Politik

Kämpfer, Umsteller, Befreite: Wie sich Arbeitslose fühlen

Von Solveig Bach

Wer seine Arbeit verliert, macht sich auf die Suche nach einem neuen Job. So lange ist er arbeitslos. Doch was bedeutet das und wie gehen Arbeitslose mit ihrer Situation, die möglicherweise länger andauert, um? Eine Studie kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Bei der Arbeitsagentur kennt man nur eine Sorte Klienten - Arbeitslose.
Bei der Arbeitsagentur kennt man nur eine Sorte Klienten - Arbeitslose.(Foto: picture alliance / dpa)

Zum Regierungswechsel kommen aus Berlin geradezu euphorische Meldungen. Vom scheidenden Wirtschaftsminister Philipp Rösler heißt es: Die Arbeitslosigkeit soll 2013 und 2014 im Schnitt unter der Drei-Millionen-Marke bleiben. Im Umkehrschluss heißt dies allerdings, dass in Deutschland drei Millionen Menschen einen Alltag ohne Teilhabe an der Arbeitswelt erleben. Nicht jeder von ihnen wird an dieser Situation krank, doch unnütz fühlen sie sich allemal.

Allerdings gibt es unter Arbeitslosen große Unterschiede. Der Bremer Soziologe und Psychologe Benedikt Rogge hat in einer mehrjährigen Studie verschiedene Typen von Arbeitslosen ausgemacht. Bisher werden Arbeitslose beinahe durchgehend als "Ausgegrenzte" oder "Kranke" klassifiziert, Rogges Studien ergeben indes, dass Menschen ihre Arbeitslosigkeit auch ganz anders erfahren können: Als eine immer wiederkehrende Umstellung, eine ersehnte Befreiung, als ungewissen Kampf, auch als Verfall, vielleicht sogar als positive Transformation.

Arten, mit dem Jobverlust umzugehen

Der noch immer am weitesten verbreitete Typ ist wahrscheinlich der "Kämpfer", sagt Rogge im Gespräch mit n-tv.de. Dabei sei für die Betroffenen ungewiss, ob sie aus der Situation wieder rauskommen. "Sie bewerten die Arbeitslosigkeit als negativ, als einschneidenden Punkt in ihrer Biografie. Sie nehmen ihre Lebenschancen als beschädigt und gefährdet wahr." Diese Arbeitslosen kämpfen permanent, bewerben sich unermüdlich, die Arbeitssuche beschäftigt sie immerzu, bis zur körperlichen und seelischen Totalerschöpfung.

Anders geht es den "Umstellern". Sie gehen davon aus, dass sie relativ bald wieder in Arbeit kommen. Oft arbeiten diese Menschen im Niedriglohnsektor oder für Zeitarbeitsfirmen. Sie finden es normal, immer mal wieder arbeitslos zu werden und stellen sich schnell auf die jeweils neue Lebenssituation ein. Allerdings ist für diese Gruppe der Unterschied zwischen Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit auch nicht sehr groß. "Arbeitslosigkeit bedeutet weniger Geld und mehr Zeit, Arbeit mehr Geld und weniger Zeit", beschreibt Rogge diese Sichtweise.

Einige Menschen begrüßen den Verlust des Arbeitsplatzes indes regelrecht, weil sie ihn als Befreiung erleben. Laut Rogges Studie sind das oft "hoch qualifizierte Arbeitnehmer mit einer starken Selbstwirksamkeitsüberzeugung". Diese Arbeitslosen glauben also, alles zu schaffen, wenn sie nur wollen. Sie haben jedoch Tätigkeiten ausgeübt, die sie stark belastet haben, kündigen oft freiwillig und nutzen die Arbeitslosigkeit, um wieder gesund zu werden, sich neu zu orientieren oder auch als Zeit der Selbstverwirklichung.

Scheitern oder Neu-Erfinden

Vor allem wer lange arbeitslos ist, muss seinem Leben einen anderen Sinn geben.
Vor allem wer lange arbeitslos ist, muss seinem Leben einen anderen Sinn geben.(Foto: picture alliance / dpa)

Zwei andere Typen zeigen sich nach einer Zeit längerer Arbeitslosigkeit. Dann gehen die Arbeitslosen nicht mehr davon aus, dass sich ihre Situation noch einmal grundlegend ändern wird. Für eine Gruppe ist das eine Katastrophe. Rogge nennt es den "Verfall des Selbst". "Die Arbeitslosigkeit ist gewissermaßen der Beginn des Endes, des dauerhaften Abstiegs und Verweilens in einer sozial abgewerteten Kategorie unter miserablen Verhältnissen", sagt er dazu. Nach der Umstellung auf Hartz IV steht diesen Menschen meist deutlich weniger Geld zur Verfügung, die ständigen finanziellen Sorgen und der soziale Abstieg werden von Gefühlen des Scheiterns und Versagens begleitet.

Es gibt jedoch auch Langzeitarbeitslose, die zwar ebenso davon ausgehen, keine Arbeit mehr zu finden und genau die gleichen finanziellen Einschränkungen haben, sich in dieser Situation jedoch als "Mensch ohne Erwerbsarbeit" neu erfinden. "Sie entwickeln in einer 'Transformation des Selbst' eine neue Sicht des Arbeitslosseins", beschreibt Rogge diese Gruppe. "Da geht es um die Würde des Menschen, um den Wert des Menschen an sich."

Egal, in welche Kategorie die Arbeitslosen fallen, der gesellschaftlichen Norm der Arbeitsgesellschaft kann sich niemand entziehen. "Arbeite, konsumiere, leiste – das ist Teil unseres Selbstbildes. Wir können uns davon abgrenzen, aber wir können es nicht ignorieren" so Rogge. Die gebrochene Erwerbsbiografie ist zwar inzwischen immer mehr die Regel, das heißt, die meisten Menschen haben in ihren Lebensläufen unbezahlte Praktikumszeiten, Jobwechsel und Zeiten der Arbeitslosigkeit.

Emotionale Belastung macht krank

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Doch an der Sichtweise auf Arbeitslose hat sich kaum etwas verändert. "Wer arbeiten will, findet auch einen Job", ist noch eine freundliche Formulierung. Vor allem Menschen, die dauerhaft am Arbeitsmarkt scheitern, sehen sich jedoch mit ganz anderen Einschätzungen konfrontiert. Rogge hat für seine Studie etwa 60 Interviews mit Männern und Frauen zwischen 30 und 65 Jahren geführt. "Einige der emotional stärksten Momente dabei waren die, "in denen es sich um die Erfahrungen in den Warteräumen der Jobcenter drehte, bei Leuten, die noch nie zuvor ALG II bekommen hatten", erzählt er. Wer Hartz IV beantrage, habe nicht nur weniger Geld. "Es herrscht ein ganz anderer Ton, man wird eine Nummer, da sind auch ganz andere Leute."

Auch deshalb werden so viele Arbeitslose krank. "Sie leiden an ihrem Sozialstatus und darunter, wie die Gesellschaft mit ihnen umgeht." Zahlen des Robert-Koch-Instituts belegen, dass arbeitslose Männer aufgrund psychischer Diagnosen sieben Mal so viele Tage im Krankenhaus verbringen wie arbeitende Geschlechtsgenossen. Bei Frauen sind es immerhin drei Mal so viele. Rogge geht davon aus, dass seine Forschungsergebnisse dazu beitragen können, daran etwas zu ändern. Bei psychisch belasteten Arbeitslosen könne schon die eigene Zuordnung zu einem der von ihm abgeleiteten Typen Spielräume für Entlastung bringen. Wer erkennt, wie er tickt, könne mit der neuen Lebenssituation oft souveräner umgehen.

Anregungen für Jobvermittler

Mehr noch aber könnten Arbeitsagenturen und Vermittler von diesem Wissen profitieren. Oft würden Arbeitslosen pauschalisierte Standardmaßnahmen angeboten, ohne auf ihre eigentlichen Bedürfnisse einzugehen. Wenn man den Typus berücksichtige, komme man jedoch darauf, "dass beim 'Kämpfer' beispielsweise nicht noch mehr Aktivierung gefordert ist, sondern weniger Druck und Angebote, um den Stress zu reduzieren." Diese Menschen würden aber oft so stark belastet, dass sie "ins Gesundheitssystem übergehen". Insgesamt brauche es mehr gezielte Angebote der Gesundheitsförderung für Arbeitslose, um gesundheitliche Lasten zu lindern und Erkrankungen zu verhindern. In anderen Fällen könne man bestimmte Gefahren deutlicher erkennen, beispielsweise beim Befreiungstyp. "Da herrscht die Illusion, dass man das alles selbst in der Hand hat, aber das kann auch leicht außer Kontrolle geraten."

Rogge hat während seiner Studie die Erfahrung gemacht, dass "unsere Gesellschaft eigentlich keine Vorstellung davon hat, wie sich Menschen außerhalb des Arbeitsmarktes einrichten, wie deren Leben aussieht". Viele Dauerarbeitslose pendeln Rogge zufolge "wohl zwischen 'Verfall' und 'Transformation'". Viele durchliefen "Anpassungsprozesse, um mit der Situation leben zu können". Aber viele fühlten sich auch dauerhaft beeinträchtigt und benachteiligt. Andere leisteten ehrenamtliche oder Familienarbeit, die jedoch gesellschaftlich nicht anerkannt und auch nicht mit Geld honoriert werde. Soziale und finanzielle Anerkennung seien in unserer Gesellschaft aber untrennbar miteinander verbunden, betont Rogge. Deshalb wirke sich "alternative Arbeit" auch kaum positiv auf die Gesundheit von Arbeitslosen aus. Und noch eine Diskussion kommt nach Rogges Erfahrung zu kurz: "Auch wenn es auf dem Papier so scheint, es ist keine wirkliche Wahl, arbeitslos zu sein oder beispielsweise eine Leiharbeit unter schlechten Bedingungen zu machen."

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Quelle: n-tv.de

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