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Nordkoreanische Arbeiter bauen an einer Fabrik: Der Lebensstandard soll steigen.
Nordkoreanische Arbeiter bauen an einer Fabrik: Der Lebensstandard soll steigen.(Foto: dpa)

Gibt es einen Schießbefehl?: Weniger Nordkoreaner fliehen

Von Jochen Müter

Die Signale aus Kim Jong-Uns Machtzentrale sind oft widersprüchlich. Mal soll der abgeschottete Staat das erfolgreichste Land der Erde sein, mal werden große Veränderungen angekündigt. Konkret bekannt wird, wie viele Nordkoreaner im letzten Jahr flüchteten. Es sind weniger als 2011. Aber warum?

Was oberflächlich betrachtet nach einer guten Nachricht klingt, hat einen gewaltigen Haken. Das südkoreanische Verteidigungsministerium teilte mit, dass es im Jahr 2012 deutlich weniger Flüchtlinge aus Nordkorea gab als im Jahr zuvor. Kamen im vergangenen Jahr 1508 Nordkoreaner nach Südkorea, waren es 2011 noch 2706. Wahrscheinlich aber fußt die Entwicklung nicht darauf, dass sich der Lebensstandard oder die politischen Verhältnisse nach dem Tod Kim Jong-Ils massiv verbessert hätten. Die Ursache liegt wohl eher in verstärkten Repressalien und einer deutlich schärferen Grenzkontrolle.

Nach Erkenntnissen südkoreanischer Beobachter werden unter dem neuen Machthaber Kim Jong-Un Menschen, die als fluchtbereit oder ausreisewillig gelten, zunehmend massiv unterdrückt und drangsaliert. Nordkoreanern, denen die Flucht gelang, berichten davon.

Kim Jong-Un
Kim Jong-Un(Foto: dapd)

Verschärft hat sich wohl auch der Umgang der chinesischen Behörden mit Nordkoreanern, die über die Grenze nach China kommen. Pastor Kim Sung Eun, ein Vertreter der evangelikalen Gemeinden Südkoreas und Fluchthelfer, sagte zudem, nordkoreanische Grenzbeamte hätten von Kim den Befehl erhalten, illegale Flüchtlinge an der Grenze zu erschießen.

Die Erkenntnisse konterkarieren die Neujahrsansprache des Machthabers, in der er von einer "radikalen Wende" in der nordkoreanischen Politik und Gesellschaft gesprochen hatte. Kim sprach sich neben einer Steigerung des Lebensstandards vor allem dafür aus, die Konfrontationen zwischen dem Norden und dem Süden zu beenden.

Inwieweit Kim seine Ankündigung tatsächlich ernst meint, ist unter Beobachtern stark umstritten - unter anderem, weil es Zweifel daran gibt, dass er solche Umbaumaßnahmen überhaupt delegieren kann. Die interne Bedeutung des Militärs und der Einfluss Chinas auf den Führungsstab seien viel zu unklar. Nordkorea lebt wirtschaftlich von seinem riesigen Nachbarn. Ein Machtwort aus Peking wäre wahrscheinlich stärker als jede Idee von Kim Jong-Un. Denkbar ist aber auch, dass ein solches Machtwort bereits gefallen und damit Ursache für die Wandel-Ankündigung ist. Und es könnte gelautet haben: Öffne Dein Land wirtschaftlich, mache es wie wir.

Immer wieder Provokationen

In Südkorea wurde die Ankündigung einer Wende jedenfalls mit großen Zweifeln aufgenommen. Vereinigungsminister Yu Woo Ik hält Kims Ansprache für "uninteressant". Sie habe keine wegweisenden Vorschläge enthalten. Die Beziehungen zwischen Seoul und Pjöngjang sind seit dem Koreakrieg in den 1950er Jahren angespannt. Ein Friedensabkommen schlossen die Nachbarländer bis heute nicht.

Die großspurige Ansprache Kims sorgte indes sogar für eine Reaktion der deutschen Bundesregierung. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es, der Ankündigung müssten nun Taten folgen. Nur an diesem Maßstab könne die nordkoreanische Regierung bemessen werden.  Konkret könnte das heißen: Wiederaufnahme der Sechs-Parteien-Gespräche über das nordkoreanische Atomprogramm oder gar die Aufgabe der umstrittenen Raketentests, die als Provokation gegen Südkorea und die USA gelten. Von solchen Entscheidungen jedoch hat Kim bisher nicht gesprochen.

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Quelle: n-tv.de

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