Politik
Türkische Soldaten im Jahr 1914 in Damaskus. Zwei Jahre geriet die syrische Hauptstadt unter französische Kontrolle.
Türkische Soldaten im Jahr 1914 in Damaskus. Zwei Jahre geriet die syrische Hauptstadt unter französische Kontrolle.(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Montag, 16. Mai 2016

100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen: Wie Willkür zum Dauerzustand wurde

Von Nora Schareika

Am 16. Mai 1916 unterzeichnen ein Brite und ein Franzose ein Papier, das den Nahen Osten neu gliedert. Das Sykes-Picot-Abkommen gilt als Urkatastrophe der Region. Die künstlichen Staaten hielten trotzdem länger als viele europäische.

In Europa tobt noch der Erste Weltkrieg, da planen Diplomaten schon, wie sie sich zukünftig die Nachbarregion aufteilen wollen. Der britische Offizier Mark Sykes und der französische Karrierediplomat François-George Picot legen mit dem Sykes-Picot-Abkommen den Grundlage für den Nahen Osten, wie wir ihn bis heute kennen. Das Papier wird nur wenige Monate geheim bleiben und fortan als die Papier gewordene westliche Fremdherrschaft über die arabischen Völker in die Geschichte eingehen. Es gilt vielen Arabern bis heute als Urkatastrophe des Nahen Ostens, vielen Kurden als Grund für die Nicht-Existenz eines Kurdenstaates.

So teilten Briten und Franzosen den Nahen Osten unter sich auf. In späteren Verträgen konkretisierten sich die Grenzen der neuen arabischen Staaten.
So teilten Briten und Franzosen den Nahen Osten unter sich auf. In späteren Verträgen konkretisierten sich die Grenzen der neuen arabischen Staaten.

Vor genau 100 Jahren, am 16. Mai 1916, besiegelten Sykes und Picot ihre mit dem Lineal auf der Landkarte gezogenen Einflusssphären in den Gebieten, die über sechs Jahrhunderte lang zum Osmanischen Reich gehört hatten. Das türkische Herrscherhaus stand vor dem Zerfall.

Frankreich sicherte sich das Gebiet, in dem heute die Südosttürkei, Nordirak, Syrien und der Libanon liegen. An Großbritannien fielen der Großteil des Irak, Jordanien und Palästina. Die genauen Grenzen der bis heute existierenden Staaten wurden in weiteren Verträgen der Folgejahre noch weiter ausdifferenziert.

Künstliche Staaten hielten erstaunlich lang

Hundert Jahre später steht fest, dass die Grenzen von Sykes und Picot nicht weiterexistieren werden. Mit den Aufständen in mehreren arabischen Staaten im Jahr 2011 begann ein Erdbeben, das damals in seiner Wucht noch gar nicht abzuschätzen war, und das noch lange nicht zuende ist.

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Bemerkenswert ist aber, welche lange Zeitspanne diese künstlichen Grenzen dann doch überdauert haben. Denn erstens waren die betroffenen Völker nie gefragt worden und zweitens täuschte die britische Seite ihre arabischen Verbündeten bei der Frage um Palästina: Dem Scherifen von Mekka hatte der britische Hochkommissar in Ägypten nur Monate zuvor einen unabhängigen arabischen Staat dort versprochen. In der Balfour-Deklaration von 1917 unterstützte Großbritannien gleichzeitig aber die Errichtung eines jüdischen Staates auf demselben Boden.

Libanon, Syrien, Irak und Jordanien gab es fortan länger als manchen europäischen Nationalstaat. Und obgleich die Grenzen mit Lineal keine Rücksicht auf die Siedlungsgebiete der Völker und Stämme nahmen, entwickelten viele der unfreiwilligen Staatsbürger über die Jahrzehnte nationale Identitäten. Das ging so weit, dass sogar die zahlreichen Bürgerkriege stets innerhalb der Staatsgrenzen blieben. Das hat sich mit dem syrischen Bürgerkrieg geändert. Mindestens Syrien und der Irak werden sich wohl grundlegend neu ordnen.

Syrienkrieg erschüttert ganze Region

Erstmals in der jüngeren Geschichte sind diese beiden Staaten keine Spieler mehr, sondern nur noch Spielfelder, auf denen die Verwerfungen der ganzen Region sichtbar werden. Der Bürgerkrieg in Syrien hat bereits Hunderttausende das Leben gekostet und Millionen in die Flucht getrieben. Viele von ihnen leben seit Jahren in Nachbarstaaten, ein kleinerer Teil floh weiter bis nach Europa. Tausende ausländische Söldner kämpfen in Syrien für eine Vielzahl von Gruppen. Die Nachbarstaaten, die Regionalmächte Saudi-Arabien, Iran, Türkei verfolgen auf syrischem Boden ihre nationalen Interessen.

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2014 rief die Terrormiliz Islamischer Staat ein Kalifat im Osten Syriens und Norden des Iraks aus und erklärte die Grenzen des Sykes-Picot-Abkommens mit großer Geste für aufgehoben. Es war aber nicht nur der IS, der die alte Ordnung ins Wanken brachte. Tatsächlich hatten es die Dschihadisten an der Grenze zum Irak verhältnismäßig leicht, weil beiderseits der imaginären Linie immer noch dieselben Stämme zuhause waren.

Durch den Krieg verschwammen aber noch mehr Grenzen: Wohl rund eine Million Syrer suchten Zuflucht und Sicherheit in Jordanien. Es ist gut möglich, dass sie dort bleiben werden, ähnlich wie nach 1948 und 1967 die Palästinenser. Aus Flüchtlingslagern wie Zaatari könnten syrische Städte auf jordanischem Boden werden. Gleichzeitig kämpft eine beachtliche Zahl von Jordaniern im Süden Syriens.

Die Grenze zwischen Syrien und dem Libanon kontrolliert heute an vielen Stellen weder der syrische noch der libanesische Staat, sondern die schiitische Hisbollah, der verlängerte Arm des Iran in der Levante. Im Irak hat der Terror des IS dazu geführt, dass die Kurden noch stärker als bisher ihre Autonomie betonen. Mit der autonomen Provinz Irakisch-Kurdistan sind sie hier bedeutend weiter als die Kurden in den Nachbarstaaten. Die Kurden im Norden Syriens haben mit ihren drei Kantonen auch mehr Autonomie denn je erreicht, gesichert ist die jedoch noch nicht. 1916 hatte sich niemand um die Kurden geschert. Die neuen Staaten entstanden mit jeweils einer mehr oder weniger großen kurdischen Minderheit.

"Sykes-Picot 2.0" oder Fragmentierung?

Mit dieser Zustandsbeschreibung sind zurzeit auch erfahrene Politikbeobachter und Kenner der Region am Ende ihrer Weisheit. "Wir wissen einfach nicht, wohin die Region und die einzelnen Länder sich entwickeln", schreibt der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, in seinem 2015 erschienenen Buch "Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen". Nur, dass es im Nahen und Mittleren Osten eine Neuordnung von Staaten und Grenzen geben wird, gilt als sicher. Ebenso, dass es kein Syrien und keinen Irak mehr geben wird, die von Einheitsparteien regiert werden.

Doch wer dies organisiert und was dabei herauskommen wird, darüber wagt niemand eine Prognose abzugeben. Verbreitet ist die These von der Untätigkeit des Westens in den aktuellen Krisen des Nahen Ostens. Nicht zuletzt wegen der Verflechtungen und Einmischungen der europäischen Großmächte und der USA seit Sykes-Picot wird nun erwartet, dass diese Staaten Verantwortung übernehmen. Doch genau das tun sie bislang nicht. Die Strategie scheint eher zu sein, sich punktuell Interessen zu sichern und sich ansonsten nicht hineinziehen zu lassen. Über eine geheime Neuordnungsstrategie, ein "Sykes-Picot 2.0", ist jedenfalls bislang nichts bekannt.

Pessimistische Szenarien gehen von einer zukünftigen fragmentierten Landkarte mit mehr oder weniger stabilen Mini-Staaten aus. Dabei könnten die alten Sykes-Picot-Linien erhalten bleiben. Perthes skizziert, es könne etwa einen Alawitenstaat an der syrischen Mittelmeerküste geben, eines oder mehrere kurdische autonome Gebiete, ein geschrumpftes Kalifat des IS und einen autonomen sunnitischen Zentralirak. Wo Grenzen unangetastet bleiben, verschiebt sich trotzdem auch fernab der Brandherde die innere Gemengelage – und auch das hat wieder Wirkungen nach außen. Ägypten etwa ist seit 2011 so mit sich selbst beschäftigt, dass es kaum noch wie in den Jahrzehnten zuvor als regionale Ordnungsmacht auftritt.

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Quelle: n-tv.de

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