
| MO | -7° / 1° |
| DI | -5° / 1° |
Spätestens seit dem Frühjahr 2007 ist es nicht mehr zu übersehen: Das Essen wird knapp.
Hungernde plünderten in Haiti, ...
... sie schlugen sich um Brot in Ägypten, ...
... sie gingen weltweit auf die Straßen.
Bei Unruhen starben im April allein in Kamerun mehr als 100 Menschen.
Der Grund für die Protestwelle: Die Preise für Nahrung steigen rund um den Globus rasant - und mit ihnen der Hunger.
"Allein zwischen Juni 2007 bis April 2008 sind die Preise für Reis, Mais, Soja und Weizen um 55 Prozent in die Höhe geschossen", sagt Ralf Südhoff vom UN-Welternährungsprogamm WFP gegenüber n-tv.de.
Der Weizenpreis stieg innerhalb von zwölf Monaten um 120 Prozent.
"Was wir gerade sehen, ist eine immense Herausforderung im Kampf gegen den Hunger", so Südhoff.
Die Weltbank spricht offen von einer Lebensmittelkrise - und warnt vor weiteren Unruhen und Aufständen.
"Es geht nicht nur um eine ausgefallene Mahlzeit oder Unruhen", sagt der Chef der Entwicklungshilfeorganisation in Washington, Robert Zoellick.
"Die Armen im Jemen geben inzwischen mehr als ein Viertel ihres Einkommens nur für Brot aus. Ausgaben für Kindernahrung, Gesundheit oder Behausung müssen hinten anstehen."
In Bangladesch, tausende Kilometer entfernt, verschlingt der Preis für einen Zwei-Kilo-Sack Reis mittlerweile fast die Hälfte des täglichen Familieneinkommens.
"Weil sie nirgendwo sonst sparen können, bedeutet das - weniger Mahlzeiten", so Zoellick.
Nicht nur die Ärmsten sind betroffen. "In vielen Ländern ist nun auch die Schicht der Zweitärmsten vom Hunger bedroht", so Südhoff.
Seit Anfang 2008 können sich gut 100 Millionen Menschen zusätzlich nicht genug Essen kaufen.
Das International Food Policy Research Institute in Washington hat errechnet: Wenn die Nahrungsmittelpreise um ein Prozent steigen, sind zusätzlich 16 Millionen Menschen von Hunger bedroht.
Schon Ende 2007 hungern mehr als 850 Millionen Menschen, rund jeder Siebte weltweit.
25.000 Menschen sterben täglich an den Folgen des Hungers.
"Im Jahr 2005 hat der Hunger mehr Menschen getötet als alle in diesem Jahr geführten Kriege zusammen", sagt Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.
"Heute stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder an mit Unterernährung verknüpften Krankheiten."
Dabei sieht der Tod durch Hunger nicht immer so aus, wie spektakuläre Bilder suggerieren.
Nur die wenigsten Hungernden befinden sich in einer akuten Notsituation und verhungern tatsächlich.
Die meisten leiden vielmehr - von der Weltöffentlichkeit unbeachtet - ...
... oft über Jahre an täglicher Unterversorgung und dem Mangel an Nahrungsmitteln.
"Der Körper versucht den Mangel zu kompensieren, indem er die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit herunterdrosselt", stellt das UN-Welternährungsprogramm fest.
"Ein hungriger Mensch kann sich weder konzentrieren noch Initiative ergreifen. ...
... Ein Kind verliert jeden Antrieb zu spielen oder zu lernen."
Das Immunsystem Hungernder ist geschwächt, die Gefahr, an Krankheiten wie Masern, Durchfall oder einer Grippe zu sterben, steigt rapide.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit 150 Millionen Kinder chronisch unterernährt.
500.000 Kinder erblinden jährlich aufgrund von Vitamin-A-Mangel.
Jodmangel, unter dem weltweit 780 Millionen Menschen leiden, kann zu Gehirnschäden und Missbildungen führen.
"Erwachsene, die als Kinder unterernährt waren, sind körperlich und geistig weniger produktiv, haben einen niedrigeren Ausbildungsgrad und Verdienst und sind häufiger krank", heißt es im Welthunger-Index 2007.
Weltbankchef Zoellick spricht von "intellektueller wie auch körperlicher Verkrüppelung" als Folge des Hungers.
Dem Welthunger-Index zufolge hat die Unterernährung in 36 Ländern bedrohliche Ausmaße angenommen.
In Afrika, südlich der Sahara, liegen 25 der betroffenen Länder, in Asien sind es neun, je eines liegt im Nahen Osten und in Lateinamerika.
Rein zahlenmäßig leben die meisten Hungernden, zum Großteil paradoxerweise Kleinbauern, noch immer in Asien.
Mehr als 220 Millionen haben im aufstrebenden Schwellenland Indien nicht genug zu essen.
"Hunger betrifft meist Länder, in denen schon eine andere Krise im Gange ist", sagt WFP-Experte Südhoff gegenüber n-tv.de.
Deutlich zeigt sich dies in den afrikanischen Kriegsregionen.
Als Folge der bewaffneten Auseinandersetzungen hungern Millionen Menschen unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo, in Burundi, im Sudan, in Somalia.
Die Flüchtlinge können sich nicht selbst ernähren, die Felder sind vermint, die Ernte zerstört.
Regierungen tragen durch Korruption und Missmanagement ebenfalls zum Hunger in ihren Ländern bei.
Das verarmte, aber hoch gerüstete Nordkorea ist seit Jahren auf Lebensmittellieferungen angewiesen.
Mehr als 6,5 Millionen Menschen laufen Gefahr, nicht genügend zu Essen zu bekommen.
"Die Nahrungsmittelversorgung in Nordkorea ist ganz schlecht und verschlechtert sich weiter", warnt Tony Banbury vom WFP.
Kaum besser die Lage in Simbabwe: Hier leiden durch die schwere Wirtschaftskrise sowie anhaltende Regenfälle mehr als vier Millionen Menschen unter Hunger.
Afrika und Asien sind besonders betroffen vom Klimawandel, der zu immer heftigeren Regenfällen, Überschwemmungen oder Dürreperioden führt.
Seit Mitte der 90er Jahre verdoppelte sich die Anzahl der Naturkatastrophen.
Gleichzeitig steigt die Weltbevölkerungszahl rapide. In vierzig Jahren werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben.
Hinzu kommt, dass rasant wachsende, bevölkerungsreiche Länder wie Indien, China und andere Schwellenländer immer mehr und höherwertige Nahrungsmittel verbrauchen.
So nimmt in China der Fleischkonsum um rund 5 Prozent zu - pro Jahr.
Das Problematische daran: Um ein Kilo Fleisch zu erhalten, muss man rund sieben Kilo Getreide in ein Rind stecken. Getreide, das anderswo fehlt.
In Indien etwa nähmen inzwischen rund 300 Millionen Menschen eine zweite Mahlzeit am Tag ein, konstatiert Bundeskanzlerin Angela Merkel.
"Wenn die plötzlich doppelt soviel Nahrungsmittel verbrauchen als sie das früher gemacht haben und dann auch noch 100 Millionen Chinesen beginnen Milch zu trinken, dann verzerren sich natürlich unsere gesamten Milchquoten und vieles andere", so die Kanzlerin.
Das Recht auf Nahrung wird zum Problem; ...
... was Jupiter darf, steht dem Ochsen dann doch nicht zu.
Dass zeigt sich auch in der Wirtschaftspolitik der führenden Industrienationen gegenüber den Entwicklungsländern - eine Politik, die viele als wesentlichen Grund für Armut und Hunger dort ausmachen.
Einerseits verschließt der Westen noch immer seine Märkte für Waren aus Dritte-Welt-Ländern und macht es so deren Bauern und Händlern schwer, ihre Produkte zu ordentlichen Preisen zu verkaufen.
Andererseits werden viele Entwicklungsländer mit hoch subventionierten Lebensmitteln aus dem Westen überschwemmt.
Jeden Tag subventionieren die Industrieländer ihr Agrarsystem mit rund einer Milliarde Dollar.
Ein Teil davon fließt, um Überschüsse zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt zu bringen.
"Auf jedem Markt in Afrika können Sie europäisches Obst und Gemüse zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises der Inlandsprodukte kaufen", so Ziegler.
Die Folgen für die Kleinbauern: Hunger und Ruin.
Ähnlich sieht es der Weltagrarrat, ein Gremium aus 400 internationalen Experten. "Die ärmsten Entwicklungsländer verlieren in den meisten Liberalisierungs-Szenarien unter dem Strich", sagt Weltagrarrats-Chef Robert Watson, Chef-Wissenschaftler im britischen Umweltministerium.
Entwicklungsländer werden als willkommene Absatzmärkte für industrielles Saatgut, Düngermittel und Pestizide betrachtet - ob es ihnen zum Vorteil gereicht oder nicht.
Großkonzerne wie Monsanto, deren Saatgut jährlich neu erworben werden muss, bringen viele Kleinbauern in eine gefährliche Abhängigkeit.
Der Weltagrarrat fordert daher im jüngsten Weltagrarbericht eine radikale Neuausrichtung der globalen Landwirtschaft.
Die Experten warnen vor einem "immer zerstörteren und geteilteren Planeten" und plädieren für eine Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Produktionsweisen.
Ihr Argument: Die kapitalintensive Industrieproduktion unserer Nahrungsmittel in ihrer jetzigen Form zerstört Böden, Wasser und Artenvielfalt, trägt zum Klimawandel bei und nutzt einseitig den reichen Ländern.
Ein besonderes Problem, das sie und viele andere Experten anprangern: Die wachsende Nachfrage nach Biotreibstoffen.
Um der Ölknappheit zu trotzen und die selbst gesteckten Klimaschutzziele so bequem wie möglich zu erreichen, lässt der Westen Getreide als Biosprit in die Autotanks fließen und verteuert so das Brot der Ärmsten.
2007 verarbeiteten die USA ein Drittel ihrer Maisernte zu Ethanol.
"Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" nennt der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram die Herstellung von Biosprit aus Nahrungsmitteln.
Der UN-Sonderberichterstatter Ziegler fordert einen fünfjährigen Anbaustopp für Biotreibstoffe.
Seine Position ist unmissverständlich: "Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet. ...
... Die Weltordnung, wie sie heute besteht, ist mörderisch. Und sie ist absurd, denn diese Morde geschehen ohne Notwendigkeit."
Für ihn wie auch die Welternährungsorganisation FAO ist klar: "Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren."
Könnte sie vermutlich, wenn sie wollte. Doch geht dies von idealtypischen Zuständen aus.
Jetzt erstmal sind die Speicher leer, die Lebensmittel knapp wie lange nicht.
"Die Lagerbestände sind auf Pipeline-Niveau", warnt FAO-Ökonom Abdolreza Abbassia. Er rechnet damit, dass es noch eine Dekade dauern wird, um die Landwirtschaft an die neue Ära anzupassen.
Dies setzt allerdings eine veränderte Landwirtschaftspolitik voraus: Mehr Hilfen für Kleinbauern, eine Ausweitung der Landwirtschaftsflächen, Produktivitätssteigerungen.
Der Forscher Joachim von Braun vom International Food Policy Research Institute fordert weltweit 20 bis 30 Milliarden Dollar zusätzlich für Investitionen in die Forschung, die in vergangenen Jahren vernachlässigt worden sei.
Es gibt aber auch Gewinner der derzeitigen Hungerkrise: Länder wie Brasilien und Argentinien, Großbauern, Börsenspekulanten.
Lässt sich doch derzeit mit Lebensmitteln viel Geld verdienen.
Seit Ende 2006 schießen die Agrarpreise an den Rohstoffbörsen steil in die Höhe.
Wer rechtzeitig über Termingeschäfte in Weizen investierte, hat beispielsweise den Einsatz inzwischen verdoppelt.
Und je höher die Preise klettern, desto mehr Kapital wird angelockt - was die Kurse weiter rasant steigen lässt.
Für Großinvestoren wie Kleinanleger gleichermaßen bieten die Rohstoffbörsen nach der Kreditkrise und den Turbulenzen an den Aktienmärkten inzwischen eine lukrative Anlagemöglichkeit.
Und Investment-Gurus wie Jim Rogers heizen mit heißen Tipps den Trend an: "Jeder von Ihnen sollte soviel Zucker kaufen, wie er kann. Der Preis für Zucker wird explodieren."
Bis ins nächste Jahr hinein, lautet die Einschätzung der Weltbank, werden Nahrungsmittel noch einmal teurer. Danach gebe es einen allmählichen Sinkflug der Preise.
Doch einen Grund zur Entwarnung sehen die Washingtoner Experten nicht: Bis 2015 werden die Preise vermutlich deutlich über dem Niveau von 2004 bleiben.
Die Lebensmittel bleiben also auf Jahre knapp.
"Die Welt weiß noch gar nicht, wie verwundbar sie wirklich ist", so Rohstoffexperte Rogers.
Die Hungernden werden noch lange Grund zur Revolte haben. (Text: Gudula Hörr)
Die Daten werden nur zum Versenden der Nachricht benutzt und nicht gespeichert.
Bitte überprüfen Sie Ihre Angaben.