Politik
Am 9. November 1989 verkündet Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz die Öffnung der DDR-Grenze.
Am 9. November 1989 verkündet Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz die Öffnung der DDR-Grenze.(Foto: dpa)

Der Mann mit dem Zettel: Vom Wandel des Günter Schabowski

Von Christoph Rieke

Viele kennen Günter Schabowski lediglich als "Mann mit dem Zettel", der am 9. November 1989 die Mauer öffnete. Bis heute ist er der einzige ranghohe Vertreter des SED-Regimes, der sich zu seiner Mitschuld am DDR-Unrecht bekennt.

Der Saal im Pressezentrum im Ostberliner Ministerrat platzt am Abend des 9. November 1989 aus allen Nähten. Der für Informationswesen zuständige Sekretär des Zentralkomitees der SED, Günter Schabowski, informiert über die vergangene ZK-Sitzung, doch wieder einmal scheint nichts Bedeutendes beschlossen worden zu sein. Die anwesenden Journalisten langweilen sich seit fast einer Stunde angesichts der bürokratischen Phrasen - bis der italienische Korrespondent Riccardo Ehrman kurz vor 19.00 Uhr nach der geplanten Reiseregelung fragt. Schabowski berichtet, zunächst noch gefasst, über den Beschluss des Ministerrats, der "es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen".

Die Journalisten trauen ihren Ohren nicht. "Also doch, doch", versichert Schabowski auf Ehrmans Nachfrage und kramt einen Zettel hervor. "Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise Berlin-West erfolgen." Als der Reporter Peter Brinkmann fragt, ab wann das neue Gesetz gelte, ist Schabowski sichtlich verunsichert. Schließlich stammelt das Politbüro-Mitglied die historischen Worte ins Mikrofon: "Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich." Dass diese Regelung eigentlich erst einen Tag später in Kraft treten soll, ist den DDR-Bürgern egal. Sie nehmen Schabowski beim Wort und strömen in Massen an die zunächst noch geschlossenen Grenzübergänge.

Aus Versehen läutet Schabowski am 9. November 1989 den Untergang der DDR und zugleich das Ende seiner steilen Karriere ein. "Als ich am späten Abend des 9. November den Ausdruck der Freude sah, wurde mir klar, wie instinktlos wir uns an einem elementaren Bedürfnis der Menschen vergangen hatten", sagt er heute. Nicht wenige bezeichnen ihn als Wendehals. Für die alten Weggefährten ist er gar ein Verräter, der sich dem "Klassenfeind" andient. Tatsächlich hat der heute 85-Jährige einen bemerkenswerten Wandel vollzogen - vom sozialistischen Hardliner zum reuigen Konvertiten.

Sozialistische Bilderbuchkarriere

Als 16-Jähriger kommt der 1929 in Anklam geborene Schabowski kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch einen kommunistischen Schulkameraden in Berührung mit der Ideologie des Sozialismus. Er findet schnell Gefallen an ihr. "Die Geschlossenheit der Weltanschauung - heute für mich das erste Symptom für eine suspekte Heilslehre - faszinierte mich", so Schabowski in seiner 2009 veröffentlichten Autobiografie "Wir haben fast alles falsch gemacht. Die letzten Tage der DDR".

Günter Schabowski und Egon Krenz zu Besuch im VEB Werkzeugmaschinenkombinat in Ost-Berlin am 7. Oktober 1989.
Günter Schabowski und Egon Krenz zu Besuch im VEB Werkzeugmaschinenkombinat in Ost-Berlin am 7. Oktober 1989.

Schabowski legt fortan eine sozialistische Bilderbuchkarriere im sowjetisch besetzten Ostdeutschland hin. Der Diplom-Journalist tritt in die SED ein und studiert an der sowjetischen Parteihochschule - ein Privileg, das nur ausgewählten und parteitreuen Bürgern vorbehalten ist. Der Aufenthalt in Moskau öffnet ihm die Tür zum SED-Zentralorgan "Neues Deutschland", bei dem er 1978 zum Chefredakteur aufsteigt.

Ab 1981 fokussiert sich Schabowski zunehmend auf die politische Karriere. Ähnlich wie in seiner beruflichen Laufbahn arbeitete er sich schnell und erfolgreich in die höchsten Posten empor. Als Mitglied des ZK sowie des Politbüros avanciert er zu einem der mächtigsten Männer der DDR und trägt somit maßgeblich Mitverantwortung für die ostdeutsche Politik.

Hardliner mit spätem Reformbedarf

Es gibt nicht wenige Anekdoten, die den ambitionierten Schabowski als typischen SED-Hardliner beschreiben. So wird beispielsweise ein Generaldirektor des Kombinats für Schienenfahrzeugbau auf Veranlassung Schabowskis strafversetzt, nachdem er diesem gegenüber einen Parteibeschluss kritisierte, demzufolge jeder Betrieb einen bestimmten Prozentsatz an Konsumgütern produzieren muss. Dass Schwermaschinenbetriebe fortan Wäscheständer zu produzieren haben, ist für Schabowski und das Politbüro irrelevant.

Ganz vorn mit dabei: Schabowski (l.) mit Egon Krenz (m.) und Eberhard Aurich (r.) auf einer Kundgebung am 10. November 1989.
Ganz vorn mit dabei: Schabowski (l.) mit Egon Krenz (m.) und Eberhard Aurich (r.) auf einer Kundgebung am 10. November 1989.

Allerdings wächst auch bei ihm der Drang nach Veränderung. Mit dem Ziel politischer Reformen und der Rückendeckung aus Moskau initiiert Schabowski am 18. Oktober 1989 zusammen mit den Politbüromitgliedern Egon Krenz und Harry Tisch erfolgreich die Absetzung des bisherigen Staatschefs Erich Honecker. Bei der größten Protestdemonstration in der Geschichte der DDR stellt sich Schabowski auf dem Berliner Alexanderplatz der Kritik der Opposition - als einziges Politbüromitglied. Noch immer hält er das Fortbestehen der DDR für möglich. Es ist der 4. November 1989.

Nur fünf Tage später sorgt Schabowski auf der historischen Pressekonferenz für die Öffnung der innerdeutschen Grenze. Inmitten des einsetzenden Niedergangs des SED-Regimes tritt Schabowski am 3. Dezember 1989 zusammen mit allen anderen Mitgliedern des ZK und des Politbüros zurück und wird darüber hinaus aus der neu formierten SED/PDS ausgeschlossen.

Reuiger Konvertit im Knast

Im "Politbüro-Prozess" werden Egon Krenz (l.) und Günter Schabowski (r.) 1997 für die tödlichen Schüsse an der DDR-Grenze verurteilt.
Im "Politbüro-Prozess" werden Egon Krenz (l.) und Günter Schabowski (r.) 1997 für die tödlichen Schüsse an der DDR-Grenze verurteilt.(Foto: Associated Press)

Ausgerechnet Schabowski entwickelt sich fortan zu einem der schärfsten Kritiker des Systems. Als Zeugnis seines Wandels bringt er mehrere Bücher heraus, in denen er Einblicke in die Arbeit der SED-Führung gewährt und öffentlich mit seiner Vergangenheit bricht. Der westdeutsche Psychoanalytiker Tilman Moser bescheinigt Schabowski "Aufrichtigkeit" und auch der heutige Bundespräsident Joachim Gauck erkennt an, dass Schabowski sich gewandelt, die "eigenen Irrtümer als Irrtümer benannt" sowie sich "durch eine harte Wahl letztlich selber befreit" habe.

Die Schuldeingeständnisse schützen Schabowski allerdings nicht vor Bestrafung. Im Prozess um die Schießbefehle an der innerdeutschen Grenze verurteilt das Berliner Landgericht Schabowski sowie die weiteren Politbüro-Mitglieder Günther Kleiber und Egon Krenz 1997 zu mehrjährigen Haftstrafen wegen Totschlags. Bereits im Jahr 2000 kommt es zur Begnadigung von Schabowski und Kleiber, während Krenz weiterhin eine "Siegerjustiz" moniert.

Fester Platz in den Geschichtsbüchern

Seinen Platz in den Geschichtsbüchern hat Schabowski sicher. Während er sich zu seiner Mitverantwortung und moralischen Schuld am DDR-Unrecht bekennt, zeigen ehemalige Weggefährten wie Egon Krenz oder Heinz Keßler weiterhin keine Reue. Weitaus mehr Sorgen als die Starrsinnigkeit der alten Genossen bereitet ihm allerdings die Popularität der Linkspartei: "Wer hätte gedacht, dass die nachgelassene giftige Hefe der SED noch so viel Virulenz im politischen Teig der Bundesrepublik besitzt?", schreibt er in seiner Autobiografie.

Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls ist es ruhig um den "Mann mit dem Zettel" geworden, Günter Schabowski ist schwer krank. Er lebt heute mit seiner Frau Irina im West-Berliner Bezirk Wilmersdorf. Denkt er an den 9. November vor 25 Jahren zurück, so stellt Schabowski fest: "Er war der bedeutendste Tag in meinem Leben."

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Quelle: n-tv.de

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