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Aufständischer in Syrien. An der Wand steht: "Unter den sunnitischen Männer gibt es einige, die den Tod lieben wie du das Leben."
Aufständischer in Syrien. An der Wand steht: "Unter den sunnitischen Männer gibt es einige, die den Tod lieben wie du das Leben."(Foto: REUTERS)

Pläne für die Nachkriegsordnung: Warum wird Syrien nicht einfach aufgeteilt?

Hobby-Geostrategen fordern gelegentlich eine Zerschlagung Syriens – ein nördliches Stück für die Kurden, einen Küstenstreifen für die Alawiten, den Rest des Landes für die Sunniten. Wäre das eine sinnvolle Lösung?

n-tv.de: Könnte man den Bürgerkrieg in Syrien beenden, indem man das Land einfach unter den Alawiten, Schiiten und Kurden aufteilt?

Petra Becker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Petra Becker ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik.(Foto: SWP)

Petra Becker: Nein. Keiner der so entstehenden Staaten wäre allein lebensfähig. Und außerdem sind die Konfessionen und ethnischen Zugehörigkeiten in Syrien nicht eindeutig an Siedlungsgebiete gebunden. Kurden leben nicht nur im Norden Syriens, sondern in großer Zahl auch in Aleppo, in Damaskus und in anderen Großstädten. Dasselbe gilt für die Alawiten. Sie kommen zwar ursprünglich aus dem Küstengebirge. Aber in den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele von ihnen – gerade weil sie in Verwaltung, Militär und Sicherheitsapparat bevorzugt wurden – außerhalb dieser Region niedergelassen. Und auch die Christen, die ja die Urbevölkerung Syriens darstellen, verteilen sich aufs ganze Land.

Aber die Kurden fordern einen eigenen Staat ...

Das wird häufig missverstanden. Die PYD, der syrische Ableger der türkischen PKK, die einen eigenen Staat beziehungsweise eine kurdische Autonomieregierung fordert, vertritt keineswegs alle Kurden. Die PYD ist nur die Gruppe, die militärisch am besten aufgestellt ist und sich deshalb in den letzten vier Jahren am besten durchsetzen konnte.

Ist es nicht trotzdem schwer vorstellbar, dass die unterschiedlichen Gruppen nach dem Ende des Bürgerkriegs noch Interesse an einem gemeinsamen Syrien haben werden?

Diese Sicht folgt einem Narrativ, das vom Regime verbreitet wird. Die Regierung in Damaskus hat schon die Demonstrationen von 2011 als Kampf extremistischer Islamisten dargestellt, die alle Minderheiten ausrotten wollen. Seit vier Jahren versucht das Regime, die Konfessionen und Ethnien gegeneinander auszuspielen, und je länger der Konflikt dauert, desto besser funktioniert das. Trotzdem stimmt diese Darstellung bis heute nicht. Ich habe für zwei Studien über konfessionelle Gruppen in Syrien in den vergangenen zwei Jahren viele Interviews mit syrischen Christen und Sunniten geführt, mit ganz normalen Leuten, mit Oppositionellen und mit Vertretern von religiösen Institutionen. Jeder, wirklich jeder sagte: Hört doch mal auf, darüber zu reden, welcher Konfession wir angehören! Wir sind 2011 auf die Straße gegangen, um Bürgerrechte für alle einzufordern! Die Syrer wollen keine Unterscheidung nach Konfessionen, sie wollen Chancengleichheit.

Aber ist nicht der Gegensatz zwischen Alawiten und Sunniten im System angelegt?

Ja, schon. Nachdem sich der alte Präsident, Hafiz al-Assad, 1970 an die Macht geputscht hatte, umgab er sich mit Leuten aus seinem engeren Familien- und Freundeskreis. Da Assad Alawit war, kamen Alawiten überproportional häufig in Machtpositionen. Das betrifft vor allem den Sicherheitsapparat, aber auch die Wirtschaft: Heute besitzen Cousins des Präsidenten Mobiltelefonunternehmen und sind regelrechte Business-Tycoons.

Das wird die Alawiten bei den anderen Syrern kaum beliebter machen.

Viele Syrer sagen: Die Alawiten haben den Präsidenten unterstützt und sich damit schuldig gemacht an dem, was in Syrien passiert. Aber es gibt auch Alawiten in der Oppositionsbewegung, und schon vor 2011 gab es in der alawitischen Gemeinschaft Widerstand gegen das Regime. Die alawitischen Oppositionellen sind sogar noch härter verfolgt worden als andere Oppositionelle – sie verschwanden entweder in Gefängnissen oder wurden gleich umgebracht. Zugleich sind die Alawiten eine Gruppe, die sehr unter den Ereignissen der letzten Jahre gelitten hat. Wenn man mit Alawiten spricht, hört man immer wieder den Satz: Die Hälfte unserer jungen Männer sind im Kampf gefallen. Den meisten Alawiten ist durchaus bewusst, dass sie vom Regime im Kampf gegen Rebellen und Opposition benutzt werden.

Ist der Gegensatz zwischen Alawiten und den anderen Gruppen denn überbrückbar?

Wenn es einen Friedensprozess gibt, müsste dabei, ähnlich wie nach der Apartheid in Südafrika, darüber gesprochen werden, wer wann was gemacht hat. Man wird nicht alles aufarbeiten können, aber es muss deutlich werden, dass auf allen Seiten Fehler gemacht wurden – auch aufseiten der Opposition, die zu wenig auf die Alawiten zugegangen ist. Syrien als Staat sollte auf jeden Fall erhalten bleiben, aber das Land müsste ein föderales System bekommen, das stärker auf lokale Strukturen setzt.

Gibt es überhaupt ein syrisches Nationalbewusstsein?

Das gibt es sehr wohl. Man darf nicht vergessen: Die Grenzen Syriens sind zwar von den Kolonialmächten am Reißbrett gezogen worden, aber das ist einhundert Jahre her. In diesen hundert Jahren gab es mehrere Generationen von Menschen, die in diesem Staat aufgewachsen sind, die sich damit identifizieren. Das gilt genauso für die anderen Staaten, die aus der Erbmasse des Osmanischen Reiches entstanden sind. Vielleicht mit einer Ausnahme.

Welche ist das?

Jordanien. Das Land wurde so angelegt, dass es keine Möglichkeit hat, aus eigener Kraft zu existieren. In Jordanien gibt es weder Öl noch eine Landwirtschaft, die das Land ernähren könnte. Jordanien hing immer am Tropf ausländischer Mächte und hat es deshalb nicht geschafft, eine eigene Identität zu entwickeln. Aber für Syrien gilt das nicht. Syrien ist ein reiches Land, es hat eine starke Landwirtschaft, es gibt ein bisschen Öl, die Industrie ist entwickelbar, die Syrer sind gut ausgebildet – damit kann man als Staat überleben. Wenn Syrien allerdings in einzelne Mini-Staaten zerschlagen würde, wären auch diese Staaten nicht allein überlebensfähig. Damit würde man gleich wieder die nächsten Konflikte produzieren.

Mit Petra Becker sprach Hubertus Volmer

Bürgerkrieg in Syrien: Wer kontrolliert welche Gebiete?
Bürgerkrieg in Syrien: Wer kontrolliert welche Gebiete?(Foto: Christoph Herwartz / n-tv.de)

Quelle: n-tv.de

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