Politik
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Donnerstag, 06. September 2012

Beschneidung in Berlin straffrei: Zentralrat der Juden unzufrieden

Der Streit schwelt weiter. Auch wenn Beschneidungen in Berlin vorerst straffrei bleiben, fordert der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Kramer, deutlich mehr. "Die konkrete Zwischenlösung hilft uns nicht weiter". Beschneidern drohten möglicherweise Ermittlungsverfahren.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hält die vom Land Berlin duldet Beschneidung für Ärzte, die Antworten zur Beschneidung vornehmen, nicht für ausreichend. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, begrüßte den Schritt zwar als Signal zugunsten der Religionsfreiheit. "Aber die konkrete Zwischenlösung hilft uns nicht weiter", sagte er der "Frankfurter Rundschau".

Die jüdischen Beschneider könnten damit zwar solche Eingriffe vornehmen, müssten sich aber im Anschluss einer Einzelfallprüfung und möglicherweise einem Ermittlungsverfahren unterziehen. "Ich frage mich also, worin für uns die Verbesserung liegt", sagte Kramer.

Knobloch entsetzt

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, kritisierte die Debatte um die Beschneidung scharf und sieht die jüdische Existenz in der Bundesrepublik infrage  gestellt. "Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Land uns noch haben will", schrieb Knobloch in der "Süddeutschen Zeitung". Es sei eine Situation, "wie wir sie seit  1945 hierzulande nicht erlebt haben."

Sie frage sich, "ob die unzähligen Besserwisser aus Medizin, Rechtswissenschaft, Psychologie oder Politik, die ungehemmt über 'Kinderquälerei' und 'Traumata' schwadronieren, sich überhaupt darüber im Klaren sind, dass sie damit nebenbei die ohnedies verschwindend kleine jüdische Existenz in Deutschland infrage stellen", kritisierte die Präsidentin der israelitischen Gemeinde München die derzeitige Debatte. Die Beschneidung sei "Kern der jüdischen Identität".

Seit sechs Jahrzehnten müsse sie sich rechtfertigen, weil sie in Deutschland geblieben sei, schrieb Knobloch weiter. Sie habe diese Last "immer gerne getragen, weil ich der festen Überzeugung war, dass es dieses Land und seine Menschen verdient haben." Erstmals gerieten nun ihre Grundfesten ins Wanken. "Erstmals spüre ich Resignation in mir", räumte sie ein. Sie fordere "Respekt und ein Mindestmaß an Empathie." "Das sollte doch drin sein für die Juden in Deutschland", schrieb Knobloch. Anders als im Islam sei die Beschneidung im Judentum konstitutiv und Kern der jüdischen Identität.

Hintergrund der Debatte ist ein Urteil des Landgerichts Köln, das Ende Juni eine religiös motivierte Beschneidung für rechtswidrig erklärt hatte. Der Bund plant nun einen Gesetzentwurf, nach dem medizinisch fachgerechte Beschneidungen von Jungen weiter zulässig sind.

Quelle: n-tv.de

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