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Ein grundlegendes Problem neben der Praxis an sich ist, dass die Amputation der Geschlechtsteile häufig ohne Betäubung und nicht steril vollzogen wird.
Ein grundlegendes Problem neben der Praxis an sich ist, dass die Amputation der Geschlechtsteile häufig ohne Betäubung und nicht steril vollzogen wird.(Foto: dpa)

Tag gegen Genitalverstümmelung: Wenn Frauen nur Schmerzen kennen

Von Nora Schareika

In rund 30 Staaten der Erde erleiden Mädchen und Frauen Höllenqualen, die keine rationale Grundlage haben. Unicef hat neu gezählt und kommt nun auf 200 Millionen Opfer, denen Klitoris oder Schamlippen abgeschnitten worden sind. Jede Vierte stirbt daran.

Die Qualen kann sich wohl niemand vorstellen, der sie nicht selbst durchgemacht hat. Nach neuen Zahlen der UN-Kinderrechtsorganisation Unicef sind weltweit rund 70 Millionen Mädchen und Frauen mehr von Genitalverstümmelung betroffen als bisher angenommen. Dabei ist auch die neue Zahl – rund 200 Millionen Betroffene weltweit – nur eine Schätzung. In Wahrheit können es noch weit mehr sein. An diesem Samstag erinnern die Vereinten Nationen mit dem internationalen Tag gegen die Genitalverstümmlung an das Schicksal dieser Millionen Frauen und Mädchen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte, die Verstümmelung von Frauen müsse endlich aufhören. "Nie zuvor war es so dringlich, diese Praxis zu beenden", sagte Ban.

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Die Hälfte der an Klitoris und Schamlippen beschnittenen Frauen stammt aus drei Staaten: Ägypten, Äthiopien und Indonesien. Insbesondere Indonesien war bei bisherigen Schätzungen nicht berücksichtigt worden und sorgt nun für den sprunghaften Anstieg der Zahlen. In dem Unicef-Bericht heißt es, allein in dem 250-Millionen-Einwohner-Land sei die Hälfte aller Mädchen unter elf Jahren bereits verstümmelt. In geringeren absoluten Zahlen, dafür vor Ort fast ausnahmslos, werden Mädchen und Frauen in Somalia, Guinea, Dschibuti und Ägypten beschnitten – dort sind es mehr als 90 Prozent. Im Sudan sind es im Durschnitt 88 Prozent, im Norden des Landes jedoch mehr als 99 Prozent.

Die UN unterscheiden vier Varianten, die je nach Region angewendet werden. Bei der ersten wird die Klitoris entfernt, bei der zweiten zusätzlich die inneren Schamlippen und zum Teil die äußeren. Bei der dritten Form handelt es sich um die sogenannte "pharaonische" Beschneidung. Hier wird den Mädchen nach Entfernung der äußeren Geschlechtsteile die Scheide zugenäht, wobei nur eine winzige Öffnung für Urin und die Regelblutung bleibt. An ägyptischen Mumien aus dem 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung wurde diese extremste Form der Infibulation (Zunähen der Scheide) nachgewiesen, daher der Name.

Jeder Eingriff eine Gefahr

Hier wird weibliche Genitalverstümmelung praktiziert
  • Ägypten (91 Prozent)
  • Äthiopien (74 Prozent)
  • Benin (13 Prozent)
  • Burkina Faso (76 Prozent)
  • Dschibuti (93 Prozent)
  • Elfenbeinküste (38 Prozent)
  • Eritrea (89 Prozent)
  • Gambia (76 Prozent)
  • Guinea (96 Prozent)
  • Guinea-Bissau (50 Prozent)
  • Indonesien (keine genauen Zahlen; möglich bis zu 99 Prozent der Muslime, welche 88 Prozent der Bevölkerung stellen)
  • Irak (nur regional erfasst: 72 Prozent Region Kurdistan, 38 Prozent Region Kirkuk, 26 Prozent Region Bagdad)
  • Jemen (23 Prozent)
  • Kenia (27 Prozent)
  • Liberia (66 Prozent)
  • Mali (89 Prozent)
  • Mauretanien (69 Prozent)
  • Nigeria (27 Prozent)
  • Oman (Zahlen nicht verfügbar)
  • Senegal (26 Prozent)
  • Sierra Leone (88 Prozent)
  • Somalia (98 Prozent, Angabe wegen Bürgerkriegs ungesichert)
  • Sudan (88 Prozent)
  • Tansania (15 Prozent)
  • Tschad (44 Prozent)
  • Zentralafrikanische Republik (24 Prozent)

Alle Zahlen stammen von Terre des Femmes

 Genitalverstümmelung bei Frauen steht seit Jahren auf der Agenda von Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Unicef verurteilt die Praxis, die in rund 30 Ländern üblich ist, als Verletzung von Artikel 25 der Menschenrechtscharta (u.a. das Recht auf einen Lebenstandard, der Gesundheit und Wohl gewährleistet), als Form von Gewalt gegen Frauen sowie als Form von Folter. Zudem verletze die Beschneidung die Rechte von Kindern, denn in den meisten Fällen werden Mädchen vor der Pubertät bereits an den Geschlechtsteilen verstümmelt.

Es wird geschätzt, dass ein Viertel der beschnittenen Mädchen und Frauen unmittelbar durch die Beschneidung an Blutungen und Infektionen oder später an den Folgen sterben. Diejenigen, die überleben, haben ihr Leben lang mit Schmerzen, Entzündungen und Traumata zu kämpfen. Die zugenähten Frauen werden im Lauf ihres Lebens immer wieder aufgeschnitten und zugenäht, um Geschlechtsverkehr nach der Eheschließung sowie Geburten überhaupt möglich zu machen. Jeder einzelne Eingriff ist dabei eine tödliche Gefahr, weil es an Hygiene mangelt. Betroffene schildern Qualen wie die, dass das Wasserlassen eine halbe Stunde dauern könne und die Menstruation zwei Wochen. Die Frauen sind in ihrer körperlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt, die ständigen Schmerzen und alltäglichen Beeinträchtigungen wirken buchstäblich wie eine Fessel.

Aufklärung ist mühsam

Woher kommt der barbarisch anmutende Brauch, der paradoxerweise mitunter von selbst betroffenen Müttern und Großmüttern an jungen Mädchen praktiziert wird? Der Ursprung wird im pharaonischen Ägypten vermutet, heute gibt es die weibliche Beschneidung vor allem in Afrika. Doch auch einige asiatische Staaten stehen auf der Liste und durch Migration sind Opfer von Genitalverstümmelung inzwischen weltweit anzutreffen. Droht ein solcher Eingriff, ist dies ein Grund für Asyl. Die Praxis wird in muslimischen, aber auch christlichen und andersgläubigen Gemeinschaften durchgeführt, obwohl keine einzige religiöse Schrift dies empfiehlt.

In Ägypten ist die Verstümmelung seit 2008 verboten. Das und aufwendige Aufklärungskampagnen haben zu einem leichten Rückgang geführt. Laut Zahlen der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" sind aber immer noch 91 Prozent der Ägypterinnen beschnitten. Der erste Prozess gegen einen Arzt, der ein 13-jähriges Mädchen beschnitten hatte, das danach starb, fand 2014 statt. Er und der Vater des Mädchens wurden freigesprochen. Immer noch halten 34 Prozent der jüngeren Frauen in Ägypten die Beschneidung für richtig. Solche Rückschläge machen den Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung so schwierig.

Insgesamt wurden in den vergangenen Jahren Fortschritte verzeichnet. Nach Angaben von Unicef ging die Rate unter Frauen und Mädchen in den betroffenen Staaten von 51 Prozent im Jahr 1985 auf 37 Prozent heute zurück. Die Haltung in der Bevölkerung ändere sich, erklärte die Hauptautorin des Unicef-Berichts, Claudia Cappa. Besonders in Liberia, Burkina Faso, Kenia und Ägypten befürworte eine Mehrheit laut Umfragen ein Ende der Praxis. "Wir müssen die nationalen Bemühungen zur Aufgabe der Praxis unterstützen", sagte Cappa. Demnach wurde diese in Kenia, Uganda, Guinea-Bissau, Nigeria und Gambia verboten und seit 2008 weltweit in 15.000 Gemeinden aufgegeben.

Kampf gegen tiefsitzende Mythen und Traditionen

Der Kampf gegen die weibliche Beschneidung ist ein Kampf gegen tief verinnerlichte Mythen. Verknüpft ist die Beschneidung mit Vorstellungen von weiblicher Reinheit, ohne die ein Leben innerhalb der Gemeinschaft unmöglich gemacht wird. Unbeschnitten zu sein, bedeutet für viele Frauen und Mädchen, keine Zukunft zu haben, weil sie so keinen Ehemann finden. Ungebrochen sind medizinische Mythen, wonach etwa eine Berührung der Klitoris Männern und Neugeborenen den Tod bringe, oder wonach ohne Zunähen die Organe "herausfallen" könnten. Verbreitet ist auch die Meinung, eine zugenähte Scheide bereite den Ehemännern mehr sexuelles Vergnügen. Bei den Frauen dagegen wird jegliches Empfindungsvermögen mit Verstümmelung der Nervenenden ihres Geschlechts zerstört, was man als gut erachtet, weil die Schmerzen ihre Tugend und Enthaltsamkeit sicherstellten.

Wo die weibliche Genitalverstümmelung verbreitet ist, haben Frauen keinen besonders hohen Status in der Gesellschaft, sodass die hohe Todesrate offenbar nicht Grund genug ist, den Ritus zu begraben. Aufklärungskampagnen bringen nur extrem langsame Erfolge, weil die weibliche Beschneidung als so wichtige Tradition angesehen wird, dass gerade in unterentwickelten Gebieten nur wenige damit brechen wollen. Aufklärung bei diesem Thema ist immer ein schmaler Grat, weil die Beschneidung selbst von denen, die selbst darunter leiden, häufig gar nicht als etwas zu Ächtendes angesehen wird.

Quelle: n-tv.de

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