Blick auf das Kernkraftwerk Tricastin.
Mittwoch, 09. Juli 2008
Uran-Unfall in Frankreich: Zu spät informiert
Greenpeace Klima-Experte Karsten Smid (Foto: GP)
Nach dem schweren Uran-Unfall in der südfranzösischen Atomanlage Tricastin sehen sich die Betreiberfirma und die französischen Behörden massiven Vorwürfe der Informationsverschleppung ausgesetzt. In der dortigen Urananreicherungsanlage ist es demnach bereits am Montagabend zu dem Störfall gekommen. Bei der Reinigung eines Kessels liefen etwas mehr als 6 Kubikmeter an hochgradig uranhaltigem Wasser aus. Die Uranlösung konnte nur deshalb in die angrenzenden Wasserläufe gelangen, weil das Rückhaltesystem der Anlage aufgrund von Wartungsarbeiten außer Betrieb war. "Eine Verkettung unglücklicher Umstände", kommentierte die Direktion von Tricastin.
Fakt ist, nach dem Unfall am Montagabend wurden die Behörden erst am Dienstagfrüh informiert. Nach stundenlangem Informationsfluss untersagte die Präfektur des Departements Vaucluse daraufhin in den drei Gemeinden Bollne, Lapalud und Lamotte-du-Rhne das Baden, Fischen sowie die Bewässerung der Felder. Überregional wurde das Ereignis erst am Abend, also einen Tag später bekannt. In der Zwischenzeit war schon sehr viel Wasser durch die kontaminierten Flüsschen Gaffire und Auzon geflossen.
Gefahr hin – Gefahr her
Gebetsmühlenartig wiederholen die Behörden, dass eine gesundheitliche Gefährdung der Bevölkerung nicht zu befürchten sei. Selbst wenn - wie ursprünglich befürchtet - größere Mengen der Uranlösung in die beiden Flussläufe gelangt wären, sollen sich diese rasch bis zur völligen Spurlosigkeit verdünnt haben.
Die Umweltschutzbewegung "Sortir du Nuclaire" bezeichnete es dagegen als "unmöglich", dass die Bevölkerung "durch diesen schwersten Uran-Unfall der letzten Jahre" nicht gefährdet sei. Wer die Uranpartikel einatmet oder durch den Verzehr verseuchter Fische aufnimmt, setzt sich laut den Atomgegnern einer erheblichen Krebsgefahr aus.
Eine Meinung, der sich die unabhängige Kommission für den Strahlenschutz (Criirad) nicht anschließt. Immerhin schätzten deren Experten anhand der vorliegenden Informationen, dass es in Tricastin zu einer radioaktiven Belastung der Umwelt gekommen ist, die bis zu 200 mal höher sei als die für das Gesamtjahr zulässige Obergrenze. Eine unmittelbare Gefährdung der Bevölkerung hält die Criirad trotzdem für unwahrscheinlich. Allerdings fordert sie von der Atomaufsichtsbehörde, durch Analysen auch weiterhin zu überprüfen, ob die Uranlösung nicht in das Grundwasser gelangt sein könnte.
Panne belegt Richtigkeit des Atomausstiegs
In Deutschland argumentiert das SPD-geführte Bundesumweltministerium ähnlich: Der Uran-Unfall sei ein Beleg für die Richtigkeit des Atomausstiegs. Der Vorfall zeige erneut, dass die Atomkraft eine Hoch-Risiko-Technologie sei, sagte ein Ministeriumssprecher in Berlin. Deutschland habe sich daher 1998 zum Atomausstieg entschlossen. Ungeachtet des Vorfalls bekräftigten hingegen führende Unions-Politiker ihre Forderung nach längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke.
Die Bundesregierung bemühe sich bei den französischen Stellen um Informationen, sagte ein Sprecher des Umweltministeriums. Weil der Vorfall keine grenzüberschreitende Auswirkungen gehabt habe, sei die Alarmkette nicht in Gang gesetzt worden.
Greenpeace errichtete in Frankreich symbolisch eine Mauer aus Fässern.
"Gefährliche Schlamperei"
Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW geht davon aus, dass die in mehrere Gewässer freigesetzte radioaktive, uranhaltige Flüssigkeit "leicht bioverfügbar" ist. Das bedeutet, dass das Uran und seine Zerfallsprodukte beispielsweise über die Trinkwassergewinnung, den Fischfang oder über die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen in die Nahrungskette des Menschen gelangen und von diesem aufgenommen werden können. Uran wird laut IPPNW im menschlichen Körper unter anderem in der Niere und in der Leber eingelagert. "Das Schwermetall stellt einerseits wegen seiner Toxizität eine Gefahr für die Gesundheit dar. Andererseits handelt es sich um einen Alpha-Strahler, der bei gleicher Energiedosis ein viel höheres zellschädigendes, das heißt. krebsauslösendes Potenzial hat als beispielsweise ein Gammastrahler", heißt es.
Das IPPNW beklagt, dass hinsichtlich der freigesetzten Uranmengen und der Abschätzung der Gefahr wie üblich in solchen Fällen mit gezielten Falschinformationen zu rechnen sei. Die Gefahr für die Bevölkerung sei insofern nicht abschätzbar. Der Uranunfall in der französischen Atomfabrik demonstriere, dass entgegen der offiziellen Darstellung von Regierungen und Atomindustrie, in Atomanlagen kaum ein höheres Sicherheitsniveau herrscht als in anderen Industrieanlagen. Gefährliche Schlampereien seien an der Tagesordnung.
"Zynische Argumentation"
Karsten Smid von der Umweltschutzorganisation Greenpeace sagte bei n-tv: "Es ist in hohem Maße bedenklich. Es seien riesige Mengen hoch radioaktiv verseuchtes Wasser ausgetreten und das ist für die lokale Bevölkerung dort eine ernstzunehmende Gefahr." Die Krebsanfälligkeit der Bevölkerung werde deutlich steigen. Als "unheimlich zynisch" bewertete Smid die Argumentation der französischen Behörden, die Menge radioaktiver Substanz werde sich schnell mit dem übrigen Wasser vermengen. "Wenn sich die Radioaktivität verteilt, dann sind nur noch mehr Menschen betroffen und sie haben Schwierigkeiten, die Strahlenbelastung dann statistisch nachzuweisen. Verringern wird das die Krebsgefahr keineswegs."
Kleiner Ausflug in die Theorie
Das so genannte Natur-Uran, das jetzt an die Umwelt abgegeben wurde, hat die unangenehme Eigenschaft, dass auf lange Sicht seine Gefährlichkeit zunimmt ein Effekt, der von den Behörden verschwiegen wird. Das Natur-Uran besteht aus den Isotopen U-234, U-235 und U-238. Diese sind langlebige Alphastrahler. Die Gesamtaktivität im so genannten abgereicherten Uran bleibt für etwa 10.000 Jahre konstant. Dann beginnen Thorium 230 und die restlichen Zerfallsprodukte der U-238-Reihe nachzuwachsen. Nach etwa 100.000 Jahren wächst die Aktivität des U-234, bis es das U-238 erreicht hat, wodurch auch Thorium-230 und dessen Zerfallsprodukte nachwachsen. Nach etwa 2 Millionen Jahren sind alle Nuklide im Gleichgewicht und die Gesamtaktivität erreicht ein Maximum, auf dem sie Milliarden von Jahren verbleibt. Auch mit dem restlichen Uran-235 beginnen in ähnlicher Weise Zerfallsprodukte nachzuwachsen.
Betreiber spielen Probleme herunter
Bisher wurde von den Betreibern argumentiert, dass es sich bei den Lagern mit abgereichertem Uran nur um eine Zwischenlagerung handelt. Sie spekulieren mit dem Anstieg des Uranpreises oder setzten auf neue Anreicherungstechnologien, den noch vorhandenen Rest an Uran-235 zu wirtschaftlichen Bedingungen nutzen zu können. Aber den Betreibern brennt das Problem immer stärker unter den Nägeln. In den USA hatten sich beispielweise bis Mitte der 90er Jahre bereits 600.000 Tonnen abgereichertes Uran in zehntausenden Stahlbehältern angesammelt. Die Behälter zeigen zunehmend Korrosionserscheinungen und müssen bereits verstärkt überwacht werden.
Dort wie auch in Frankreich stehen enorme finanzielle Aufwendungen für eine Eindämmung des Problems an. Ein Fakt, der bei der Kostenaufstellung für Kernenergie verdrängt wird. In Frankreich erhielt die Firma Cogma 1995 die Genehmigung, fast 200.000 Tonnen abgereicherten Urans auf dem Gelände eines ehemaligen Uranerz-Aufbereitungsbetriebes in Bessines-sur-Gartempe am Nordwestrand des Zentralmassivs einzulagern. Das Material stammt aus Tricastin.
Besonders perfide Randerscheinung
Die Verwendung Urans in Alltagsartikeln fand unwissentlich im 19. Jahrhundert hauptsächlich in den USA statt. Zumeist wurde es als Farbstoff in Glas und Keramik eingesetzt. Dies, so sollte man meinen, wäre jetzt unmöglich. Aber noch vor neun Jahren wurde in Frankreich Uran in gelbem Emaille-Pulver entdeckt. Dieses Uran stammte nachweislich aus aktueller Produktion. Der Skandal hatte seinerzeit hohe Welle geschlagen. Das Pulver mit einem Uran-Gehalt von 10 Prozent wurde an Kunsthandwerker zur Herstellung von Emaille-Schmuck ohne jeden Warnhinweis ausgeliefert. Handwerker wie auch Nutzer des Schmucks hatten sich nichtsahnend der gefährlichen Strahlung ausgesetzt. Die Firma, die das Emaille-Pulver herstellte, bezog das abgereicherte Uran dafür von Cogma. Nicht ganz zufällig lag die Pulverfima nicht weit entfernt vom Zwischenlager Bessines der Cogma.
Gewinnbringende Verbindungen
Der Standort Tricastin besteht aus mehreren Anlagen, darunter neben dem Kernkraftwerk die Urananreicherungsanlage Eurodif, in der der Störfall vom Dienstag auftrat. Eurodif (European Gaseous Diffusion Uranium Enrichment) ist eine Tochterfirma der französischen Cogma. Die Eurodif ist so groß, dass sie den meisten Strom (rund 75 Prozent) des Kernkraftwerks Tricastin verbraucht.
mit dpa, AP, Reuters
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