Politik
Richtig integriert, falscher Pass. Familie Beqiri muss mit der Abschiebung rechnen.
Richtig integriert, falscher Pass. Familie Beqiri muss mit der Abschiebung rechnen.(Foto: Marco Büttner)
Sonntag, 28. August 2016

Recht und Menschlichkeit: Voll integriert - und vor der Abschiebung

Von Marco Büttner, Sankt Märgen

Das Rezept von Familie Beqiri für die Integration ist einfach: Wir machen alles wie die Deutschen. Wir sprechen Deutsch, wir arbeiten, wir zahlen Miete. Dennoch sollen sie abgeschoben werden.

Sankt Märgen im Hochschwarzwald: Hier gewinnt die CDU im grünen Ländle noch Wahlen, hier scheint die Welt auf 1000 Metern zwischen Kühen, Heuwiesen und Kloster noch in Ordnung.

Doch auch hier hat die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Merkel Spuren hinterlassen: Mitten im Ort wohnen unter einem Dach Flüchtlinge aus Afghanistan, Nigeria und dem Kosovo. Noch. Denn Sami Beqiri, seine Frau Shehide und ihre drei Kinder sollen abgeschoben werden. Das Kosovo gilt als sicheres Herkunftsland, da ist das deutsche Asylrecht so klar wie die Luft im Hochschwarzwald.

Idylle im Hochschwarzwald. Sankt Märgen liegt in der Nähe von Freiburg.
Idylle im Hochschwarzwald. Sankt Märgen liegt in der Nähe von Freiburg.(Foto: Marco Büttner)

Die Familie kam im Februar 2015 nach Deutschland, lebt seit mehr als einem Jahr in dem 800-Einwohner-Dorf. Und hat sich vorbildlich integriert: Die Mutter arbeitet als Zimmermädchen im größten Hotel des Ortes, der Vater als Maler bei einem örtlichen Meisterbetrieb. Ihre drei Kinder besuchen Regelschulen, sprechen hervorragend Deutsch und stehen eher am oberen Leistungsspektrum ihrer Klassen. Das Gehalt der Eltern macht die Familie unabhängig von staatlichen Hilfen - sie zahlen mehr Steuern und Abgaben als manch deutscher Hartz-IV-Empfänger oder Fußballfunktionär jemals bezahlt hat. Doch Ablehnungsbescheid bleibt Ablehnungsbescheid, Wirtschaftsflüchtling bleibt Wirtschaftsflüchtling: Jederzeit kann die Familie nun abgeschoben werden. Die Instanzen sind ausgeschöpft, Widerspruch unmöglich.

Widerstand jedoch schon: Die eigentlich bodenständige Dorfgemeinschaft stellt sich quer. Ein Helferkreis, der die Flüchtlinge im Dorf seit mehr als zwei Jahren unterstützt, hat für die Familie einen Härtefallantrag eingereicht. Unterschriftenlisten gegen die Abschiebung werden auch von den alteingesessenen Familien des Dorfes zahlreich unterschrieben. Wehrle, Faller, Löffler: Hier gelten Namen etwas, die in einer Großstadt nur Beschriftungen von Klingelschildern wären. Die Klassenlehrerinnen der Kinder bitten die Behörden per Brief, in diesem Fall Menschlichkeit vor Bürokratie walten zu lassen.

"Rechtlich haben diese Gesichtspunkte keine Auswirkungen"

Bürgermeister Manfred Kreutz hat sich direkt an das Innenministerium in Stuttgart gewandt. Er sieht die Beqiris in Zeiten des Arbeitskräftemangels als Musterbeispiel für den positiven Effekt von Zuwanderung. Leuchttürme mitten im Schwarzwald. Und er fürchtet die Desillusionierung der ehrenamtlichen Helfer im Dorf. Markus Löffler, der von Nachwuchssorgen geplagte Arbeitgeber des Familienvaters, wehrt sich gegen den Verlust seines besten Mitarbeiters. Seinen Malerbetrieb müsse er ohne Sami Beqiri schließen, sagt er.

Samis Rezept für Integration ist ganz einfach: Wir machen alles wie die Deutschen. Wir sprechen Deutsch, wir arbeiten, wir zahlen Miete.

Im Kosovo gehörten die Beqiris als Mitglieder der albanischen Bevölkerungsmehrheit nicht einer verfolgten Minderheit an. Dort herrscht Frieden, auch wenn der noch immer von der Bundeswehr und andere Truppen geschützt werden muss. Die Beqiris müssen weder Krieg noch staatliche Willkür fürchten. Aber Staatsversagen im ärmsten und korruptesten Land auf dem Balkan. Dort ist mehr als jeder Dritte arbeitslos, Hauptmotor der Wirtschaft ist Geld, das von Auslands-Kosovaren in die alte Heimat überwiesen wird. Wer kann, der geht.

Die Beqiris flohen nicht nur aus Armut und Perspektivlosigkeit, sondern auch vor den Spätfolgen des Kosovokrieges vor 17 Jahren: Shehide war als Jugendliche Zeugin "ethnischer Säuberungen". Ihr Trauma, ihre Panikattacken, ihre Angst konnten in Deutschland endlich professionell therapiert werden. Im Kosovo gab es nur Tabletten - wenn Geld da war. Wenn nicht, kam die Verzweiflung.

In der Ablehnung des Widerspruchs gegen die Abschiebung beschreibt das Amtsgericht Freiburg das Dilemma der Beqiris so: "Die beachtlichen Integrationsleistungen der Antragsteller sind sehr begrüßens- und unterstützenswert. Rechtlich haben diese Gesichtspunkte jedoch keine Auswirkungen auf die Rechtmäßigkeit … der Abschiebungsandrohung." Eine sehend blinde Justiz. Richtig integriert, falscher Pass. Raus.

Vor einem Jahr hat die Kanzlerin einsam entschieden, dass im großen Deutschland Gesetze und Abkommen der Menschlichkeit nicht im Wege stehen dürfen. Auf diese Haltung hoffen Familie Beqiri und ihre Unterstützer im kleinen Sankt Märgen nun wieder.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen