauers Weltbild ist längst geschlossen rechtsextremistisch. Er lehnt alles "Ausländische" ab. "Ich habe keine Pizza gegessen, keinen Döner, kein Croissant", erzählt er. "Ich habe nicht cool gesagt, ich habe überhaupt keine Anglizismen verwendet. Ich habe mich lustig gemacht über Menschen, über Religion, das war für mich nicht lebenswert. Und das habe ich auch gesagt." Zweifel an seinen Überzeugungen kennt Bauer zu diesem Zeitpunkt nicht. 

Er steigt zum Schulungsleiter auf, unterrichtet Kameraden. "Ich habe das ja so gesehen, dass alle Bücher, die nach 1945 beispielweise über den Holocaust erschienen sind, auf der Lüge der Alliierten beruhten. Das war alles ja nur gesteuert, damit wir Deutschen keine Weltmacht mehr werden können." Dieses "Wissen", gewonnen aus Zeitschriften, auf Kameradschaftsschulungen, aus theoretischen Schriften, aus Szene-Musik gibt Bauer weiter. Die Ideologie ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Er hat keine Arbeit, keine Ausbildung, kein Geld. Die rechtsradikale Szene ist sein Leben.

Gründe zu zweifeln

Doch dann wird er nach einer brutalen Erpressung zu einer Haftstrafe verurteilt. Die  früheren Kameraden belasten ihn mit ihren Aussagen, keiner meldet sich bei ihm. "Mein Glaube an die sogenannte Kameradschaft hatte erste Risse bekommen." Die mit ihm einsitzenden Neonazis sind zudem längst nicht so prinzipientreu wie er und bei einer Prügelei kommen ihm ausgerechnet ausländische Mithäftlinge zu Hilfe. In den Monaten vor dem Haftantritt hatte er sich auch noch verliebt, in ein Mädchen, das noch "nicht einmal im Ansatz die verqueren Feindbilder meiner Ideologie" teilte.

Hinter Gittern und losgelöst von der rechten Szene bekommt Bauer leise Zweifel an der Richtigkeit seines Weges. "Der Höhepunkt meines Neonazi-Daseins war überschritten." Doch noch immer läuft Bauer ständig Gefahr, sich erneut "mit dem hartnäckigen braunen Virus zu infizieren". Nach dem Versuch, rechte Flugblätter in seinem Ausbildungsbetrieb außerhalb des Gefängnisses zu kopieren, bekommt Bauer nicht nur mächtig Ärger, sondern auch den dringenden Rat, die Szene zu verlassen.

Um seine Lehrstelle und sein Freigängerrecht zu verteidigen, willigt Bauer ein und wendet sich an die Aussteigerorganisation Exit. Daraufhin reist Georg Simonsky nach Torgau, wo Bauer in der JVA einsitzt. Der Exit-Betreuer trifft auf einen zutiefst verunsicherten Menschen. Bauer ist nachdenklich geworden, aber er ist noch immer ein Neonazi. Simonsky weiß, dass der Ausstieg dauert. "Wenn man sagt, ich steige jetzt aus, ist man ja noch nicht ausgestiegen", erzählt er n-tv.de. Doch Simonsky glaubt daran, dass Menschen sich ändern können. "Wir haben versucht, zu überprüfen, inwieweit Manuel Bauer einhält, was er verspricht. Hundertprozentig sicher kann man sich vor allem in der Anfangsphase auf keinen Fall sein." Simonsky hat auch Niederlagen hinnehmen müssen.

Schwierige Ablösung

Über seinen Leben in der rechten Szene hat Bauer ein Buch geschrieben.
Über seinen Leben in der rechten Szene hat Bauer ein Buch geschrieben.

Bauer und Simonsky sprechen miteinander, Simonsky bringt Literatur mit in den Knast, Zeitzeugenberichte von Wehrmachtssoldaten und Holocaust-Überlebenden, er geht mit Bauer ins Kino. Was Bauer schaffen muss, ist mehr als nur der Abschied von ideologischen Überzeugungen. "Die waren ja zum Teil für eine lange Zeit in der Szene drin. Sie hatten dort ihr Zuhause", gibt Simonsky zu bedenken. Auch Bauer erinnert sich, wie schwer ihm vor allem die Loslösung von den früheren Kameraden fiel. Ihn plagen Gefühle, die er früher nie hatte: Gewissensbisse. "Wenn Sie Freunde haben, die sie aus dem Sandkasten kennen, dann ist das vom emotionalen her kaum zu schaffen. Das ist die ganze Kindheit, die Schulzeit. Das gab viele Tränen."

Bauer schafft es schließlich über die örtliche Distanz. Simonsky hat jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Neonazi-Szene zum Teil mit massiven Mitteln versucht, Aussteiger zu halten. "Bei solchen Leuten wie Manuel, die eine gewisse Führungsposition inne hatten, versuchen sie, Druck aufzubauen, damit die sich nicht offenbaren. Das geht bis zur Androhung und Anwendung körperlicher Gewalt."

Braune Subkultur lebt

Wenn Manuel Bauer heute in Schulen oder Vereinen Vorträge hält, weiß die Polizei Bescheid. Er spricht darüber, wie er ein Rechter wurde und für einen Moment kann man ahnen, wie der Nazi Bauer geklungen hat. Bauer ist geradezu beängstigend authentisch. In den 1990er Jahren waren die Anwerbestrategien der Rechtsradikalen oft sehr simpel, erzählt er. "Man hat die Leute auf die politische Situation oder die Arbeitsmarktsituation angesprochen. Da gab es sehr viel Unmut und viel Unsicherheit. Damit konnte man direkt an die Jugendlichen herantreten."

Doch so, wie die Neonazis längst nicht mehr alle Glatze und Springerstiefel tragen, sind auch ihre Werbestrategien differenzierter geworden. "Heute wird über die Eurokrise gesprochen, über mögliche politische Fehlentscheidungen. Oder es läuft über die sozialen Netzwerke und über zunächst einmal ganz andere Fragen. Seid ihr für die Todesstrafe oder seid ihr gegen Tierquälerei? Da steht dann kein offensichtlicher Neonazi. "

Das Gedankengut ist jedoch eindeutig. Je desolater die soziale und politische Lage in einer Region ist, desto aktiver sind die Rechten, hat Bauer nicht nur einmal festgestellt. "In Regionen mit einer schwachen Infrastruktur kommen eben immer noch rechtsextreme Gruppen, um sich mit den Jugendlichen zu beschäftigen." Manchmal sind sie die einzigen.

NSU kein Einzelfall

Bauer vermutet, dass es in Deutschland noch immer Verbände wie seine Wehrsportgruppe "Racheakt"  oder den "Nationalsozialistischen Untergrund" von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gibt. "Sie brüsten sich nicht mit ihren Taten, sie bekennen sich nicht dazu. In diesem beinahe familiären Umfeld gilt der Leitsatz, was der Staat nicht weiß, kann er nicht ermitteln." Dass Bauer in seiner Verblendung nicht noch schwerere Straftaten beging, ist wohl nur ein Zufall. "Aus heutiger Sicht würde ich davon ausgehen, dass ich mich ebenso wie ein Teil meiner ehemaligen Kameraden auf einen ähnlichen Weg begeben hätte", so schätzt er es selbst ein.

Zehn Jahre sind vergangen, seit Simonsky zu Bauer nach Torgau aufbrach, um ihm beim Ausstieg zu unterstützen. Bauer verdankt ihm ein Leben jenseits von Kampfausbildungen und Anschlagsplänen. Doch der Ausstieg ist nicht leichter geworden. Simonsky ist vom jahrelangen Kampf um Fördergelder zermürbt. "Weh tut der rechten Szene eine Auseinandersetzung mit ihren Mitgliedern, die vielleicht Zweifel haben", ist er sicher. "Aber eine funktionierende Ausstiegshilfe muss man auch ausrüsten. Nur ehrenamtlich ist das nicht zu leisten."

Denn die "Rattenfängerei" geht nach Bauers Einschätzung "munter weiter". "Fast überall sind die vordergründig sympathisch wirkenden Werber aus der Partei und deren diffusem Umfeld zu finden." Sie sprechen die Sprache der jungen Leute, kennen ihre Sorgen und werben so clever Nachwuchs für die rechtsradikale Szene an. Bauer sieht sich als lebendiges Beispiel "für das, was man besser nicht tun sollte". Am Ende ist von der Faszination nur Scham und Schuld geblieben.

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Quelle: n-tv.de

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