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Im Namen der Unabhängigkeit50 Jahre ETA-Terror

30.07.2009, 17:38 Uhr

"Es ist an der Zeit, den Laden dicht zu machen", so einer der Ideologen der baskischen ETA. Aber dazu ist die Untergrundorganisation nicht bereit. Seit ihrer Gründung vor 50 Jahren hat sie im Namen der Unabhängigkeit fast 850 Menschen getötet.

Vor wenigen Wochen fiel der spanischen Polizei ein internes Papier der ETA in die Hände. "Es ist an der Zeit, den Laden dicht zu machen", heißt es darin. Autor des brisanten Dokuments ist José María Matanzas, alias "Txema", einer der führenden Ideologen der baskischen Untergrundorganisation. Matanzas, 43 Jahre alt, sitzt seit 2007 im Gefängnis. Er galt bislang als Verfechter einer harten Linie. Nun fordert er aber das Ende des bewaffneten Kampfes. Doch dazu ist die ETA auch 50 Jahre nach ihrer Gründung nicht bereit.

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1973 wurde bei einem Anschlag Francos Regierungschef Luis Carrero Blanco getötet. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Organisation war am 31. Juli 1959 in Bilbao von einer Gruppe nationalistischer baskischer Studenten ins Leben gerufen worden, um gegen die Unterdrückung des Baskenlandes durch die Diktatur des Generals Francisco Franco (1939-1975) zu kämpfen. Sie gaben sich den Namen Euskadi Ta Askatasuna (Baskenland und Freiheit). Ihr Widerstand gegen das Regime brachte der Organisation damals bei der Linken im In- und Ausland noch größere Sympathien ein.

Morde während der Diktatur

Der erste Mord folgte am 7. Juni 1968: Bei San Sebastián wurde der Verkehrspolizist José Angel Pardines erschossen, als er ein verdächtiges Fahrzeug kontrollierte. Darin saßen die ETA-Mitglieder Txabi und Joseba Etxebarrieta. Sie töteten ihn mit einem Kopfschuss. Im selben Jahr verübte die ETA ihren ersten geplanten Mordanschlag. Das Opfer war der Polizeikommissar Melitón Manzanas, ein berüchtigter Folterer des Regimes. Er wurde am 2. August in Irún von mehreren Kugeln durchsiebt. Die spektakulärste Aktion während der Diktatur war aber die Ermordung von Francos Regierungschef Luis Carrero Blanco bei einem Bombenanschlag 1973 in Madrid.

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Auch nach dem Ende des Franco-Regimes riss der Terror bis heute nicht ab (Anschlag auf die Polizeistation in Burgos am 20. Juli 2009). (Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Franco-Staat ging brutal gegen die ETA vor, mehrere ihrer Mitglieder wurden zum Tode verurteilt. Doch auch nach dem Ende der Diktatur mordete die Organisation weiter. Die meisten Todesopfer gab es ausgerechnet im ersten Jahr nach Inkrafttreten des baskischen Autonomie-Statuts, das der nordspanischen Region eine weitgehende Eigenständigkeit garantiert: 98 ETA-Morde wurden 1980 gezählt. Längst hatte die Forderung nach einem unabhängigen Staat, bestehend aus den baskischen Gebieten in Nordspanien und Südfrankreich, den Kampf gegen die Diktatur verdrängt.

"Schmutziger Krieg" gegen den Terror

Die noch junge Demokratie erlebte damals aber auch einen "schmutzigen Krieg" gegen den Terror: Von 1983 bis 1987 machten die illegalen Antiterroristischen Befreiungsgruppen (GAL) nach dem Vorbild von Todesschwadronen und von staatlichen Stellen unterstützt Jagd auf die ETA. Etwa 30 Menschen wurden getötet, darunter auch Unbeteiligte. Dieses dunkle Kapitel dient der ETA noch heute als Rechtfertigung, Spanien als "Unterdrückerstaat" darzustellen, den es zu bekämpfen und aus dem Baskenland zu vertreiben gelte.

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Nach dem Tod des Polizisten Eduardo Puelles (19. Juni 2009) gingen die Menschen in Bilbao für den Frieden auf die Straße. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Namen dieser Unabhängigkeit hat die ETA bislang fast 850 Menschen getötet und Tausende verletzt. Rund 200 ihrer eigenen Leute kamen ebenfalls ums Leben. Schon lange gilt die ETA nicht mehr als Freiheitsbewegung sondern als Terror-Organisation - nach der Gewaltabkehr der IRA ist sie die letzte größere in Westeuropa. Unter ihren Opfern sind Militärs, Polizisten, Politiker, Journalisten und Richter: "Vergesellschaftlichung des Schmerzes" nennt die ETA dies euphemistisch in ihrem Jargon.

ETA fühlt sich "unbesiegbar"

In einer Erklärung zu ihrem Gründungstag prahlte die ETA kürzlich damit, "unbesiegbar" zu sein. Zugleich kündigte sie weitere Attentate an, um die Regierung zu neuen Verhandlungen zu zwingen. Doch die wird es nach dem Scheitern des letzten Friedensprozesses im Juni 2007 nicht mehr geben, wie Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero stets wiederholt. "Der Weg der ETA führt nur noch ins Gefängnis." Die Regierung sieht die Organisation so geschwächt wie lange nicht mehr - gleich viermal wurde ihre Führungsspitze in den vergangenen elf Monaten in Südfrankreich zerschlagen, rund 700 ihrer Mitglieder sitzen derzeit in Haft.

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ETA-Mitbegründer Julen Madariaga nach seiner Verhaftung im Jahr 2006. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Und im spanischen Baskenland, wo erstmals nicht die Nationalisten, sondern die Sozialisten regieren, kann sich die ETA auf keine politische Partei mehr stützen: Ihr politischer Arm Batasuna (Einheit) und die Nachfolgeparteien wurden verboten. Ohnehin tritt heute nur noch eine kleine Minderheit der Separatisten für den bewaffneten Kampf ein. Dies hat auch ETA-Ideologe Matanzas erkannt. "Von wegen unbesiegbar, das ist doch bloß Selbstbetrug!", schrieb er. Doch ETA-Mitbegründer Julen Madariaga, der 1959 in Bilbao dabei war und der Gewalt lange den Rücken gekehrt hat, glaubt nicht an ein Einlenken: "Dazu hat die ETA nicht den nötigen Mumm", sagte der heute 77-Jährige der Zeitung "El País".

Quelle: Jörg Vogelsänger, dpa