Politik
Mindestens einen Schritt voraus: Selbst CDU-Wähler trauen Winfried-Kretschmann von den Grünen (r.) mehr zu als ihrem eigenen Mann Guido Wolf (2. v.r).
Mindestens einen Schritt voraus: Selbst CDU-Wähler trauen Winfried-Kretschmann von den Grünen (r.) mehr zu als ihrem eigenen Mann Guido Wolf (2. v.r).(Foto: picture alliance / dpa)

Umfragen-Klatsche für die Union: Wie Kretschmann die CDU im Ländle aufreibt

Von Issio Ehrich

Kurz vor den Landtagswahlen liegen die Grünen in Umfragen erstmals vor der CDU. Ministerpräsident Kretschmann hat wieder Grund, auf eine zweite Amtszeit zu hoffen. Die Union stellt diese Entwicklung vor eine schwierige Entscheidung.

Meinungsforscher waren darauf nicht vorbereitet. Fragten Demoskopen die Bürger, welche Koalition sie sich in Baden-Württemberg wünschten, hieß eine Antwortmöglichkeit Schwarz-Grün - eine CDU-Regierung mit der Ökopartei als Juniorpartner. Natürlich Juniorpartner, schließlich war die Union auch bei den Landtagswahlen 2011, als der Grüne Winfried Kretschmann ihnen nach 58 Jahren in der Staatskanzlei mit der SPD die Macht entriss, die mit Abstand stärkste Kraft. Die CDU holte damals 39 Prozent der Stimmen, die Partei des Mannes, der seither Ministerpräsident ist, nur etwas mehr als 24.

Spätestens seit diesem Montag müssen die Demoskopen umdenken. Und wohl nicht nur sie. Die Grünen in Baden-Württemberg haben laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa erstmals mehr Zuspruch als die CDU. Wenn am Sonntag Landtagswahlen wären, würden sich demnach 30,5 Prozent der Baden-Württemberger (plus 2) für die Grünen und nur noch 30 Prozent (minus 3,5) für die CDU entscheiden. Grün-Schwarz ist eine realistische Option für die Wahl am 13. März.

Die Sensation kommt nicht ganz unerwartet. In früheren Umfragen  (bei Insa, aber auch bei anderen Instituten wie Infratest Dimap und der Forschungsgruppe Wahlen) deutet sich diese Entwicklung seit Wochen an. Der Abstand zwischen Schwarzen und Grünen verringerte sich - vor allem, weil die Werte der Union einbrachen. Wie ist es dazu gekommen?

Beispiellose Beliebtheitswerte für Kretschmann

Der Hauptgrund ist wohl Ministerpräsident Kretschmann. Als der 2011 ins Amt kam, lag das auch daran, dass die Grünen vom politischen Nachbeben der Atomkatastrophe von Fukushima profitierten. In der Union versuchte man sich damals noch damit zu beruhigen, dass es für die als weltfremd und wirtschaftsfeindlich verschmähten Grünen schon wieder bergab gehen würde, sobald das ferne Japan erst einmal von den Titelseiten verschwunden sei.

Doch Kretschmann wusste die Chance, die ihm die Wähler gaben, zu nutzen. Er setzte darauf, die Bürger nicht mit grünem Idealismus zu überfordern, sondern sie mit pragmatischer Politik zu überzeugen - sei es nun beim Umgang mit der starken Autoindustrie im Lande oder der Haltung Baden-Württembergs zu den sogenannten sicheren Herkunftsstaaten im Bund. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" betitelte ein Portrait über den 67-Jährigen kürzlich mit der Zeile: "Geliefert wird, was der Bürger bestellt." Kretschmanns Amtsführung kam fast der eines Bundespräsidenten nahe - unaufgeregt und bedacht, stets um den Ausgleich in der Gesellschaft bemüht.

Von dieser Eigenschaft profitiert er besonders, seit die Flüchtlingskrise die Deutschen in immer verbittertere Lager spaltet. Während CDU-Herausforderer Guido Wolf ins Straucheln gerät, präsentiert Kretschmann sich souverän. Wolf fürchtet die Konkurrenz durch die erstarkende AfD, die in Umfragen aktuell auf 10 Prozent im Ländle kommt. Um rechte Unionswähler zu binden, wandelt er auf seehoferschen Pfaden, fordert Tageskontingente für Flüchtlinge.

Kretschmann stellt sich dagegen klar hinter die Kanzlerin, obwohl Teile seiner Partei sich viel lieber durch eine konsequentere linke Politik absetzen würden. Kretschmanns Credo: "Konflikt ist Alltag in einer Demokratie. Aber in schweren Krisen müssen wir auf Konsens setzen."  Die Bürger danken ihm diese Haltung offensichtlich.

Laut einer Umfrage von Infratest Dimap aus der vergangenen Woche sind  71 Prozent der Baden-Württemberger mit der Politik ihres Ministerpräsidenten zufrieden. Ein beispiellos hoher Wert in Deutschland. Selbst die Mehrzahl der CDU-Wähler würde sich bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten für Kretschmann, nicht für den eigenen Kandidaten Wolf entscheiden.

Düstere Aussichten für die CDU

Die Grünen in Baden-Württemberg haben wieder Grund zur Hoffnung auf einen erfreulichen Wahlausgang am 13. März. Denn bisher fehlte es der Ökopartei trotz der großen Beliebtheit ihres Ministerpräsidenten an attraktiven Machtoptionen, vor allem wegen des schwächelnden Koalitionspartners SPD. Die kommt in der Insa-Umfrage nur noch auf 16 Prozent. Das reicht nicht für Grün-Rot. Auch eine Ampel ist keine Option, da die Liberalen, die auf 7 Prozent kommen, dieses Bündnis am Wochenende ablehnten. Ministerpräsident Kretschmann wiederum steht für die Politik wohl nicht mehr zur Verfügung, wenn er sich als einfacher Minister in eine Schwarz-Grüne Koalition einreihen müsste. Er würde sich dagegen kaum dagegen sträuben, als der Grüne in die Geschichtsbücher einzugehen, der zuerst die SPD und eine Amtszeit später die CDU in die Rolle des Juniorpartners drängte.

CDU-Mann Wolf will an dieses Szenario am liebsten gar nicht denken. Die "Bild"-Zeitung fragte ihn am Sonntag, ob er bereit für eine grün-schwarze Koalition wäre. Er antwortete: "Nein. Die CDU wird auch am Wahlabend klar vor den Grünen liegen." Wolf hat guten Grund, die Umfragen nicht überzubewerten. Ein Vorsprung von 0,5 Prozentpunkten, wie in dieser Insa-Umfrage, kann allein auf statistischen Ungenauigkeiten beruhen. Hinzu kommt, dass mehr als ein Drittel der Wähler noch unentschieden ist. Doch klar ist auch: Sollte doch eintreten, was sich derzeit abzeichnet, wären die Alternativen von Wolfs Truppe alles, nur nicht attraktiv. Eine Möglichkeit: Eine Koalition der zerfallenen Volksparteien mit der SPD, die auch noch die totgesagte FDP bräuchte, um überhaupt eine Mehrheit zustande zu bekommen. Die zweite Option: Fünf weitere Jahre in der Opposition - zusammen mit einer erstarkenden AfD.

Quelle: n-tv.de

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