Politik
So sieht der Greek Analyst aus - bei Twitter.
So sieht der Greek Analyst aus - bei Twitter.
Freitag, 13. März 2015

Interview mit dem "Greek Analyst": "Wir stehen wieder im Jahr 2010"

Auf Twitter und mit seinem Blog liefert "The Greek Analyst" Einsichten über die griechische Krise. Seine Identität hält er geheim. Das Interview führten wir per E-Mail.

n-tv.de: Lassen Sie uns mit einer einfachen Frage anfangen: Wer trägt die Schuld an dem Zustand, in dem Griechenland sich befindet?

The Greek Analyst: Das würde ich keine einfache Frage nennen! Erlauben Sie mir, etwas weiter auszuholen, denn ich halte das für einen extrem wichtigen Punkt. Den meisten Menschen - egal ob Bürger, Journalisten, Analysten oder Politiker - fällt es leicht, einem einzelnen Faktor die alleinige Schuld zu geben. Ich fürchte, solche voreiligen Urteile gehen auf einen Mangel an Informationen, auf wirtschaftliche Interessen, auf persönlichen Nutzen oder auf ideologische Positionen zurück.

Für viele Deutsche liegt die Schuld bei der jahrzehntelangen fiskalischen Unvernunft des griechischen Staats und beim stereotypischen Bild des Griechen als faulem, selbstsüchtigem und korruptem Individuum, der keine Steuern zahlt. Die meisten Griechen glauben, dass die Deutschen seit Beginn der Krise eine grausame hegemoniale Haltung an den Tag gelegt haben, dass sie Griechenland in qualvolle Bailout-Programme gelockt und sowohl die Souveränität des Landes als auch seine wirtschaftlichen Aussichten vernichtet haben. Interessanterweise gibt es auch viele Leute, die einer der zwei großen Parteien des früheren Status quo die Schuld geben - der konservativen Nea Dimokratia oder der sozialistischen Pasok. Wem genau, das hängt von der persönlichem ideologischen Neigung ab und davon, wie stark jemand vom alten klientelistischen System profitiert hat.

Schließlich gibt es auch die "Experten". Von denen wissen viele ganz genau, was falsch gelaufen ist. Einige geben die Schuld der Sparpolitik, einige sprechen über die Fehler der Auflagen, die Griechenland von der sogenannten Troika aufgedrückt wurden, andere über das Ungleichgewicht zwischen den Ländern der Eurozone. Wieder andere konzentrieren sich auf spezifisch griechische Themen: auf die übergroße Bürokratie, den Mangel an staatlicher Leistungsfähigkeit und Fairness, die nur vorgetäuschte Kooperationsbereitschaft der vergangenen drei Regierungen oder den Mangel an Konkurrenzfähigkeit unserer Produkte.

All diese Ansichten haben wahre Elemente - wenn auch nicht im selben Maße. Aber törichte Schuldzuweisungen helfen uns nicht weiter. Wir sollten lieber versuchen zu verstehen, wie wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt stehen.

Würden Sie sagen, dass die Neuwahlen alles noch schlimmer gemacht haben?

Das ist absolut wahr. Die Wahlen am 25. Januar waren das Letzte, das wir in Griechenland gebraucht haben. Ich war kein Fan der vorherigen Regierung oder des alten Status quo, aber ich muss zugeben, dass wir ungefähr seit dem zweiten Quartal 2014 kleine - aber durchaus erkennbare! - Zeichen der Erholung in der Wirtschaft gesehen haben. Natürlich heißt das nicht, dass alles gut war. Aber es hörte endlich auf, schlechter zu werden.

Ich glaube, es wäre noch besser geworden, wenn wir mit den Wahlen turnusgemäß bis zum nächsten Jahr gewartet hätten - auch wenn Syriza dann ebenfalls das Ruder übernommen hätte. So haben wir nicht nur ein Jahr relativer Stabilität und relativen Wachstums aus dem Fenster geworfen, wir sind sogar wieder im Jahr 2010 gelandet. Nur sind die Aussichten jetzt sehr viel düsterer. Es sieht so aus, als halte die Eurozone einen Austritt Griechenlands aus dem Euro für sehr viel beherrschbarer als vor fünf Jahren.

Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat am Mittwoch erklärt, sein deutscher Kollege Wolfgang Schäuble habe ihm gesagt, er habe das Vertrauen der deutschen Regierung verloren. Varoufakis antwortete, er habe es nie besessen. Hat die Bundesregierung der neuen griechischen Regierung nie eine wirkliche Chance gegeben?

Video

Viele deutsche Regierungsvertreter kannten Varoufakis' Charakter und Ideen ganz gut, bevor er ins griechische Parlament gewählt wurde. Wenn man noch den medialen Sturm dazu addiert, der sich auf seine schrullige Art konzentrierte, nachdem er Finanzminister geworden war, dann bin ich sicher, dass die deutsche Regierung nicht das beste Bild von ihm hatte. Von daher stimme ich Varoufakis zu: Er hatte keine Chance, das Vertrauen seiner deutschen Gesprächspartner zu gewinnen.

Trotzdem hat Varoufakis auch nie versucht, dieses Vertrauen zu gewinnen. Er hat großartig verkündet, wie sehr er den deutschen Finanzminister respektiere, aber er hat keine pragmatischen Schritte unternommen, um Deutschland und die anderen Mitglieder der Eurozone wirklich davon zu überzeugen, dass seiner Regierung vertraut werden kann. Er machte aus den Verhandlungen eine Show für das heimische Publikum, aber er legte die überfälligen Reformen nicht auf den Tisch. Wie konnte er erwarten, das Vertrauen seiner Kollegen in der Eurogruppe zu gewinnen, wenn er ihnen Vorträge hielt wie seinen Studenten?

Hätten Deutschland und die übrige Eurogruppe Ministerpräsident Alexis Tsipras und seine Regierung besser aufnehmen sollen? Immerhin hätte Syriza für Griechenland ein Neuanfang sein können.

Ich glaube, dass die Reaktionen der deutschen Regierung auf die neugewählte Regierung in Griechenland vollständig rational sind. Gefällt mir das? Als Grieche nicht wirklich. Aber verstehe ich es? Auf jeden Fall. Die deutsche Regierung ist nicht dumm, und sie will nicht für dumm gehalten werden. Die Regierung Tsipras hat zwar erklärt, sie wolle alles bekämpfen, was in Griechenland falsch läuft. Aber sie ist selbst nicht frei von negativen Einflüssen. Klar, der frühere Status quo mit den abwechselnden Regierungen von ND und Pasok war hochgradig korrupt und ist verantwortlich für das gigantische Netz von Klientelismus, das sich über den gesamten öffentlichen Sektor zieht.

Aber die Tatsache, dass Syriza "neu" ist, bedeutet nicht, dass sie auch besser sind. Man würde hoffen, dass sie besser sind, vor allem, weil es das erste Mal ist, dass eine Linksregierung in Griechenland an die Macht kommt, und weil sie breite Unterstützung in der Bevölkerung genießt. Aber ein kühler und pragmatischer Blick zeigt, wie falsch eine solche Hoffnung ist.

Syriza hängt stark von klientelistischen Verbindungen mit den Gewerkschaften und Verbänden ab; seit Beginn der Krise hat Syriza gegen alle wichtigen Reformen gestimmt (vor allem, wenn es um den Kampf gegen Korruption ging), und Syriza hat bereits enge Verbindungen mit den Oligarchen etabliert, die sie angeblich bekämpfen will. Tsipras und viele seiner hochrangigen Parteifreunde vertreten einen extrem nationalistischen und populistischen Diskurs und haben den Griechen das Blaue vom Himmel versprochen. Viele ihrer Wahlversprechen sind nicht nur undurchführbar, sondern wären auch dann ein Rückschritt für Griechenland, wenn es keine wirtschaftlichen Probleme gäbe.

Halten Sie es für denkbar, dass die griechische Regierung die Eurozone eigentlich verlassen will?

Darüber will ich gar nicht nachdenken.

Einerseits ist die Haltung der griechischen Regierung ihren Partnern und vor allem Deutschland gegenüber äußerst konfrontativ geworden. Man muss sich nur die Bemerkungen von Verteidigungsminister Panos Kammenos angucken, der damit gedroht hat, Wellen von Wirtschaftsflüchtlingen und Dschihadisten nach Westeuropa zu schicken. Oder den Versuch von Außenminister Nikos Kotzias, sich bei Moskau einzuschmeicheln. Oder Justizminister Nikos Paraskevopoulos, der sagte, er wäre bereit, ein Urteil des Obersten Gerichts umzusetzen, das zur Beschlagnahmung von deutschem Staatsbesitz in Griechenland führen würde. Es sieht so aus, als gebe es den bewussten Versuch, Deutschland und unsere anderen Partner wütend zu machen. Vielleicht geht es darum, einen "Sündenbock" zu haben - für welchen Plan auch immer.

Andererseits wäre ein Austritt aus der Eurozone ein extrem schwieriger und komplexer Vorgang. Von der Verhängung von Kapitalkontrollen bis zur Ausgabe der neuen (oder alten) Währung werden Wochen oder sogar Monate vergehen. Für die griechische Wirtschaft wird das verheerend sein. Fast sofort werden Schwarzmärkte entstehen, für die Armen - die durch die Krise schon so viel verloren haben - wird es der letzte Schlag sein. Die superreichen Oligarchen, die Syriza angeblich bekämpfen will, werden dagegen profitieren, denn sie haben den größten Teil ihres Reichtums bei ausländischen Banken.

Für mich sieht es so aus, als wolle die Regierung die Last der Wahl den Bürgern überlassen. Während Varoufakis die Möglichkeit eines Referendums über den Euro verneint hat, haben sowohl er als auch Tsipras offengelassen, ob ein Referendum über andere Angelegenheiten stattfinden könnte, zum Beispiel über das Reformprogramm. Angesichts der Kompromisslosigkeit der griechischen Regierung und angesichts der ebenfalls kompromisslosen Haltung unserer Partner scheint mir so eine Aussicht nicht unwahrscheinlich zu sein.

Könnten Sie zum Schluss noch etwas über sich verraten?

Leider nein. Ich kann nur sagen, dass ich sowohl in und außerhalb von Griechenland gelebt und in politiknahen Bereichen gearbeitet habe und dass ich jünger als 30 Jahre bin (aber ich verrate nicht, ob einen Tag oder ein Jahrzehnt, haha).

Ist die Stimmung in Griechenland so schlecht, dass Sie Öffentlichkeit fürchten?

Zuallererst: Ich habe nie erwartet, dass meine Berichte über die griechische Krise so schnell eine solche Zugkraft bekommen. "The Greek Analyst" wurde vor allem als Spaß-Projekt geschaffen. Anonym zu arbeiten hat zwei Vorteile: Ich muss den Tonfall meiner Kommentare nicht drosseln, ich kann die Dinge so sagen, wie ich sie sehe, ich kann mich auch ein bisschen lustig machen - natürlich ohne Leute zu beleidigen. Der zweite Vorteil: Meine Anonymität erlaubt mir, mich vor bösartigen Angriffen in der Twitter-Sphäre zu schützen. Die Stimmung dort ist nämlich - wie in der griechischen Öffentlichkeit - ziemlich unangenehm geworden. Wer auch nur mit dem kleinsten Vorhaben der jetzigen Regierung nicht einverstanden ist, wird als neoliberal beschimpft, als Faschist oder sogar als deutscher Kollaborateur. Ein solches Drama will ich vermeiden.

Ich will noch betonen, dass sich hinter mir keine besonderen Interessen verstecken (solche Vorwürfe sind der Nachteil der Anonymität). Manche Leute können das nicht glauben, weil ich kurz vor der Wahl so nebenbei im Internet aufgetaucht bin, aber natürlich hoffe ich, dass meine Follower das erkennen. Im Moment ist der "Greek Analyst" eine Ein-Mann-Veranstaltung, und in der nahen Zukunft soll das auch so bleiben.

Was wünschen Sie sich für Griechenlands Zukunft?

Wenn man bedenkt, wie stark die Unterstützung für Syriza in Griechenland ist, dann hat die Partei die einmalige Gelegenheit, zu schaffen, was keine andere griechische Regierung machen konnte: die dringend benötigten progressiven Strukturreformen umzusetzen: eine offenere Wirtschaft (was für die Griechen und für ausländische Investoren gut wäre), ein verantwortungsvolles politisches System und eine faire und respektvolle Gesellschaft. Tsipras darf nicht den extremen Stimmen in seiner Partei folgen, er muss den Nutzen der Gesellschaft über seine politischen Ambitionen stellen. Das ist seine Pflicht vor dem griechischen Volk. Wertvolle Zeit ist verstrichen, aber noch ist Zeit, das Blatt zu wenden.

Fragen und Übersetzung: Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen