Politik
So warten irakische Soldaten vor den Toren Mossuls auf das Startsignal zur Offensive auf die vom IS eroberte Stadt.
So warten irakische Soldaten vor den Toren Mossuls auf das Startsignal zur Offensive auf die vom IS eroberte Stadt.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 22. Juni 2016

Sturm auf Mossul: Wer herrscht nach dem IS?

Von Nora Schareika

Erst Ramadi, dann Falludscha und nun Mossul. Die irakische Regierung hat ihr Ziel vor Augen, den IS aus den großen Städten zu vertreiben. Militärisch erleidet die Mission aber Rückschläge. Völlig unberechenbar ist, was danach politisch passiert.

Fiele Mossul, dann fiele auch die Terrormiliz Islamischer Staat, lautet eine verbreitete Annahme. Seit mehr als einem Jahr schon plant die irakische Armee ihre Offensive auf die inoffizielle Hauptstadt des IS im Irak. Die Rückeroberung soll der Höhepunkt einer Reihe von erfolgreichen Schlachten sein – nach der westirakischen Stadt Ramadi erklärte Bagdad vor einigen Tagen auch die Regionalhochburg Falludscha für befreit. All das könnte optimistisch stimmen.

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Doch bevor der Irak über das Ende des IS jubeln kann, gibt es noch ein paar Herausforderungen: Die erste: Falludscha ist noch gar nicht ganz befreit. Als die irakische Armee vergangenes Wochenende ihren Sieg verkündete, waren noch acht Bezirke der Stadt in IS-Hand. Die US-Armee gab deshalb am Dienstag eine andere Einschätzung ab. Lediglich ein Drittel der Stadt sei frei von IS-Unterstützern. An vielen Stellen werde noch gekämpft. Während die Armee angab, 2500 Dschihadisten getötet zu haben, veröffentlichte sie keine Zahlen über eigene Verluste.

Und selbst wenn Falludscha befreit wäre: Schon diese Schlacht hat eine humanitäre Katastrophe ausgelöst, die ihren Höhepunkt womöglich noch nicht erreicht hat. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 85.000 Menschen aus Falludscha geflohen. Bei Mossul, der zweitgrößten Stadt des Irak, würde eine solche Fluchtwelle noch größere Dimensionen haben. Schon jetzt sind die Flüchtlingslager rund um Mossul voll von Menschen, die dem IS entkommen konnten. Bei Falludscha ist das Hilfssystem bereits fast zusammengebrochen. Hilfsorganisationen klagen, dass nicht genug Zelte, Lebensmittel und Wasser für die Geflohenen da seien.

IS hinterlässt gefährliches Machtvakuum

Mossul war eine multiethnische und multireligiöse Stadt, bevor der IS sie eroberte und von dort aus vor fast zwei Jahren sein "Kalifat" ausrief. Im Jahr 2010 hatte Mossul noch fast drei Millionen Einwohner, darunter Araber, Kurden, Turkmenen, Jesiden und christliche Assyrer. Bis der IS kam, war Mossul außerdem ein christliches Zentrum im Nahen Osten mit 1600-jähriger Geschichte. Davon ist nicht mehr viel übrig, und die geflohenen Christen wollen mehrheitlich nicht zurückkehren. Übrig bleiben immer noch genug Gruppen, die die Kontrolle über Mossul nicht an die Zentralregierung abtreten wollen.

Das Risiko ist groß, dass nach einer Befreiung vom IS neue Konflikte um die Stadt entstehen: Bisher gibt es keine Einigkeit darüber, wer dann das Sagen haben soll. Bei einem Treffen von Vertretern der USA, der Kurdenregion und der Bagdader Regierung ging es am vergangenen Wochenende um den militärischen Teil, die bevorstehende Offensive auf Mossul. Der Präsident der Region Kurdistan, Masoud Barzani, sicherte dabei die Unterstützung der Peschmerga zu. Der Sonderbeauftragte der USA für den Krieg gegen den IS, Brett McGurk ließ in einem Tweet erkennen, dass auch politische Pläne geschmiedet wurden. Welche, wurde öffentlich nicht bekannt.

Die Kurden haben ihr Engagement mit Bedingungen verknüpft. Sie machten einst die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt aus. Der "Deutschlandfunk" berichtete Anfang dieses Monats, ein Peschmerga-Kommandeur hätte im Namen der kurdischen Truppe Vorbedingungen gestellt: Sie wollten bessere Ausrüstung mit modernen und schweren Waffen sowie konkrete Absprachen über die Verwaltungsstruktur und die künftige Rolle der Kurden in Mossul. Wenn die Kurden nun die Offensive unterstützen, dürften diese Bedingungen zumindest teilweise erfüllt worden sein.

Gefahr der Spaltung bleibt

Es bleibt das Problem "Irak" an sich: Die irakische Regierungsarmee genießt in den nicht-schiitisch dominierten Gebieten kaum mehr Vertrauen als der IS. In Falludscha flohen Teile der Bevölkerung nicht nur vor dem IS, sondern auch vor der Armee und ihrem verlängerten Arm, den Haschd al-Schaabi-Milizen. Ähnliches war zu beobachten in den Mossul vorgelagerten Dörfern, die die Truppen aus Bagdad im Laufe der vergangenen Monate erobert hatten und bis heute als Stellungen nutzen bei ihrem Vorrücken.

Das Misstrauen auf allen Seiten ist riesig: Die schiitisch dominierten Regierungstruppen und vor allem ihre Miliz sehen in Sunniten potentielle Anhänger des IS. In Falludscha soll es deshalb zu willkürlichen Hinrichtungen sunnitischer Männer durch die Haschd al-Schaabi gekommen sein. Die Sunniten dagegen sehen sich von der Regierung in Bagdad ohnehin nicht mehr vertreten. Die Kurden liebäugeln bereits mit der endgültigen Abspaltung des kurdischen Autonomiegebiets im Norden des Iraks und halten eine Dreiteilung des Landes für das Vernünftigste. Der militärische Teil der Rückeroberung Mossuls dürfte wegen alledem einfacher werden als das Danach.

Quelle: n-tv.de

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