Politik
Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel nimmt Glückwünsche einer Besucherin im Konrad-Adenauer-Haus entgegen.
Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel nimmt Glückwünsche einer Besucherin im Konrad-Adenauer-Haus entgegen.(Foto: dpa)

Parteireform der CDU: "Zonenwachtel" Merkel umgarnt Zuwanderer

Von Franziska Klaren

Die CDU nimmt ihre Parteireform in Angriff und lädt über 500 Zuwanderer in ihre Zentrale. Die Vorsitzende Angela Merkel macht ihren Gästen mit Migrationshintergrund Mut. Doch der Weg zu mehr Vielfalt ist noch lang.

Integrationskonferenz im Konrad-Adenauer-Haus - plötzlich sind alle Zuwanderer. Die Kanzlerin erinnert sich mit ihren Gästen an die Zeit, als sie selbst in die Bundesrepublik kam. Nach dem Mauerfall, damals noch als Doktorandin der physikalischen Chemie. Immer wieder seien ihr ihre Mitmenschen mit Skepsis entgegen getreten: "Nach dem Motto: Na, hat die aus dem Osten das auch wirklich verstanden?" Einmal sei sie sogar als "Zonenwachtel" beschimpft worden. Am Rednerpult lacht sie nun selbst darüber, doch wichtig ist ihr dies: "Man darf sich auf seinem Weg von kleinen Widrigkeiten nicht abbringen lassen."

Auch Generalsekretär Tauber hat eine kleine "Zuwanderungsgeschichte".
Auch Generalsekretär Tauber hat eine kleine "Zuwanderungsgeschichte".(Foto: © Tobias Koch / www.tobiaskoch.net)

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat auch seine eigene kleine "Zuwanderungsgeschichte" parat. Der Hesse will zeigen, dass er wisse, wie es ist, sich als Neuling zu fühlen. Seine Reise ging ja vor nicht allzu langer Zeit von der hessischen Provinzstadt Gelnhausen in die große Hauptstadt-Politik.

Es ist der Versuch zwischen den deutschen Erste-Reihe-Politikern der CDU eine Brücke zu den Zuwanderern in der Union und in der Gesellschaft zu schlagen. Doch der Vergleich hinkt gewaltig: Der Weg eines Doktoren-Sohnes von Gelnhausen nach Berlin ist wohl kaum zu vergleichen mit dem, den manche Zuwanderer und ihre Eltern auf sich genommen haben. Und auch die Erfahrungen der Kanzlerin vor 25 Jahren stehen in keinem Verhältnis. Anfang der Neunziger spotteten manche über "Ossis" - Asylbewerberheime brannten.

"Jünger, bunter, weiblicher"

Die Anekdoten offenbaren: Die CDU muss im Umgang mit Migranten noch viel lernen. Aber immerhin: Auch die Christdemokraten haben mittlerweile die Zuwanderer für sich entdeckt.

Die Partei hat erkannt, dass die CDU nicht mehr die Vielfalt der Gesellschaft abbildet. Sie ist zu alt und eben auch zu "deutsch". Deshalb hat sich der junge Generalsekretär Tauber eine Parteireform auf die Fahnen geschrieben. Die CDU soll "jünger, bunter und weiblicher" werden. Letzte Woche durften erstmals die Lesben und Schwulen ihren Jahresempfang im Konrad-Adenauer-Haus abhalten. Und jetzt sind die Migranten da. Sie sollen sich willkommen fühlen, sich einbringen, in Parteigremien und als Parteimitglieder. Auch  beim Erstellen von Integrationsleitlinien für die CDU, denn die sollen auf dem Bundesparteitag Ende 2015 verabschiedet werden.

Die CDU-Vorsitzende hat sich für die Migranten mit oder oder ohne Parteibuch ein paar politisch korrekte Phrasen zurechtgelegt: Deutschland solle die Chancen der Zuwanderung stärker nutzen. Die Bundesrepublik habe die Möglichkeit, "ein tolles Integrationsland" zu sein. Und die Gesellschaft müsse Zuwanderung als Chance begreifen für jene, die kämen, und ebenso für jene, die schon da seien. Und sie bestätigt wieder einmal den bekannten Satz von Ex-Bundespräsident Christian Wullf: "Der Islam gehört inzwischen zu Deutschland."

Das kommt durchaus an bei den Gästen, keine Frage. Über 500 sind zur Integrationskonferenz ins Adenauerhaus gekommen. Der Andrang ist groß, die Stühle reichen nicht aus.

Selfies im Adenauerhaus

Die Gäste wirken stolz. Sie sind immerhin auf Einladung der CDU-Vorsitzenden aus der ganzen Republik angereist. Ständig zücken sie ihre die Handys, schießen Selfies. Gastgeberin Merkel begrüßen sie mit stehenden Ovationen. Doch den meisten Applaus erntet an diesem Tag eine, die die viel beschworenen Chancen als Migrantin in der Bundesrepublik bereits genutzt hat. Kein Wunder, ist sie doch die Einzige am Rednerpult, die diesen Weg authentisch verkörpert.

Cemile Giousouf ist die erste islamische CDU-Abgeordnete im Bundestag.
Cemile Giousouf ist die erste islamische CDU-Abgeordnete im Bundestag.(Foto: dpa)

Cemile Giousouf sitzt seit 2013 als erste islamische CDU-Abgeordnete im Bundestag. 1978 kam sie in Leverkusen zur Welt, ihre Familie entstammt der türkischen Minderheit in Griechenland. "Es ist ein Traum. Noch nie waren so viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte im Adenauerhaus", sagt sie zur Begrüßung und mit zittriger Stimme. Mit ihrer Geschichte macht sie ihren Zuhörern Mut. Deutschland sei vom Integrationsnachzügler zum Musterschüler der OECD geworden. Die Gäste nicken und unterbrechen Giousouf immer wieder mit Applaus, wenn sie Sätze sagt wie: "Über die ethnischen Grenzen hinweg brauchen wir ein neues Wir-Gefühl." Sie applaudieren auch als Giousouf, die auch Vorsitzende des CDU-Netzwerks für Integration ist,  Angela Merkel mutig einen Rüffel erteilt: "Es stimmt, Frau Merkel, wir wollen die gesellschaftliche Vielfalt in unserer Partei abbilden. Wir sind aber keine Migranten von Beruf." Giousouf stiehlt der CDU-Vorsitzenden die Show.

Die kleine Integrationskonferenz im Adenauerhaus ist ein Anfang, das sagt auch ein Jugendlicher türkischer Abstammung aus Schwerin. "Aber ich frage mich, wie es weiter geht", so Erturul Kayali. Der 20-Jährige hat so seine Erfahrungen gemacht mit dem Einwanderungsland Deutschland. Mit einem Fachabitur von 1,9 hat er keinen Ausbildungsplatz  gefunden. "Ich habe 30 Bewerbungen geschrieben und nur zwei Einladungen erhalten. Ein deutscher Mitabiturient hatte nur ein Abi von 2,8, aber mit sechs Bewerbungen fünf Gespräche."

Junge Menschen mit Mitgrationshintergrund wie Kayali will die CDU in Zukunft ansprechen. Doch sie hat noch einen langen Weg vor sich, das zeigt sich nicht zuletzt beim Essen: Serviert wurde Kartoffelsuppe - mit Schweineknackern oder Speckwürfeln.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen