Politik
Jens Spahn am Sonntag beim Tag der offenen Tür im Bundesfinanzministerium. Dort ist er seit 2015 Staatssekretär.
Jens Spahn am Sonntag beim Tag der offenen Tür im Bundesfinanzministerium. Dort ist er seit 2015 Staatssekretär.(Foto: dpa)
Montag, 28. August 2017

Interview mit Jens Spahn: "Vielleicht gehe ich als Kellner nach Sydney"

Von den USA könne man lernen, dass es gefährlich wird, wenn eine Gesellschaft ihren Zusammenhalt verliert, sagt der CDU-Politiker Jens Spahn. "Wenn sich Bürger, die bestimmte Themen, Fragen oder Sorgen haben, aus der Debatte ausgeschlossen und herablassend behandelt fühlen, ist das eine gefährliche Entwicklung." Seine Zukunftspläne lässt Spahn offen, sagt aber: "Ohne Ehrgeiz schafft man nicht mal das Seepferdchen."

n-tv.de: Würden Sie zustimmen, dass Frau Merkel bei vielen Wählern auch deshalb so beliebt ist, weil sie sich bei einigen Themen sehr zurückhält?

Jens Spahn: Angela Merkels Beliebtheit hat ja viele Gründe. Da ist natürlich die Erfolgsbilanz der letzten zwölf Jahre - diesem Land geht es wirtschaftlich so gut wie nie. Dazu kommt die unaufgeregt authentische Art der Bundeskanzlerin. In Zeiten, wo um uns herum jeden Tag aufs Neue viel passiert, und im Weißen Haus jemand alles so zuspitzt, dass es ziemlich besorgniserregend ist, da gibt es offensichtlich eine Sehnsucht nach Ruhe und Gelassenheit an der Spitze der Regierung. Das ist doch gut.

Ihr eigenes Modell ist eher ein anderes, Sie setzen, wie man auch an der Debatte um Englisch sprechende Kellner sieht, auf Kontroverse.

Ich finde es wichtig, dass wir da, wo es um etwas geht, diskutieren und Kontroversen aushalten - vor allem dann, wenn es um Bedeutungsvolleres geht als Hipster-Fragen. Das muss nicht immer aufgeregt sein, aber natürlich müssen Unterschiede und Alternativen auch deutlich werden. Schließlich geht es im Kern um unterschiedliche Wertvorstellungen. Nichts ist alternativlos. Die Frage ist immer nur: Welche Alternative hat welche Folgen, welche ist die bessere? Schließlich geht es um was: Alterung der Gesellschaft, die Digitalisierung, wie erhalten wir Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft. Das sind alles Themen, bei denen wir durch Debatte nach einem gesellschaftlichen Konsens suchen müssen.

Sie haben der "Neuen Osnabrücker Zeitung" gesagt, es gehe Ihnen "auf den Zwirn, dass in manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur Englisch spricht". Daraufhin gab es eine Debatte, die durch Ihren Beitrag in der "Zeit" eher angefacht als entschärft wurde. Haben Sie manchmal das Gefühl, falsch verstanden zu werden?

"Man wird nicht Staatssekretär in einer Bundesregierung, ohne dass die Kanzlerin das will", sagt Spahn. Sein Verhältnis zu Angela Merkel gilt dennoch als kompliziert.
"Man wird nicht Staatssekretär in einer Bundesregierung, ohne dass die Kanzlerin das will", sagt Spahn. Sein Verhältnis zu Angela Merkel gilt dennoch als kompliziert.(Foto: REUTERS)

Ich wundere mich jedenfalls manchmal, welche Äußerungen welche Resonanz finden - das Interview hatte ja eigentlich einen ganz anderen Schwerpunkt. Aber die Reaktionen zeigen auch, dass es doch einen Nerv trifft. Was mich mitunter ärgert, ist die Reduzierung auf Überschriften. Beim Englischen in Berlin geht es eigentlich um etwas Tiefgründigeres, um die Vielfalt, die Europa ausmacht. Vielfalt heißt: nicht die gleiche Musik in jeder Stadt, nicht die gleiche Mode, nicht die gleichen Starbucks und auch nicht noch die gleiche Sprache. Und beim Eurovision Song Contest singen dann auch alle auf Englisch. Dabei gibt es so viele schöne Sprachen in Europa. Vielfalt heißt für mich, dass ich mich sprachlich und kulturell auf ein Land einlasse, etwa wenn ich in Rom, Helsinki, Prag oder Amsterdam bin.

In einem "Politikercheck" in der ARD haben Sie gesagt, die CDU nehme den Menschen, wie er ist. Das klingt liberal, aber wenn Sie über Englisch sprechende Kellner sprechen, dann klingt das nicht sehr liberal. Wie geht das zusammen?

Ich will's ja nicht verbieten. Liberal heißt erst mal, Menschen die Freiheit zu geben, Ihr Leben so zu gestalten, wie sie es sich wünschen - und sie dort zu unterstützen, wo es notwendig ist. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass eine liberale Gesellschaft auch von Voraussetzungen lebt, die sie nicht automatisch selbst schafft. Insbesondere, wenn es um Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl geht. Natürlich gibt es unterschiedliche Gruppen und Traditionen, die wenig miteinander zu tun haben - vom Schützenfest im Münsterland bis zur Techno-Szene in Berlin. Klar ist das ein Riesenunterschied. Aber es gibt etwas, das den Schützen mit dem Techno-Jünger verbindet: das Bewusstsein und die Identität, in einem gemeinsamen Land, in Deutschland, zusammenzuleben. Wir bilden bei allen Unterschieden eine Gemeinschaft. Dazu gehört auch, sich immer wieder darauf zu verständigen, wie man diesen Zusammenhalt schafft.

Kann man Teil dieser Gemeinschaft sein und ein Kopftuch tragen?

Klar.

Sie haben mehrfach gesagt, dass Sie das nicht gut finden.

Das gehört ja auch zu einer liberalen Gesellschaft. Niemand muss meine Nase, meinen Anzug, meine Meinungen gut finden. Und ich muss auch nicht alles gut finden. Ich hab's lieber, wenn Männer wie Frauen ihr Haar offen tragen, wenn ich ins Gesicht schauen kann, wenn es keine religiösen Bekleidungsvorschriften für Gläubige gibt. Das ist mir zu uniform, das ist das Gegenteil von Vielfalt. Ich wundere mich, dass die ehemals größten Kämpfer für Vielfalt heute für die Einfalt kämpfen.

In vielen Artikeln über Sie steht, dass Sie von Kollegen gelegentlich den Rat bekommen, weniger präsent zu sein, sich zurückzuhalten. Wie oft kommt das vor?

Ab und zu. Mir geht es auch nicht darum, jede Woche im Fernsehen zu sein oder eine Debatte um der Debatte willen zu führen. Mir geht es um die Inhalte, für die ich werben will. Auf die konzentriere ich mich. Und das wird doch zu Recht von Politikern erwartet, dafür werden wir gewählt oder auch nicht. Sicherlich gibt es den einen oder anderen, der mich nicht mehr sehen kann. Aber dann kann man ja wegschalten, das ist das Schöne.

Anderes Thema: Traditionell stehen CDU und CSU den US-Republikanern nahe. Ist das noch so?

Wir hatten schon in der Vergangenheit inhaltlich viel mehr Gemeinsamkeiten mit den Demokraten, bei der Frage von sozialer Sicherung zum Beispiel. Aber wir gehören derselben internationalen Parteienfamilie an wie die Republikaner. Jetzt kann man lange diskutieren, ob Donald Trump ein klassischer Republikaner ist oder ob er die republikanische Partei nicht eher als Vehikel genutzt hat, um dahin zu kommen, wo er ist. Mit vielem von dem, was Trump äußert, was er twittert, was er tut, kann ich mich schwer bis gar nicht identifizieren. Den meisten in der CDU geht es genauso.

Was kann man aus Trumps Wahlsieg lernen?

Dass es gefährlich wird, wenn der Zusammenhalt verloren geht. Das ist in den USA in großen Teilen passiert. In den Großstädten an der West- und Ostküste haben viele nicht mehr wahrgenommen, wie sich die Lebenswelten und Einstellungen der Menschen in den vielen tausend Kilometern dazwischen entwickeln. Wenn sich Bürger, die bestimmte Themen, Fragen oder Sorgen haben, aus der Debatte ausgeschlossen und herablassend behandelt fühlen, ist das eine gefährliche Entwicklung.

Dem "Spiegel" konnte man entnehmen, dass Sie im April im Weißen Haus Steve Bannon und Reince Priebus getroffen haben, damals noch Chefstratege und Stabschef von Donald Trump. Danach hätten Sie "begeistert" von Bannon gesprochen. Was an Bannon gefällt Ihnen?

Sehen Sie, dass meine ich mit der verkürzten Darstellung von Aussagen. Plötzlich steht da das Gegenteil dessen, was richtig ist. Also: Es stimmt nicht, ich bin nicht "begeistert" von Bannon. Er ist allerdings eine Person, die offenkundig prägend war und ist für das, was Donald Trump macht, auch für einen Blick auf die Welt, der in den USA vorherrscht und dort immer größere Unterstützung findet. Ich finde es wichtig, zu verstehen, wie der tickt. Man kann doch erst verstehen, was Menschen treibt, wenn man mal mit ihnen gesprochen hat. Danach habe ich vor Journalisten berichtet, dass Bannon mal ein Jahr lang nur in kurzer Hose rumgelaufen ist. Ich fand das eine bemerkenswerte Skurrilität, aber dahinter steckte keine Begeisterung. Vieles von dem, was seinen nationalistisch-populistischen Ansatz angeht, teile ich ausdrücklich nicht.

Im Juni waren Sie bei der sagenumwobenen Bilderberg-Konferenz dabei.

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Herr Bsirske [der Chef der Gewerkschaft Verdi] war übrigens auch da.

Sie gehören damit praktisch zur Weltregierung. Wie kam es dazu?

Ich habe eine Einladung bekommen, wie andere vor mir. Es ist ja nicht immer der gleiche Kreis, der sich da trifft. Das ist ein interessantes Format, übrigens eine Initiative aus dem niederländischen Königshaus - Niederländer und Weltregierung, das hat nicht so viel miteinander zu tun. Es war und ist ein Forum des Austausches für Führungskräfte aus Wirtschaft, Medien und Politik. Wir haben diskutiert: transatlantisches Verhältnis, Europa, China, Digitalisierung und andere Themen. Es war ein spannender Austausch auf hohem Niveau von morgens acht bis abends um zehn. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ich verstehe die ganze Geheimniskrämerei um diese Treffen nicht. Hab ich vorher schon nicht, aber jetzt noch weniger. Wahrscheinlich wird in jeder DGB-Bundesvorstandssitzung hinter verschlossenen Türen mehr politisch entschieden als da.

In einem Porträt der "Süddeutschen Zeitung" von 2012 werden Sie mit dem Satz zitiert: "Ich will das nicht immer machen, aber im Moment macht mir die Politik noch Spaß." Was würde Ihnen statt Politik Spaß machen?

Einer der schönsten Berufe ist für mich der des Kindergärtners, weil ich nichts erfrischender finde, als mit Kindern zu sprechen, zu sehen, wie sie sich entwickeln, welche Fragen sie stellen. Aber das Schöne ist: Mir macht meine Aufgabe als Abgeordneter noch jeden Tag Freude. Und deswegen kandidiere ich erneut.

Glauben Sie, dass Kindergärtner genug verdienen?

Nein. Wir haben viel in den Ausbau der Ganztagsbetreuung investiert, das war auch richtig und wichtig. Jetzt geht's darum, die Qualität der Kitas zu verbessern. Die Erzieherinnen und Erzieher leisten einen tollen Job. Aber da kann man noch deutlich mehr Ressourcen reingeben: was Personal, aber auch was die Bezahlung angeht. Was ein Kindergartenkind jeden Tag mitbekommt, entscheidet mehr über seine Zukunft als alles, was in der zehnten Klasse passiert. Da sollten wir die Erzieher auch besser bezahlen.

Es heißt, dass Jens Spahn unter Angela Merkel keine Karriere mehr machen wird. Stimmt das?

Ich bin in ihrem Team, ich bin Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Das mache ich gern, das ist eine spannende Aufgabe.

Aber das sind Sie ja nicht, weil die Kanzlerin, sondern weil Wolfgang Schäuble das wollte.

Man wird nicht Staatssekretär in einer Bundesregierung, ohne dass die Kanzlerin das will. Im Moment arbeite ich jeden Tag dafür, dass sie nach dem 24. September Kanzlerin bleibt.

Einen Ministerposten haben Sie sich abgeschminkt?

Das, was ich mache, mache ich gerne.

Auf die Frage, wer in der CDU Merkels Nachfolge anstrebe, hat Erika Steinbach kürzlich einem Kollegen von mir gesagt: "Das ist erkennbar Jens Spahn."

Ach was.

Und Sie werden häufig, vor allem von jüngeren Unionsabgeordneten, genannt, wenn man nach Hoffnungsträgern der Union fragt. Ist Ihnen das recht oder nicht?

Ich habe noch an keinem Zaun gerüttelt und werde das auch nicht tun. Die Diskussion ist auch müßig. Die Wahrheit ist: Ohne Ehrgeiz schafft man nicht mal das Seepferdchen und kommt auch als Journalist nicht weiter. Vielleicht bin ich in ein paar Jahren auch Kellner am Bondi Beach in Sydney, wer weiß?

Mit Jens Spahn sprach Hubertus Volmer

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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