Politik
"Emotionen entscheiden, damals wie heute": Donald Trump weiß, wie man Menschen bewegt.
"Emotionen entscheiden, damals wie heute": Donald Trump weiß, wie man Menschen bewegt.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 26. September 2016

US-Wahlkampf-Talk bei Anne Will: Was ist Trumps Erfolgsgeheimnis?

Von Julian Vetten

Obwohl Donald Trump fast täglich verbales Harakiri begeht, ist Hillary Clintons Vorsprung sechs Wochen vor den US-Präsidentschaftswahlen dramatisch geschmolzen. Anne Will möchte dem Phänomen Trump auf die Spur kommen.

Als die Republikaner Mitte Juli Donald Trump zu ihrem Präsidentschaftskandidaten kürten, stand für die meisten Politikexperten eigentlich schon fest: Hillary Clinton wird die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika. Dafür sprachen nicht nur die Umfragewerte, in denen Clinton teilweise mehr als zehn Prozentpunkte vor dem Immobilienmogul lag, sondern vor allem die schier undenkbare Vorstellung, dass ein halbwegs vernünftig denkender Mensch - ungeachtet der Parteizugehörigkeit - allen Ernstes einen Mann wählen könnte, der Barack Obama für den Gründer der Terrormiliz IS hält. Und obwohl Trump fast täglich mit einem neuen Aufreger oder einer blanken Lüge für Schlagzeilen sorgt, ist Clintons Vorsprung nicht etwa gewachsen, sondern dramatisch geschrumpft. Vor dem ersten von drei TV-Duellen sind beide Kandidaten nun fast gleichauf - und Anne Will stellt ihren Gästen am Sonntagabend die Frage: "Warum ist Trump so erfolgreich?"

Wills Gäste an diesem Abend, von links nach rechts: Constanze Stelzenmüller, Roger Johnson, Thomas Gottschalk, Martin Schulz und Oskar Lafontaine.
Wills Gäste an diesem Abend, von links nach rechts: Constanze Stelzenmüller, Roger Johnson, Thomas Gottschalk, Martin Schulz und Oskar Lafontaine.(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Antworten liefern sollen der seit 20 Jahren in den USA lebende Ex-Wetten-dass-Moderator Thomas Gottschalk, der Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, der Ex-SPD-Finanzminister und heutige Linkspolitiker Oskar Lafontaine, die Politikwissenschaftlerin Constanze Stelzenmüller und der seit langem in Deutschland wohnende Republikaner Roger Johnson.

"Die Amerikaner sind ein rätselhaftes Kindvolk", zitiert Gottschalk den Philosophen Peter Sloterdijk eingangs und erklärt: "Politik bezieht der normale Amerikaner nicht unbedingt auf sein eigenes Leben." Deshalb interessierten sich viele Bürger mehr für die Präsentation der Botschaft ihrer Präsidentschaftskandidaten als für deren Inhalt. Und die sei bei einem emotionalen Scharfmacher wie Trump nun mal ohne jeden Zweifel mitreißender als bei der oft so blutleer und kalt wirkenden Clinton. "Man muss einfach wissen: Emotionen entscheiden, damals wie heute", stimmt Lafontaine dem ehemaligen Showmaster zu.

"Was in Amerika passiert, wird hier ebenso passieren"

Stelzenmüller findet Gottschalks Argumentationskette dagegen reichlich naiv, die selbsternannte "Politikerklärerin" warnt davor, Trump als rein amerikanisches Phänomen abzutun: " Was in Amerika passiert, wird hier ebenso passieren - spätestens, wenn wir in den Wahlkampf einsteigen." Das glaubt auch Lafontaine, der Linken-Politker rät dazu, die richtigen Lehren aus den amerikanischen Schlüssen zu ziehen: "Die Rechte, das Irrationale wird stark, wenn das Establishment das Gefühl verbreitet, die Sorgen und Ängste der Bevölkerung nicht ernstzunehmen."

Deshalb sei es auch so wichtig für die Demokraten, so schnell wie möglich gegenzusteuern und eine "emotionale Gegenwelle aufzubauen", findet Martin Schulz. Für den EU-Politiker geht es "um zuviel, als nur mit wohlgesetzten Worten gegen Trump zu ziehen", denn "Politiker, die Macht haben, können mit ihren Entscheidungen auf Generationen das Leben von Menschen prägen."

Genau da liegt das Problem für Roger Johnson, der wie die meisten Republikaner in seinem Heimatland lange nicht mit Trump warm wurde, ihn aber nun für das kleinere Übel hält: "Der springende Punkt ist für mich, dass, wenn Trump nicht gewählt wird, Hillary an die Macht kommt - und das wäre eine Riesenkatastrophe." Für  das republikanische Establishment ist ein ungeliebter und unberechenbarer Präsident aus den eigenen Reihen eben immer noch besser als die Vorstellung, weitere vier Jahre eine demokratische Regierung im Weißen Haus erdulden zu müssen.

Für einen Großteil der amerikanischen Bevölkerung dürften parteitaktische Überlegungen dagegen eine eher untergeordnete Rolle spielen - und auf die baut Martin Schulz: "Am Ende, da bin ich mir ziemlich sicher, werden die meisten Amerikaner keine hohlen Phrasen wählen." Ob das Vertrauen des EU-Parlamentspräsidenten an die Ratio der amerikanischen Wähler berechtigt ist oder der emotional geführte Wahlkampf Trumps den Immobilienmogul tatsächlich bis ins Weiße Haus trägt, wird sich in den kommenden sechs Wochen zeigen.

Quelle: n-tv.de

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