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Der Türkei könnte gelingen, was kaum einer geglaubt hatte: die Integration von rund drei Millionen Kriegsflüchtlingen aus Syrien.
Der Türkei könnte gelingen, was kaum einer geglaubt hatte: die Integration von rund drei Millionen Kriegsflüchtlingen aus Syrien.(Foto: REUTERS)

Flüchtlingsdeal könnte scheitern: Wollen Syrer überhaupt noch nach Europa?

Von Issio Ehrich, Istanbul

Präsidialsystem, Todesstrafe - EU und Türkei entfremden sich rasant. Und so könnte der viel gelobte Flüchtlingsdeal am Ende doch scheitern. Allerdings wären die Folgen vermutlich überschaubarer als viele erwarten.

Auch im Geschäft mit Flüchtlingen schwankt die Konjunktur. Vor einem Gemischtwarenhandel im Istanbuler Viertel Aksaray hingen im Jahr 2015 ein dutzend Schwimmwesten. Es gab eine rote Ausführung, die angeblich von Yamaha sein sollte. Und es gab eine günstigere orangefarbene Version. Knapp zwei Jahre später hängen an derselben Stelle nur noch zwei Westen. Die billigen.

Ein paar Westen sind noch im Angebot. Samir besucht allerdings nur seinen Cousin.
Ein paar Westen sind noch im Angebot. Samir besucht allerdings nur seinen Cousin.

Seit dem Flüchtlingsdeal, den die EU mit der Türkei geschlossen hat, machen sich kaum noch Flüchtlinge auf den Weg nach Europa. Aber bleibt das auch so?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in einem umstrittenen Referendum den Weg für ein Präsidialsystem geebnet, das europäischen Standards kaum genügt. Noch in der Nacht seines Triumphes kündigte er an, nun die Wiedereinführung der Todesstrafe anzugehen. Und die nächste Stufe der Eskalation ist womöglich nicht weit. Was, wenn sich der Flüchtlings-Deal einfach nicht mehr vertreten lässt? Warten die Menschen in Istanbul und im Rest des Landes, womöglich nur darauf?

Auf einem Hocker neben dem Gemischtwarenhandel sitzt Samir. Der 36-Jährige Syrer ist vor einem Jahr aus Damaskus geflohen. Aber er ist nicht hier, um eine Weste zu kaufen. Er besucht seinen Cousin Osama, der hier arbeitet.

Samir dreht die Handflächen gen Himmel und kneift die Augen zusammen. "Mir fällt nichts ein", antwortet er auf die Frage, ob es ihm hier in Istanbul an irgendetwas fehle. Er arbeite in einem Copy-Shop, erzählt er. Er müsse zehn Stunden am Tag da sein, aber sein Chef zahle den Mindestlohn und ein Gratisessen obendrauf. Samir denkt darüber nach, sich demnächst selbstständig zu machen. Er will wieder Taschen produzieren wie in Syrien. In den vergangenen Jahren eröffneten mehrere Tausend Flüchtlinge aus Syrien in der Türkei Geschäfte. "Wir sind auch krankenversichert, in Fatih gibt es sogar ein Krankenhaus nur für Syrer", sagt Samir. "Die türkische Regierung gibt uns, was wir brauchen."

Er steckt sich eine Zigarette an. "Ich hab' eine Frau und drei Kinder. Ich will kein Risiko eingehen." Man höre so vieles aus Europa: dass die Menschen dort keine Muslime mögen, dass Kinder dort schnell auf Abwege kommen. Die Kultur in Europa sei einfach völlig anders.

Gelingt in der Türkei, womit vor zwei Jahren niemand gerechnet hätte? Die Integration von mittlerweile rund drei Millionen Flüchtlingen aus Syrien?

300.000 Einbürgerungen

Nur eine kurze Taxi-Fahrt vom Gemischtwarenhandel entfernt lehnt sich Ibrahim, die Ellenbogen abgestützt, über seinen Schreibtisch. "Ich bin qualifiziert, kann Englisch und Türkisch, ich habe hier eine Zukunft", sagt der 23-Jährige. "Wenn ich jetzt nach Europa gehe, warte ich vielleicht ein Jahr darauf, bis ich Zugang zu Bildung bekomme und noch länger auf die Staatsbürgerschaft. Wenn ich die Zeit hier investiere, kann ich was erreichen." Tatsächlich hat Ibrahim schon einiges erreicht. Er hat bereits einen Studienabschluss und ist nun Manager eines syrischen Bildungszentrums. "Die türkische Regierung hat vieles für uns auf den Weg gebracht", sagt er.

Ibrahim sagt, die türkische Regierung habe vieles auf den Weg gebracht.
Ibrahim sagt, die türkische Regierung habe vieles auf den Weg gebracht.

Ankara ist im Begriff, mehrere Zehntausend Syrer einzubürgern, längerfristiger sollen es bis zu 300.000 sein. Das ist ein bedeutsamer Schritt. Denn in der Türkei bekommen Schutzsuchende nicht wie in den Genfer-Flüchtlingskonventionen vereinbart einen Asylstatus. Sie sind nur als Gäste geduldet. Die Aussicht auf die Staatsbürgerschaft schafft Sicherheit.

Die türkische Regierung hat zudem für syrische Flüchtlinge die Universitäten geöffnet, es gibt Stipendien, die es auch jungen Leuten ohne viel Geld ermöglicht, voranzukommen. Noch sind es nicht viele, aber es gibt zumindest eine Perspektive für die Talentierten und Ehrgeizigen.

Zwar kritisiert Ibrahim, dass die türkische Regierung keine syrischen Schulen im Land mehr zulässt, sondern nur noch ergänzende Bildungszentren wie seines. Doch er bestätigt, dass auch der Versuch, die Schulbildung zu verbessern, vorankommt. Und letztlich kann es dem so wichtigen Spracherwerb nur nützen, wenn syrische Kinder bei türkischen Lehrern lernen und türkische Klassenkameraden haben. "Schon jetzt sind weniger Kinder auf der Straße", sagt Ibrahim.

Die türkische Regierung hat nach Angaben von Präsident Erdogan mehr als 25 Milliarden Euro in die Aufnahme syrischer Flüchtlinge gesteckt. Sechs Milliarden fließen wegen des EU-Türkei-Deals von Brüssel nach Ankara. Die Türkei leistet Gewaltiges – vor allem angesichts der schwächelnden Wirtschaft und politischen Unruhe im Land. Und so gibt es immer mehr Syrer im Land, denen es gut genug geht, um die Vorteile zu erkennen, die ein Leben in der Türkei für sie bietet. Neben der geografischen Nähe zur alten Heimat ist immer wieder von der kulturellen Nähe die Rede. Die Flucht nach Europa erscheint dann fast schon wie ein Glücksspiel.

Dass vielleicht gar nicht mehr so viele Flüchtlinge nach Europa drängen würden, wenn der EU-Türkei-Deal scheitert, dürfte aber nicht nur daran liegen, dass es bei der Integration vorangeht.

"Das kann ich mir nicht leisten"

Als würden sie sich durch Gestrüpp kämpfen, schieben die beiden Frauen Amir und seinen neun Jahre alten Sohn vom schmalen Bürgersteig. Als Amir, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, sich wieder daranmacht, Plastikflaschen und Pappschachteln vom Boden zu sammeln, sagt er: "Im Blick einiger Menschen ist Liebe, im Blick anderer Menschen ist Mitleid – und manchmal nur Hass."

Amir ist mit seiner Familie vor zwei Monaten aus Aleppo geflohen. Das, was er nach Jahren des Krieges noch an Geld hatte, ist für die Schmuggler draufgegangen. Seit Ankara an der Grenze zu Syrien eine Mauer gebaut hat, ist es schwer geworden, überhaupt ins Land zu kommen. "Die Welt ist schwarz geworden um mich herum", sagt Amir. "Ich bin 45 Jahre alt, hab eine Frau und fünf Kinder – und das ist meine Arbeit."

Früher war Amir Fahrer. Jetzt wühlt er sich tagtäglich durch Mülltonen und sammelt, was noch einen Wert hat. Drei Lira für zwei Kilo, sagt sein Sohn, der eigentlich in der Schule sein müsste. Das sind 75 Cent.

Kommt jemand mit Liebe oder Mitleid im Blick vorbei und drückt ihm ein paar Groschen in die Hand, gibt er sie wieder zurück. "Wir sind doch keine Bettler", sagt Amir. "Wir hatten alles, dann kam dieser Hurensohn und hat es zerstört." Mit Hurensohn meint Amir den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. "Ich würde gern nach Europa gehen", sagt Amir, "aber das kann ich mir nicht leisten."

Basel ist nicht zu stoppen

Zwar unternimmt die türkische Regierung auch etwas gegen die extreme Armut. Zunächst gab sie den knapp 300.000 Flüchtlingen, die sich in Camps aufhalten, Geldkarten für alltägliche Besorgungen, jetzt fängt sie an, diese auch an die Menschen zu verteilen, die außerhalb der Lager leben. Man könnte von der Grundsteinlegung eines Sozialhilfesystems für Flüchtlinge reden. Doch von der Summe auf den Karten kann man nun mal nur leichter überleben – sparen für einen Schmuggler, der einen nach Europa bringt, ist unmöglich. Hinzu kommt, dass Menschen wie Amir ihre Eigenständigkeit auch gar nicht aufgeben möchten.

Was für die völlig Mittellosen gilt, gilt auch für viele, denen es etwas besser geht. In der Theorie hat die türkische Regierung den legalen Arbeitsmarkt für Syrer geöffnet. Doch da die Regelung vorsieht, dass der Arbeitnehmer seine Kräfte anmelden muss, passiert das nur selten. Die türkische Wirtschaft hat derzeit kaum die Kapazitäten, alle Syrer in den legalen Arbeitsmarkt aufzunehmen. Arbeitgeber sparen sich deshalb die Anmeldung und zahlen weniger als den Stundenlohn.

Dass im Gemischtwarenladen in Aksaray trotz den ersten Erfolgen bei der Integration einerseits und der Armut andererseits noch Rettungswesten im Sortiment sind, liegt auch an Menschen wie Basel. Der 43-Jährige kommt gerade von seinem dritten Fluchtversuch zurück. Er sitzt niedergeschlagen in einem Fastfood-Lokal und scrolled durch die Fotosammlung auf seinem Handy. "Da ist es", sagt er. Zu sehen ist ein Schwarz-Weiß-Foto. Sommer, Basels Frau und eine Tochter liegen auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Gemacht hat das Bild sein Sohn.

Basel hat seine Familie schon Ende 2015 auf die Flucht geschickt. Sie konnten Syrien über den Libanon ohne Probleme in Richtung Türkei verlassen und von dort aus weiter nach Deutschland reisen. Er dagegen hätte eigentlich in die Armee gemusst. Er war auf Schlepper angewiesen, um unbemerkt aus Syrien herauszukommen. Das dauerte. Basel dachte sich, solange er es irgendwann in die Türkei schaffe, sei das kein Problem, schließlich gebe es den Familiennachzug. Er konnte nicht wissen, dass die Bundesrepublik ihn im Frühjahr 2016 aussetzen würde. Jetzt hat er es zwar in die Türkei geschafft, doch nun steckt er dort fest. Basel setzt alles daran, nach Deutschland zu kommen. Der Flüchtlingsdeal zwischen EU und Türkei spielte für ihn noch nie eine Rolle.

Quelle: n-tv.de

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