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In Diyarbakir bewarfen kurdische Demonstranten mit Steinen die Polizei, die Wasserwerfer einsetzte.
In Diyarbakir bewarfen kurdische Demonstranten mit Steinen die Polizei, die Wasserwerfer einsetzte.(Foto: REUTERS)

Bürgerkriegsähnliche Lage in Türkei: Zehntausende Menschen fliehen vor Gewalt

Im Südosten der Türkei brechen neue Kämpfe zwischen der Armee und kurdischen Rebellen aus. Panzer feuern Berichten zufolge auf die Stadt Cizre. In der Kurdenhochburg Diyarbakir kommt es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei.

Im Südosten der Türkei sind Medienberichten zufolge Zehntausende Menschen vor Kämpfen zwischen der Armee und kurdischen Rebellen geflohen. Sie verließen ihre Häuser im Altstadt-Bezirk Sur der Kurdenhochburg Diyarbakir, in dem seit drei Wochen eine Ausgangssperre gelte, meldete der Sender CNN Türk unter Berufung auf Angaben der Opposition. Auf Cizre an der Grenze zu Syrien eröffneten Militärpanzer von Hügeln aus das Feuer. Über der Stadt hing schwarzer Rauch, wie TV-Aufnahmen der Nachrichtenagentur Reuters zeigten.

Durch die Kämpfe wurden viele Gebäude beschädigt, wie hier Anfang Dezember in Silvan in der Provinz Diyarbakir.
Durch die Kämpfe wurden viele Gebäude beschädigt, wie hier Anfang Dezember in Silvan in der Provinz Diyarbakir.(Foto: REUTERS)

Nach Angaben der Kurden-Partei HDP wurden mindestens 23 Zivilisten getötet. In Silopi, das ebenfalls Schwerpunkt der Armeeoffensive gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK ist, wurde in einigen Stadtteilen der Strom abgestellt. In Diyarbakir gingen Bewohnern zufolge Lebensmittel und Wasser zur Neige.

Insgesamt seien binnen einer Woche 127 kurdische Extremisten getötet worden, teilte die Armee mit. Auch Soldaten kamen bei dem Einsatz ums Leben. Ferhat Encu von der HDP twitterte, dass die Leichen von Getöteten in Silopi wegen der dort geltenden Ausgangssperre in Häusern aufbewahrt würden. Die islamistische Kurden-Partei Hüda-Par teilte mit, Sicherheitskräfte würden in Häusern von Zivilisten gegen deren Willen Position beziehen und diese so zur Zielscheibe machen. Betroffen seien davon auch zwei Parteimitglieder.

Polizei löst Demonstration gewaltsam auf

Einer der Demonstranten wirft einen Tränengas-Kanister zurück auf Polizisten.
Einer der Demonstranten wirft einen Tränengas-Kanister zurück auf Polizisten.(Foto: REUTERS)

Zuvor hatte ein AFP-Fotograf von einem gewaltsamen Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten in Diyarbakir berichtet, die gegen die Ausgangssperre protestierten. Demnach hatten mehrere Tausend Demonstranten versucht, in den umkämpften Stadtteil Sur vorzudringen. Die Polizei riegelte ihn jedoch ab. Als einige Demonstranten Steine auf die Polizisten warfen, setzten die Beamten Tränengas und Wasserwerfer gegen die Protestierenden ein. Unter den Demonstranten waren auch mehrere Abgeordnete.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte ankündigt, die PKK-Kämpfer würden vernichtet. Die Kurden-Partei, die in der Türkei, der Europäischen Union und den USA als terroristische Organisation gilt, kämpft seit drei Jahrzehnten für mehr Autonomie. Vor zwei Jahren einigte sie sich mit der türkischen Regierung auf einen Waffenstillstand. Nachdem bei der Wahl im Juni die pro-kurdische HDP ins Parlament eingezogen war und die AK-Partei von Erdogan die absolute Mehrheit verloren hatte, ging die Armee wieder gewaltsam gegen die PKK vor. Daraufhin erklärte die PKK, sie halte sich auch nicht mehr an den Waffenstillstand.

Zwei Tote bei Schießerei in Istanbul

In der westlich gelegenen Bosporus-Metropole Istanbul gab es derweil bei einer Schießerei zwischen mutmaßlichen Militanten und Sondereinsatzkräften der Polizei zwei Tote. Es habe sich um "Terroristinnen" gehandelt, berichtete die Nachrichtenagentur DHA, ohne weitere Angaben zur Identität der Toten zu machen. Der Anti-Terror-Einsatz sei gegen einen mutmaßlichen Unterschlupf von militanten Kämpfern im Viertel Gaziosmanpasa gerichtet gewesen. Demnach schossen zwei Frauen in einer Wohnung auf die eintreffenden Polizisten, die das Feuer erwiderten. Bei der Schießerei wurden dem Bericht zufolge die beiden Frauen getötet und vier Beamte leicht verletzt.

Später teilte die Sozialistische Partei der Unterdrückten (ESP) mit, die beiden Frauen hätten der kleinen linksextremen Partei angehört. Die beiden "Revolutionärinnen" seien von der Polizei "umgebracht" worden, erklärte die ESP auf ihrer Internetseite.

Der Einsatz galt dem Bericht von DHA zufolge mutmaßlichen Hintermännern eines Anschlags in Istanbul vom 1. Dezember. Damals war bei einer Bombenexplosion im Stadtteil Bayrampasa ein Mensch leicht verletzt worden. Die Polizei geht davon aus, dass die Einsatzpolizei Ziel des Anschlags war. Ein Bekennerschreiben gibt es nicht.

In Gaziosmanpasa waren Sicherheitskräfte in der Vergangenheit sowohl gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK als auch gegen die Terrormiliz IS vorgegangen. Das Viertel gilt vor allem als Hochburg von PKK-Anhängern. Die Behörden vermuten, dass dort auch militanten Kämpfern Schutz gewährt wird.

Quelle: n-tv.de

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