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Schwefelwolken in der Stratosphäre könnten die Sonneneinstrahlung bremsen. Sie könnten allerdings auch den Monsun in Indien verändern.
Schwefelwolken in der Stratosphäre könnten die Sonneneinstrahlung bremsen. Sie könnten allerdings auch den Monsun in Indien verändern.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Montag, 22. November 2010

Drehen am globalen Thermostat: Wie Selbstmord aus Todesangst

Die Welt wird wärmer, der Klimaschutz kommt nur schleppend voran. Da klingt es verführerisch, einfach ein bisschen am globalen Thermostat zu drehen. Geo-Engineering heißt das Zauberwort: Mit technologischen Mitteln und Eingriffen in die globalen biochemischen und physikalischen Prozesse soll das weltweite Klima bewusst manipuliert werden, etwa indem man Schwefelpartikel in die Stratosphäre schießt, damit die Sonnenstrahlen bereits im All reflektiert werden und sich die Erderwärmung so abschwächt. Der Alternative Nobelpreisträger Pat Mooney rät dringend ab - und weist darauf hin, dass seltsamerweise einige von denen, die nun Geo-Engineering fordern, noch vor wenigen Jahren den Klimawandel geleugnet haben.

n-tv.de: Mr. Mooney, glauben Sie wirklich, dass die Welt die Klimakrise in diesem Jahr beim Klimagipfel in Cancún oder 2011 in Südafrika lösen wird?

Pat Mooney: Ich kann garantieren, dass es nicht in Cancún passieren wird, und ich wäre sehr überrascht, wenn es in Südafrika soweit wäre. Ich glaube, es könnte in Richtung des so genannten "Rio plus 20"-Gipfels gehen, der 2012 in Brasilien stattfindet, einem Nachfolge-Gipfel der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung von 1992. Aber auch da werden wir wohl kein glückliches Ende erleben, eher eine kosmetische Vereinbarung.

Klimaforscher haben errechnet, dass der Höhepunkt der CO2-Emissionen schon 2015 erreicht werden müsste, wenn es eine realistische Chance geben soll, dass 2-Grad-Ziel einzuhalten. Steuern wir nicht auf eine Situation zu, in der nur Geo-Engineering unsere Probleme lösen kann?

Nein, das wäre wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Geo-Engineering ist alles anders als eine Lösung. Wir würden Milliarden Dollar in eine Sache investieren, die gefährlicher und zerstörerischer sein kann, als der Klimawandel es derzeit ist. Mir wäre es lieber, dieses Geld würde darauf verwendet, die Bevölkerungen davon zu überzeugen, ihre Gewohnheiten beim Energie-Konsum zu ändern, und die Industrien zu zwingen, das Gleiche zu tun.

Was sind aus Ihrer Sicht die schlimmsten Arten von Geo-Engineering?

Am schlimmsten sind vermutlich die Strategien, mit denen die Sonneneinstrahlung beeinflusst werden soll. Da gibt es die Vorstellung, Schwefelpartikel in die Stratosphäre zu schießen oder Wolken zu erzeugen, um die Strahlung der Sonne zu reflektieren. Ich halte das für hoch gefährlich.

Was ist gefährlich daran?

Ohne Monsun gäbe es in Indien keine Landwirtschaft.
Ohne Monsun gäbe es in Indien keine Landwirtschaft.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Wenn wir den Planeten mit Geo-Engineering verändern wollen, müssen wir es im großen Stil machen. Es würde vorher keine Experimente geben - es wäre ein einziges, großes Experiment. Wir könnten Katastrophen verursachen, indem wir zum Beispiel den Monsun in Asien von seinem Kurs abbringen und damit Trockenheiten und Hunger erzeugen, oder Überflutungen. Man kann den Hahn nicht einfach zudrehen, wenn man Schwefel-Partikel in die Stratosphäre geschossen hat. Wenn wir merken, dass es einen negativen Effekt hat, können wir nichts mehr daran ändern. Das Schwefeldioxid würde etwa zwei Jahre in der Stratosphäre bleiben. Im Laufe dieser Zeit würde die Konzentration zwar abnehmen. Aber schlimmstenfalls kämen dabei weitere Katastrophen hinzu. Ein paar reiche Länder, die sicher in ihrer gemäßigten Zone hocken und die Mittel zum Überleben haben, würden das Leben der Menschen im Rest der Welt riskieren. Das ist nicht hinnehmbar.

Was ist mit der Düngung der Ozeane? Das Thema ging hier eine Zeit lang durch die Medien, weil Anfang 2009 deutsche Wissenschaftler im Atlantik großflächig mit Eisen-Düngung experimentiert haben.

Das ist überall auf der Welt ein großes Thema. Der Haken ist nur, dass es bislang nicht funktioniert hat. Es gibt einen überwältigen internationalen Konsens unter Wissenschaftlern, dass es nicht funktioniert. Es gab ungefähr ein Dutzend Experimente dazu in den vergangenen 20 Jahren. Nicht eines davon war erfolgreich. Immer wurden bloß größere Experimente gefordert.

Blaualgen auf der Ostsee im Danziger Becken. Künstlich hervorgerufene Algenblüte könnte der Atmosphäre CO2 entziehen.
Blaualgen auf der Ostsee im Danziger Becken. Künstlich hervorgerufene Algenblüte könnte der Atmosphäre CO2 entziehen.(Foto: picture alliance / dpa)

Gibt es Formen von Geo-Engineering, die Sie in Ordnung finden?

Um ehrlich zu sein, nein. Und das liegt nicht daran, dass ich pathologisch misstrauisch wäre. Geo-Engineering verändert die klimatischen Bedingungen. Es findet nicht nur über einem Land statt, es beeinflusst ganze Erdteile, wenn nicht die ganze Welt. Ich weiß nicht, wie Regierungen darüber Entscheidungen fällen können. Ich sehe durchaus den Wert einer internationalen Debatte über Geo-Engineering, ich sehe auch den Wert von Computermodellen, die ermitteln, was geschehen könnte, ich sehe die Notwendigkeit, im Labor bestimmte Stoffe zu testen und so weiter. Aber in dem Moment, wo man mit Geo-Engineering anfängt, übernehmen wir die Verantwortung für den planetaren Thermostat. Ich glaube nicht, dass es einen Grund gibt, der deutschen Regierung oder der kanadischen Regierung oder irgendeiner anderen Regierung so etwas anzuvertrauen. Diese Regierungen haben jahrzehntelang den Klimawandel geleugnet, jahrzehntelang haben sie nicht genug getan - wenn auch die deutsche Regierung mehr als andere gemacht hat.

Das hat nachgelassen.

Und zu keinem Zeitpunkt hatte die deutsche Regierung den Mut, den Leuten zu sagen, dass sie auf der Autobahn langsamer fahren sollten. Wem schon dazu der Mut fehlt, der hat nicht die moralische Autorität, die Verantwortung für den globalen Thermostat zu übernehmen.

Gibt es Regierungen, die aktiv Geo-Engineering-Konzepte verfolgen? Wer sind die Protagonisten unter den Wissenschaftlern?

Die amerikanische National Academy of Sciences und die britische Royal Society haben sich sehr positiv über groß angelegte Experimente geäußert. Auch die britische und die US-Regierung scheinen ein großes Interesse zu haben. Als Ende Oktober auf der UN-Konferenz zu Biodiversität im japanischen Nagoya ein Geo-Engineering-Moratorium vereinbart wurde, verabschiedete der US-Kongress gleichzeitig einen Bericht, der zusätzliche Gelder für Geo-Engineering-Experimente und -Forschung fordert.

Der Kanadier Pat Mooney ist Chef der ETC-Group, die sich schwerpunktmäßig für nachhaltige Entwicklung und Biodiversität einsetzt. In seinem Buch "Next BANG!" (auf Deutsch im Oekom Verlag) kritisiert er Geo-Engineering und andere Megatechnologien.
Der Kanadier Pat Mooney ist Chef der ETC-Group, die sich schwerpunktmäßig für nachhaltige Entwicklung und Biodiversität einsetzt. In seinem Buch "Next BANG!" (auf Deutsch im Oekom Verlag) kritisiert er Geo-Engineering und andere Megatechnologien.(Foto: ETC Group)

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Klimaleugnern und den Anhängern von Geo-Engineering?

Einen absurden Zusammenhang, ja. Wenn man sich anschaut, wer vor drei Jahren den Klimawandel geleugnet hat, dann findet man einige davon heute unter den Anhängern von Geo-Engineering - zum Beispiel all diese rechtsgerichteten sogenannten Denkfabriken in den USA, auch Leute wie Bjørn Lomborg aus Dänemark - sie alle haben Klimaschutz ursprünglich vehement abgelehnt. Nun sind sie auf einmal für Geo-Engineering.

Woran liegt das?

Geo-Engineering hat zwei Vorteile. Erstens: Die Industrie müsste nichts ändern, sie könnte weitermachen wie bisher, denn es gibt ja schnelle Abhilfe, die alles wieder gut macht. Und zweitens ist Geo-Engineering hoch profitabel, für einige jedenfalls.

Wer lehnt Geo-Engineering ab? Und warum glauben Sie, dass die Kritiker sich durchsetzen werden?

Ich nehme an, dass die große Mehrheit der Menschen dieser Welt Geo-Engineering ablehnt, wenn sie darüber nachdenken. Das gilt für Deutschland genauso wie für Norwegen und die Schweiz, für Indien und Brasilien. All diese Länder haben das Moratorium gegen Geo-Engineering unterstützt. Es war ziemlich ungewöhnlich, dass die Umweltminister aus 193 Ländern sich bei einem so hochgradig politisierten und umstrittenen Thema wie Geo-Engineering einig waren. Es war ein langer Prozess. Die Verhandlungen hatten im Mai begonnen und sie liefen bis Ende Oktober. Es gab einige Verhandlungen im Vorfeld, die bis zur UN-Konferenz 2008 in Bonn zurückreichen. Es war keine Entscheidung, die mal eben so gefällt wurde.

Einer der Gründe, warum Sie Geo-Engineering kritisieren, ist, dass es ein Problem innerhalb des Systems bekämpft, das das Problem verursacht hat. Aber ist das nicht auch ein großer Vorteil? Ein Systemwechsel wäre schließlich nur sehr schwer zu bewerkstelligen.

Deshalb hätten wir ja auch schon vor langer Zeit damit anfangen sollen. Aber ich weiß auch, dass es keine Lösung ist, wenn man erklärt: "Ich hab's euch doch gesagt". Ich halte es mit Einstein, der sagte, man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben. Ich glaube, wir müssen uns mit anderen Strategien beschäftigen. Und die gibt es. Es gibt die dringende Notwendigkeit, die Lebensmittelproduktion breiter zu fächern. Das ist praktische Arbeit vor Ort, die Wissenschaftler und Bauern jetzt angehen müssen, wenn wir künftig genug zu essen haben wollen. Den Anstieg des Meeresspiegels werden wir überleben, die Zunahme von Kohlendioxid in der Atmosphäre werden wir für einige Zeit überleben, aber wenn wir jetzt nicht sicherstellen, dass wir ausreichend Zugang zu Nahrung und Wasser haben, dann werden wir in den nächsten Jahrzehnten ernsthafte Probleme haben.

Was muss getan werden? Kann Gentechnik Teil der Lösung sein?

Bauern haben 7000 Arten Feldfrüchte und mindestens 40 Sorten Vieh domestiziert, und doch vermarktet unsere industrielle Nahrungskette kaum 150 Feldfrüchte und nur fünf Sorten Vieh. In den vergangenen 50 Jahren haben Bauern mehr als 1,9 Millionen verschiedene Pflanzensorten an nationale und internationale Gen-Banken gegeben. In derselben Zeit haben industrielle Pflanzenzüchter sich 72.500 Sorten patentieren lassen. Wenn wir den Klimawandel überleben wollen, müssen wir kleine Bauern unterstützen.

Quinoapflanzen in Peru.
Quinoapflanzen in Peru.(Foto: Maurice Chédel / Wikimedia unter cc-by-sa)

Wie?

Ganz praktisch bedeutet das, dass Bauern aus den Anden Quinoa an ihre Kollegen in Äthiopien weitergeben und dass Bauern aus Äthiopien ihre Zwerghirse mit nepalesischen Bauern teilen. Was wir brauchen, ist eine Explosion der indigenen Innovation und Diversifikation. Das wird uns die Flexibilität geben, mit unvorhergesehenen Klimaveränderungen zurechtzukommen.

In Ihrem Buch "Next BANG!" beschreiben Sie, wie Ihre Frau Sie aufforderte, für ihre beiden Enkelkinder irgendetwas Positives zu schreiben. Das sei eine "schmerzliche Übung" für sie gewesen, "an der ich kläglich scheiterte". Was glauben Sie, wie wird die Welt aussehen, wenn Ihre Enkel so alt sind wie Sie jetzt?

Die gute Nachricht für mich ist, dass sie in einem relativ sicheren Teil der Welt wohnen, in Kanada. Ihnen wird es vermutlich gut gehen. Ich fürchte nur, dass das für die meisten ihrer Altersgenossen nicht gilt. Ich glaube, dass die nächsten 30 oder 50 Jahre sehr hart werden. Wir werden sie überleben, die Menschheit ist sicherlich nicht gefährdet. Sehr viele Menschen sind aber in Gefahr. Das ist die Tragödie.

Mit Pat Mooney sprach Hubertus Volmer

 

Quelle: n-tv.de

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