Politik
"Ich verneige mich vor einer herausragenden Persönlichkeit", sagte Angela Merkel in ihrer Trauerrede.
"Ich verneige mich vor einer herausragenden Persönlichkeit", sagte Angela Merkel in ihrer Trauerrede.(Foto: dpa)
Montag, 23. November 2015

Staatsakt für Helmut Schmidt: "Wir haben einen Giganten verloren"

Von Hubertus Volmer

An ein Leben nach dem Tod glaubte Helmut Schmidt nicht. Doch die drei Redner beim Staatsakt im Hamburger Michel sind sich einig: "Helmut wird bei uns bleiben."

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Helmut Schmidt beim Staatsakt in Hamburg als großen Staatsmann, großen Deutschen und großen Europäer gewürdigt. "Ich verneige mich vor einer herausragenden Persönlichkeit", sagte Merkel vor 1800 Trauergästen in der Hamburger Kirche Sankt Michaelis, besser bekannt als Michel. "Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen."

Henry Kissinger war mit Helmut Schmidt eng befreundet, erzählte aber: "Auch nach 60 Jahren waren Helmut und ich nicht zum vertrauten Du übergegangen."
Henry Kissinger war mit Helmut Schmidt eng befreundet, erzählte aber: "Auch nach 60 Jahren waren Helmut und ich nicht zum vertrauten Du übergegangen."(Foto: dpa)

Vor Merkel hatte Henry Kissinger den Verstorbenen gewürdigt. "Die wichtigsten Qualitäten eines Staatsmanns sind Vision und Mut", sagte der 92-Jährige, von 1973 bis 1977 Außenminister der USA und bis heute der bekannteste und zugleich umstrittenste Vertreter einer politischen Richtung, die auch auf Englisch "Realpolitik" genannt wird und die sich stärker an Machbarkeit und den praktischen Folgen von Entscheidungen orientiert als an moralischen Kategorien. "Vision, um der Stagnation entgegenzuwirken, Mut, um das Staatsschiff durch unbekannte Gewässer zu steuern. Helmut hat diese beiden Eigenschaften nie für sich reklamiert. Aber er hat sie verkörpert."

Video

Kissinger und Schmidt waren befreundet, die Rede des in Fürth geborenen Amerikaners, der als offizieller Vertreter seines Landes am Staatsakt teilnahm, sparte nicht an Superlativen. Schmidt sei "eine Art Weltgewissen" gewesen, so Kissinger, der seinen Freund einen "großen und guten Menschen" nannte. "Wer sich auf Helmut einließ, wurde sozusagen in einen Orden rekrutiert, in dem sich die Suche nach dem Wesentlichen mit Demut paarte."

Der Staatsakt fand unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Unter den Trauergästen war auch der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing, ein konservativer Politiker, mit dem der Sozialdemokrat Schmidt in seiner Zeit als Kanzler eng zusammengearbeitet hatte. Weitere Gäste waren Bundespräsident Joachim Gauck, Altkanzler Gerhard Schröder, der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann und Österreichs Altkanzler Franz Vranitzky sowie die Spitzen von EU-Parlament, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank, Martin Schulz, Jean-Claude Juncker und Mario Draghi.

Was hätte Schmidt zum Terror von Paris gesagt?

Video

"Die Größe seiner Kanzlerschaft lag in seiner klugen und konsequenten Regierungsführung", sagte Merkel in ihrer Trauerrede. "Sein hohes Ansehen hat seinen guten Grund. Mir kommt dazu ein Wort in den Sinn: Verantwortung." Die in Hamburg geborene Kanzlerin erinnerte daran, dass Schmidt als Hamburger Polizeisenator bei der Sturmflut von 1962 Menschenleben gerettet hatte, weil er die Bundeswehr anforderte, obwohl er von der Verfassung nicht dazu befugt gewesen war. "Damit lebte er vor, dass außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Maßnahmen erfordern." Und sie fragte, was Schmidt zu den Anschlägen von Paris gesagt hätte. "Diese Frage liegt nahe, und doch verbietet sie sich", so Merkel. "Wir müssen selbst zeigen, dass wir verstanden haben, Verantwortung zu übernehmen."

Valéry Giscard d'Estaing, Doris Schröder-Köpf, Gerhard Schröder und Bettina Wulff (v.l.n.r.) im Hamburger Michel. Wulff begleitete ihren Mann, Altbundespräsident Christian Wulff (nicht im Bild).
Valéry Giscard d'Estaing, Doris Schröder-Köpf, Gerhard Schröder und Bettina Wulff (v.l.n.r.) im Hamburger Michel. Wulff begleitete ihren Mann, Altbundespräsident Christian Wulff (nicht im Bild).(Foto: dpa)

Merkel zitierte auch den bekannten Satz von Helmut Schmidt, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. Das sei "eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage" gewesen, zitierte sie einen späteren Kommentar Schmidts zu diesem Ausspruch.

Musik und Gebete für die Trauerfeier hatte Schmidt selbst ausgesucht. Zum Leitwort wählte er ein Zitat aus den Psalmen des Alten Testaments: "Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen".

"Helmut wird bei uns bleiben"

"Es ist noch kaum vorstellbar, dass wir künftig gesellschaftliche und politische Debatten ohne ihn führen müssen", sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz im Michel. Wiederholt habe Schmidt betont, dass er den Tod für endgültig halte und danach nichts komme. "Ich will das nicht ausdeuten, für uns Nachbleibende trifft das jedenfalls nicht zu. Er ist von uns gegangen, aber vieles von ihm bleibt bei uns." Kissinger formulierte diesen Gedanken sehr persönlich: Zu Schmidts 90. Geburtstag habe er die Hoffnung geäußert, Schmidt nicht zu überleben, weil er nicht in einer Welt ohne ihn leben wolle. "Ich habe mich geirrt: Helmut wird bei uns bleiben."

Wie Kissinger und Merkel würdigte Scholz den Verstorbenen als Politiker, der immer für die Einheit Europas eingetreten war. "Die Mahnung zur Zusammenarbeit zwischen den europäischen Völkern und Regierungen hat einen sehr ernsten Kern", sagte Scholz. "Nur so ließe sich verhindern, dass sich – und ich sage es in dieser Härte mit den Worten Helmut Schmidts – die 'große Scheiße des Krieges' wiederhole." Mit diesen Worten habe auch der junge Wehrmachtssoldat gesprochen, der selbst erleben musste, welche Verwüstungen der Krieg auf unserem Kontinent angerichtet habe. "Es mag pathetisch klingen und ist doch wahr", so Scholz. "Wir haben einen Giganten verloren."

Helmut Schmidt war am 10. November im Alter von 96 Jahren gestorben. Der Sozialdemokrat war von 1974 bis 1982 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. In seine Amtszeit fällt der Terror der "Rote Armee Fraktion", die Ölkrise und der öffentliche Streit um den Nato-Doppelbeschluss. Als Hamburger Polizeisenator hatte Schmidt die grundgesetzlichen Vorgaben ignoriert und die Bundeswehr eingesetzt – und so zahlreiche Menschenleben gerettet. Nach seiner Zeit als aktiver Politiker war Schmidt bis zu seinem Lebensende Herausgeber der "Zeit".

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen