Politik
Helfer der Initiative "Moabit hilft" sind seit Monaten vor dem Berliner Lageso im Einsatz.
Helfer der Initiative "Moabit hilft" sind seit Monaten vor dem Berliner Lageso im Einsatz.(Foto: picture alliance / dpa)

Erfundener Tod von Flüchtling: Wie man mit einer Lüge Propaganda macht

Von Judith Görs

Die Lügengeschichte eines Flüchtlingshelfers über den "Lageso-Toten" ist eigentlich eine Banalität - in der emotional geführten Asyldebatte ist die Wahrheit für viele ohnehin kein Maßstab mehr. Doch der Fall offenbart ein gefährliches Spiel.

In Berlin erfindet ein Flüchtlingshelfer den Tod eines 24-jährigen Syrers. Über die Motive von Dirk V. kann bisher nur spekuliert werden. Was der Fall zeigt, ist, dass die Debatte um Flüchtlinge mittlerweile als Propaganda-Schlacht geführt wird, in der jedes vernünftige Maß verloren gegangen ist. Weder die Befürworter noch die Kritiker einer offenen Flüchtlingspolitik geben aktuell ein gutes Bild ab - sie führen einen Krieg der Emotionen. Und sie instrumentalisieren das Schicksal der Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, für die eigenen Zwecke.

Video

Die Lügengeschichte von Dirk V. ist längst kein Einzelfall. Im November behauptet eine Frau aus Dresden, von "südländisch aussehenden Männern" sexuell missbraucht worden zu sein. Die Pegida-Wortführer nehmen den Fall zum dankbaren Anlass, um auf Demos Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Später gesteht die Frau, den Überfall nur erfunden zu haben. Doch da wird die Schuldfrage schon längst nicht mehr gestellt.

Ein weiteres Beispiel: Nach den Silvester-Übergriffen in Köln geht im Netz ein Videoclip viral. Er zeigt angeblich eine Frau, die von mehreren Flüchtlingen begrabscht wird. Auch die rechtspopulistische Partei Pro NRW verbreitet es für kurze Zeit. Dass die Bilder bereits drei Jahre alt und nicht in Köln, sondern in Kairo entstanden sind - der Nutzerin, die das Video teilte, scheint das gleichgültig gewesen zu sein. Sie veröffentlichte nicht zum ersten Mal rechte Propaganda.

Die Hysterie hilft niemandem

Noch weitere Kreise zieht aber die angebliche Entführung und Vergewaltigung einer 13-jährigen Russlanddeutschen in Berlin. Was zunächst nur als Gerücht durchs Netz wabert, wird von Polizei und Staatsanwaltschaft später als Lüge entlarvt. Doch für manche ist es eine nützliche Lüge. Rechtspopulisten - und jüngst sogar der russische Außenminister Sergej Lawrow - werfen den deutschen Behörden "Vertuschung" vor. Niemand glaubt mehr irgendwem. Und das ist gefährlicher als jede noch so dreiste Täuschung.

"Wenn jetzt russische Propaganda und erfundene Skandalgeschichten aus dem Netz das Meinungsklima in unserem Land bestimmen, dann bekommen wir ein echtes Problem", warnte Berlins Innensenator Frank Henkel zu Recht. "Das macht uns am Ende allen das Leben schwer. Behörden, Medien, unserer ganzen Gesellschaft." Fakt ist: Die Hysterie ist hausgemacht. Wo politische Unsicherheit herrscht, gedeihen Verschwörungstheorien am besten. Und dass selbst Spitzenpolitiker im Asylstreit zuweilen Sachlichkeit vermissen lassen, um die politische Agenda in Berlin zu beeinflussen, hilft da wenig.

In der Flüchtlingsdebatte darf nicht mehr länger auf diejenigen gehört werden, die am lautesten brüllen. Wer als Wortführer auftritt, muss auch seine Methoden hinterfragen - gerade jetzt ist das eine Frage des Verantwortungsbewusstseins. Im besten Fall hatte auch Dirk V. hehre Motive für sein Handeln. Womöglich dachte er, die Lüge diene der Sache - ganz nach dem Motto: Es muss erst etwas Schreckliches passieren, bevor gehandelt wird. Einer wie er, der offenbar betrunken war, als er die Sache anstieß, ist nicht das Problem. Das Problem sind Vereine wie "Moabit hilft", die eine solche Geschichte nicht zum ersten Mal ungeprüft zum Anlass nehmen, um Stimmung zu machen. Und es sind Politiker, die sich von den Populisten vor den Karren spannen lassen.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen