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Report aus Aleppo: "Wir haben 80 Prozent des Elends überlebt"

Der CNN-Reporter Frederik Pleitgen begibt sich auf eine gefährliche Mission. Mit einem Kamerateam recherchiert er in Aleppo - der am heftigsten umkämpften Stadt im syrischen Bürgerkrieg. Er stößt dabei nicht nur auf Tod und Asche.

Die Straßen sind voller Passanten. In den Auslagen der Händler liegen Orangen, Nüsse, Bananen. Der Reporter Frederik Pleitgen fängt mit seinem Kamerateam eine Szene ein, die an den Alltag in so vielen Städten der Welt erinnert. Doch tatsächlich befindet er sich an einem der gefährlichsten Orte der Welt.

Zerstörung in Aleppo
Zerstörung in Aleppo

Pleitgen ist für den Sender CNN-International nach Aleppo gereist - der derzeit am heftigsten umkämpften Stadt im syrischen Bürgerkrieg. Im westlichen Stadteil Jamelia hat er recherchiert, die Menschen gefragt, wie sie es hier noch aushalten - insbesondere seit das Regime von Baschar al Assad mit Hilfe russischer Kampfjets versucht, auch den Osten der Stadt und die Provinz Aleppo restlos unter Kontrolle zu bringen.

"Die Lage ist wirklich heftig, aber wir halten durch, und wir glauben, dass sich die richtige Seite durchsetzt", sagt ein Mann. "Ich glaube, wir haben schon 80 Prozent des Elends überlebt, und ich hoffe die 20 weiteren Prozent schnell zu überstehen", gibt sich ein anderer optimistisch.

Niemand weiß, wie lange die Vorräte reichen

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Keine Frage, die Leute, die in diesem Teil Aleppos leben, im Regime-Gebiet, sind zumindest im Vergleich zu jenen in den Rebellenarealen in einer verhältnismäßig komfortablen Lage. Die meisten Geschosse gehen dort und im Umland der Stadt nieder. Doch Pleitgen berichtet, dass auch hier Bomben einschlagen würden. "Es ist ziemlich gefährlich für die Leute, die hier wohnen", so der Reporter. Und auch, wenn es auf den Bildern so scheinen mag, ist der Alltag in dem Stadtteil alles andere als mühelos. Es gibt praktisch keinen Strom mehr. Das Licht, das brennt, brennt nur, weil es Generatoren gibt. Doch das Benzin wird knapp.

Wie das Leben in den Rebellengebieten abläuft, ist beinahe unvorstellbar, denn Bildmaterial und Schilderungen unabhängiger Journalisten gibt es kaum. Bisher konnten sich die Menschen laut der Nahostexpertin Bente Scheller dort gut mit Lebensmitteln versorgen. Doch dem Regime ist es gelungen, die Hauptstraße und damit wichtigste Nachschubroute, die Aleppo mit der Türkei verbindet, zu sperren. Es gibt noch Reserven, doch wie lange diese halten, ist unklar.

Die Moral der Rebellen ist am Boden

Sami Obeid von der Gruppe Dschaisch al-Mudschahidi sagt der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon: "Die Intensität der Luftangriffe ist unbeschreiblich, sie nehmen jede Minute zu." Er ergänzt: "Die russischen Flugzeuge lassen alles in Flammen aufgehen." Tarik Abu Seid, Sprecher der Brigade Dschaisch al-Thuwar, ahnt offenbar schon die Niederlage in dieser so entscheidenden Schlacht. "Um ehrlich zu sein: Die Moral der Rebellen ist am Boden", sagt er.

Aus Aleppo, wo derzeit angeblich noch mehr als 300.000 Menschen ausharren, haben sich seit der jüngsten Offensive des Regimes bereits Zehntausende auf die Flucht begeben. Da die Türkei aber nur Schwerverletzte ins Land lässt, verharren sie in Flüchtlingslagern auf syrischer Seite.

Menschenrechtsorganisationen befürchten eine humanitäre Katastrophe unfassbaren Ausmaßes. Noch dramatischer wird die Lage dadurch, dass es angesichts der sich stetig intensivierenden Kämpfe in den Regionen rund um die Stadt Aleppo schnell zu einem paradoxen Phänomen kommen könnte: Dass der Versuch der Flucht genauso gefährlich erscheint, wie in der zerbombten Metropole auszuharren.

Quelle: n-tv.de

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