Politik
US-amerikanische und japanische Bomber und Kampfjets bei einer Übung zwischen Guam und Japan am 31. August.
US-amerikanische und japanische Bomber und Kampfjets bei einer Übung zwischen Guam und Japan am 31. August.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 14. September 2017

Atom-Drohungen aus Nordkorea: Wie Hawaii sich auf einen Angriff vorbereitet

Von Hansjürgen Mai, Honolulu (Hawaii)

Die Behörden des US-Bundesstaates Hawaii bereiten die Inselgruppe auf einen Angriff aus Nordkorea vor. Das Problem: Die Vorwarnzeit ist kurz und Bunker sind knapp.

Höchstens 15 Minuten, nicht mehr. Das ist alles was Hawaii, seinen Bewohnern und den Touristen bleibt, um sich bei einem möglichen Raketenangriff aus Nordkorea in Sicherheit zu bringen. Der US-Inselstaat im Pazifischen Ozean gilt als potenzielles Ziel für einen Angriff der Regierung aus Pjöngjang. Panik kommt bei der Bevölkerung deswegen jedoch keine auf. Auch wenn sich die Gefahr im Alltag nicht widerspiegelt, Hawaii ist einer der ersten Bundesstaaten der USA, der Vorkehrungen für einen möglichen Militärschlag aus Asien eingeleitet hat.

Das Urlaubsparadies heißt nicht nur mehr als acht Millionen Touristen im Jahr willkommen, sondern ist aufgrund seiner Lage im Pazifik auch von militärischer Bedeutung. Mit knapp 50.000 Soldaten rangiert Hawaii in den Top Ten der US-Staaten mit dem höchsten Militäraufkommen. "Hawaii ist seit mehr als 100 Jahren ein wichtiger strategischer Standort", sagt Lieutenant Colonel Charles J. Anthony zu n-tv.de. Anthony ist bei der Nationalgarde von Hawaii für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. "Es ist wahrhaftig das Tor zum Pazifik."

Video

Anfang dieser Woche stimmte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit 15 zu 0 dafür, neue Sanktionen gegen Nordkorea zu verhängen. Laut US-Medienberichten verfolgt die von den USA entworfene Resolution sechs Hauptziele: die Begrenzung von Öl-Lieferungen an Nordkorea, ein Ausfuhrverbot von nordkoreanischen Textilprodukten, ein Arbeitsverbot für Nordkoreaner in fremden Ländern, die Unterdrückung von Schmuggel, das Ende von Gemeinschaftsprojekten zwischen Nordkorea und anderen Nationen und die Bestrafung von bestimmten nordkoreanischen Regierungsbehörden.

Es sind die bislang strengsten Sanktionen, die jemals gegen Nordkorea verhängt wurden. Zwar wollten die USA noch härtere Sanktionen, aber um auch die Veto-Staaten Russland und China von dem Vorhaben zu überzeugen, wurden kleine Abschwächungen vorgenommen. Mit den Sanktionen reagieren die UN auf den sechsten und bislang größten atomaren Waffentest des nordkoreanischen Regimes in der vergangenen Woche. "Heute sagen wir der Welt, dass wir niemals ein mit Atomwaffen bestücktes Nordkorea akzeptieren werden, und wir sagen damit, sollte das nordkoreanische Regime sein Atomwaffen-Programm nicht beenden, dann werden wir selbst die nötigen Schritte einleiten, um es zu stoppen", erklärte die US-amerikanische UN-Botschafterin Nikki Haley nach der Abstimmung.

"15 Minuten ist wirklich keine Zeit"

Der nordkoreanische UN-Botschafter Han Tea Song nannte die Resolution hingegen "illegal" und sagte bei einer UN-Konferenz in Genf: "Die bevorstehenden Maßnahmen der Demokratischen Volksrepublik Korea werden der USA den größten Schmerz ihrer Geschichte zufügen."

Auch wenn man in den USA mittlerweile an martialische Sprüche aus Nordkorea gewöhnt ist: Die Verantwortlichen auf Hawaii, das rund 7500 Kilometer von der koreanischen Halbinsel entfernt ist, wollen vorbereitet sein. Immerhin wurde die Inselgruppe schon einmal von einem Überraschungsangriff heimgesucht. Es war am frühen Morgen des 7. Dezembers 1941, als ein Geschwader der japanischen Luftwaffe den US-Marinestützpunkt Pearl Harbor überfiel. Mehr als 2400 US-Amerikaner kamen an jenem Sonntagmorgen ums Leben. Der Angriff auf Pearl Harbor veranlasste die damalige US-Regierung um Präsident Franklin D. Roosevelt zum Eintritt in den Zweiten Weltkrieg.

Video

Um einem ähnlichen Schicksal 76 Jahre später zu entgehen, hat die Staatsregierung in Honolulu bereits Ende des vergangenen Jahres beschlossen, sich auf einen potenziellen Angriff aus Nordkorea vorzubereiten. Die Hawaii Emergency Management Agency – die Hawaiianische Notfallplanungsbehörde – rechnet damit, dass zwischen dem Abfeuern einer Rakete in Nordkorea und dem Einschlag der selbigen in Hawaii nur 17 bis 20 Minuten vergehen. Da das US-Militär jedoch ungefähr fünf Minuten benötigt, um zu berechnen auf welchem Kurs sich die Rakete befindet, bleiben den mehr als 1,4 Millionen Menschen auf Hawaii nur 12 bis 15 Minuten, um sich in Sicherheit zu bringen.

"Die Zeit zwischen dem Abfeuern und dem Einschlag ist so kurz, dass den Menschen keine Zeit bleibt, um im Internet Informationen zu suchen", erläutert Lieutenant Colonel Anthony. "Bei einem Tsunami, der in Südamerika, Japan oder Alaska entsteht, haben wir mindestens fünfeinhalb Stunden, manchmal sogar elf oder zwölf Stunden, um davor zu warnen – 15 Minuten ist dagegen wirklich keine Zeit."

Ganze Nachbarschaften sind ohne Zuflucht

Die Hawaii Emergency Management Agency rechnet damit, dass knapp 90 Prozent der Bevölkerung die eigentliche Detonation eines Atomwaffenangriffs auf Hawaii überleben würde. "Es gibt nur sehr wenig, das für diejenigen, die sich im Ground Zero befinden, getan werden kann", so Anthony. "Für diejenigen, die die erste Explosion und Schockwelle überlebt haben, kann allerdings sehr viel getan werden."

Luftschutzbunker sind Mangelware auf Hawaii. Der Bundesstaat hat nach dem Ende des Kalten Krieges seine Schutzeinrichtungen stark vernachlässigt und sucht aktuell nach finanziellen Mitteln, um diese wiederaufzubereiten. Durch die Bevölkerungsexplosion in 1980ern gibt es aktuell nicht genug Schutzbunker auf den Inseln, um alle Bewohner unterzubringen. Ganze Nachbarschaften sind ohne jegliche Zufluchtsmöglichkeit.

Der aktuelle Notfallplan beruht auf Kalkulationen mit einer Bombe, die eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen TNT besitzt und knapp 300 Meter über Honolulu explodiert. So eine Bombe testete Nordkorea bereits im September des vergangenen Jahres. Zum Vergleich: "Little Boy", die Atombombe, die im Jahr 1945 von den USA auf die japanische Stadt Hiroshima abgeworfen wurde, hatte eine Sprengkraft von 13 Kilotonnen TNT.

Nach dem letzten Atomwaffentest Nordkoreas am 3. September sehen diese Berechnungen veraltet aus. Medienberichten zufolge hatte die Bombe, die am Montag vor eine Woche gezündet wurde, die siebenfache Sprengkraft von Little Boy. Alex Wellerstein, Associate Professor am Stevens Institute of Technology in New Jersey, prognostiziert, dass eine Bombe in dieser Größenordnung, die in knapp 350 Meter Höhe über Honolulus Stadtkern explodiert, verheerende Schäden anrichten würde. Laut Wellersteins "Nukemap" wären 156.000 Tote und 139.000 Verletzte die Folge.

"Wir wollen den Menschen keine Angst machen"

Wie schon 1941 ist Hawaii auch heutzutage das Herz der US-amerikanischen Pazifikflotte. Das Hauptquartier befindet sich auf der bevölkerungsreichsten Insel Oahu. Das US-Militär arbeitet daher mit Hochdruck an einem Raketenabwehrsystem. Das System, welches 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr aktiv ist, verfügt über Abwehrraketen die in Japan, Südkorea, auf Guam und auch auf Marineschiffen stationiert sind. Außerdem gehören zum System zwei Militärbasen auf dem US-amerikanischen Festland, in Alaska und Kalifornien.

Zwar weigerte sich das US-Militär konkrete Abwehrstrategien preiszugeben. Ein Pressesprecher erklärte jedoch, dass die Streitkräfte die Raketenabwehrfähigkeiten in der Asien-Pazifik Region in den vergangenen Jahren stark verstärkt hätten. "Wir sind ständig in Stellung, um uns gegen jede Art von Angriff zur Wehr zu setzen, egal ob dieser aus Nordkorea kommt oder von einem anderen Widersacher", erklärte Dave Benham, Pressesprecher der US-Pazifikflotte, im Gespräch mit n-tv.de. "Wir unterstützen weiterhin die atomare Abrüstung der koreanischen Halbinsel."

Trotz des offensichtlichen Gefahrenpotenzials – Hawaii will weder Urlauber noch Einwohner in Panik versetzten. "Wir wollen den Menschen keine Angst machen", sagte der Leiter der Hawaii Emergency Management Agency, Vern Miyagi, bei CNN. "Sie sollten nicht in Panik geraten, sondern sich vorbereiten."

Für Hawaii geht es aktuell darum, die Bevölkerung auf die potenzielle Gefahr hinzuweisen, damit sich diese auf den Ernstfall vorbereiten können. Der Staat wird am 1. November auch ein neues Angriffswarnsignal einführen. So etwas hat es auf Hawaii seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gegeben.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen