Freitag, 27. Juni 2008
Umstritten und unbeliebt: Browns Einjähriges
Umstritten in den eigenen Reihen, schlecht behandelt von der Opposition, abgewatscht durch Meinungsumfragen - dem britischen Premierminister Gordon Brown ist anlässlich seines einjährigen Dienstjubiläums vermutlich nicht zum Feiern zu Mute. Ganz anders war es am 27. Juni 2007, als er die Nachfolge von Tony Blair antrat. Alle waren voll des Lobs für die wirtschaftliche Kompetenz des ehemaligen Finanzministers und seine sachliche Art, die einen Politikwechsel in der Downing Street versprachen.
Zwei vereitelte Attentate in London und Glasgow in den ersten Tagen nach seinem Amtsantritt, verheerende Überschwemmungen im Sommer und diplomatische Verstimmungen mit Russland gaben Brown gleich in den ersten Wochen Gelegenheit, Autorität, Ruhe und Sicherheit unter Beweis zu stellen. Seine Landsleute dankten es ihm: Ende Juli ergab eine Umfrage eine Zustimmungsrate von 38 Prozent für seine Labour Party gegenüber 32 Prozent für die konservative Opposition.
Tories liegen wieder vor Regierungspartei
Knapp ein Jahr später ist der 57 Jahre alte Schotte zu einem der unbeliebtesten Premierminister der Nachkriegszeit geworden. Die konservativen Tories sind triumphierend an Labour vorbeigezogen und liegen in Umfragen jetzt mehr als 20 Prozentpunkte vor der Regierungspartei. Wären demnächst Wahlen, bekämen die Tories eine komfortable Mehrheit.
"Selbst die, die ihm nahe stehen, nennen es tragisch, was in diesen zwölf Monaten passiert ist", schreibt der Leitartikler der traditionell Labour-freundlichen Zeitung "Guardian", Jonathan Freedland. "Wenn man die aktuelle Lage betrachtet, ist er einfach nicht gut genug", urteilt er.
Nach allgemeiner Auffassung drehte sich der Wind Anfang Oktober, als Brown nach langwierigen Überlegungen beschloss, wegen sinkender Umfragewerte auf vorgezogene Neuwahlen zu verzichten. Seitdem bombardiert ihn Oppositionschef David Cameron von den Tories jeden Mittwoch in der traditionellen Fragestunde vor dem Parlament. Er wirft ihm Unentschlossenheit, mangelnde Autorität und fehlenden Mut vor. Brown macht in diesen Momenten keine gute Figur. Entweder er wird aggressiv, oder er fängt an zu stottern. "Er kann nicht kommunizieren, feuert seine Reden ab wie Maschinengewehrsalven und erreicht seine Zuhörer überhaupt nicht", bedauert der "Guardian".
Seinem Ruf selbst geschadet
Browns Ansehen wurde auch in Mitleidenschaft gezogen durch die ungünstige konjunkturelle Entwicklung, die internationale Finanzkrise, den drastischen Anstieg des Ölpreises und den Beginn eines Umschwungs auf dem Immobilienmarkt. Aber "der Premier war oft selbst sein ärgster Feind", stellt Philip Stephens in der "Financial Times" fest. Das Fiasko bei der Northern Rock, Großbritanniens fünftgrößter Hypothekenbank, eine verpfuschte Steuerreform, schlampiger Umgang mit geheimen Daten und Dokumenten, auch sein Zuspätkommen bei der offiziellen Unterzeichnung des EU-Reformvertrags in Lissabon - all' dies hat seinem Ruf erheblich geschadet.
Und bei den Kommunalwahlen Anfang Mai verzeichnete die Labour Party ihre schlimmste Niederlage seit 40 Jahren. Dafür wurde auch innerhalb der Partei vor allem Brown verantwortlich gemacht. Die wichtigsten Kabinettsmitglieder loben zwar weiterhin seine Ernsthaftigkeit, seine moralische Unbescholtenheit, seinen echten Reformwillen. Zeitungsberichten zufolge fragen sich aber bereits viele Labour-Abgeordnete, ob der Premierminister in der Lage ist, die nächsten Parlamentswahlen zu gewinnen, die spätestens im Mai 2010 stattfinden. "Die Frage ist nicht mehr, ob er vorher gehen wird, sondern eher wann und wie", sagt John Rentoul im "Independent" voraus.
Ironie der Geschichte: Sein zweites Jahr im Amt wird Brown vermutlich mit einer weiteren Niederlage einleiten. Bei einer Nachwahl, die indirekt durch den Sieg des konservativen Bürgermeisterkandidaten Boris Johnson über den Labour-Politiker Ken Livingstone in London erforderlich wurde, hat der Labour-Kandidat angesichts einer traditionell konservativen Wählerschaft keine Chance. So wird es wieder Anlass geben, an Browns Stuhl zu sägen.
Von Eric Thomas, AFP
