Freitag, 09. Oktober 2009
Gerüchte als Fakten verwendet: Wirbel um Köhler-Rede in Leipzig
In seiner Rede zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig soll Bundespräsident Horst Köhler teils falsche historische Details genannt haben.
(Foto: REUTERS)
"Sollte sich herausstellen, dass uns ein Fehler unterlaufen ist, so würden wir das sehr bedauern", sagte Sprecher Martin Kothé und kündigte eine Prüfung an. Bei Zeitzeugen und Historikern stieß vor allem folgende Passage der Rede auf Widerspruch: "Zeugenaussagen und Dokumente belegen: (...) Vor der Stadt standen Panzer (...) und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt."
Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) teilte mit, diese Darstellung zur Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 sei nicht korrekt. Nach Recherchen des MDR gab es weder Panzer vor der Stadt noch seien Blutplasma oder Leichensäcke bereitgestellt worden. Der Bundespräsident habe seine Angaben wahrscheinlich aus einem bekannten Buch, das teils falsche Fakten nenne, sagte der Leiter der Feature-Redaktion beim MDR-Hörfunk, Ulf Köhler. Seine Redaktion hat die Befehls-Akten der DDR-Machthaber aus dem Herbst 1989 studiert. Bundespräsidialamts-Sprecher Kothé betonte: "Selbstverständlich werden wir die Angaben nochmals überprüfen."
Gerüchte, keine Fakten
Ein bekannter Protagonist der damaligen Zeit und Zeitzeuge, der aus Rücksicht auf den Bundespräsidenten ungenannt bleiben möchte, sagte, die kritisierten Angaben Köhlers seien Gerüchte und keine Fakten. "Derartige Gerüchte haben damals am 9. Oktober in der Stadt die Runde gemacht und versetzten viele in Angst. Die SED wollte die Leute so einschüchtern, dass sie nicht zur Demonstration kommen."
Allerdings seien zwölf Schützenpanzer der Polizei in der Stadt gewesen. "Fest steht, dass die Kliniken sich auf Schussverletzungen vorbereitet haben. Es gibt aber niemanden, der sagt "Ich habe Blutplasma gesehen"." Zur Passage in Köhlers Rede, Leichensäcke seien bereit gehalten worden, sagte der Zeitzeuge: "Das Wort Leichensäcke habe ich im Zusammenhang mit dem 9. Oktober 1989 heute zum ersten Mal gehört."
dpa
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