Freitag, 31. Oktober 2008
Der Beigeschmack des Scheiterns: Bushs Abschied
Dunkle Wolken sind über dem Weißen Haus aufgezogen, finstere Krisenstimmung hat die Nation befallen. George W. Bush, der Unerschütterliche und Unverbesserliche, sieht trotzig dem Ende seiner Macht entgegen. Im Ausland verhöhnt und daheim selbst von der eigenen Partei geschnitten, lässt der US-Präsident keine Reue erkennen. Längst hat der einsame Mann im Weißen Haus seinen Blick in die ferne Zukunft gerichtet, in der Historiker seine Leistungen milder bewerten mögen als es seine Zeitgenossen tun. Selbst alte Weggefährten haben sich inzwischen abgewandt. Unter dem Stigma des Scheiterns bereitet sich Bush auf die Heimkehr nach Texas vor. Seinem Nachfolger hinterlässt er ein schweres Erbe.
Zwei Jahrhundertkatastrophen rahmen die achtjährige Ära des George W. Bush ein, an ihnen wird sich das Urteil der Nachwelt bemessen. Im schwarzen September 2001 sieht sich Bush durch die Flugzeuganschläge von New York und Washington zu gewaltsamer Gegenwehr herausgefordert. Im schwarzen September 2008 legt das Beben an der Wall Street die Finanzarchitektur der Welt in Trümmer. Dazwischen liegen zwei unvollendete Kriege im Irak und in Afghanistan, die Errichtung des Lagers Guantanamo und die Schandbilder von Abu Ghraib, das skandalöse Versagen der Regierung bei Hurrikan "Katrina", die weltweite Dämonisierung der USA, der dramatische Ansehensverlust ihres Präsidenten.
Katastrophaler Mangel an Kompetenz
Berauscht vom Glauben an die Freiheitsidee amerikanischer Ausprägung, die Demokratie ebenso einschließt wie ungehindertes Erwerbsstreben, hatte sich Bush zu Beginn seiner Amtszeit daran gemacht, die Welt zu verändern. Mit der Invasion im Irak 2003, dem Sturz von Saddam Hussein und der Installation einer vorbildhaften Demokratie inmitten der Despotie des Nahen Ostens wollte er die universelle Überlegenheit der amerikanischen Gründerwerte demonstrieren. Selbst Gegner billigem ihm zu, dass er sich dabei vom echten Glauben an eine bessere Welt leiten ließ. Freunde bescheinigen ihm inzwischen, dass er sich dabei eines katastrophalen Mangels an Kompetenz schuldig machte.
Man muss einige Jahrzehnte in die Geschichte zurückblicken, um US-Präsidenten zu finden, die ihre Glaubwürdigkeit ähnlich blamabel verspielt haben. Richard Nixon und die Watergate-Affäre, Lyndon B. Johnson und das Vietnam-Desaster: Dies ist die Kategorie von Präsidenten, in die Bush bis auf weiteres eingeordnet werden wird - wobei seine Beliebtsheitswerte jene von Nixon und Johnson noch unterschreiten. Drei Viertel der US-Bürger lehnen ihn inzwischen ab, für den republikanischen Nachfolgekandidaten John McCain ist er eine schwere Bürde.
Neue Verunsicherung
Bushs Amerika ist ein Land, in dem alte Gewissheiten neuer Verunsicherung gewichen sind. Nach dem Platzen der Immobilienblase verlieren Millionen Familien ihre Häuser. Inzwischen kann sich jeder sechste Bürger keine Krankenversicherung leisten, die Einkommen der Arbeitnehmer stagnieren seit Jahren. Wegen steigender Preise kommen viele Menschen nur noch mit zwei Jobs über die Runden, Lebensmittelmarken vom Sozialamt erleben eine Renaissance: Jeder zehnte Einwohner bezieht sie inzwischen. Der Staatshaushalt, der bei Bushs Amtsantritt noch einen Überschuss verzeichnete, lag im soeben abgelaufenen Haushaltjahr 2007/2008 mit 455 Milliarden Dollar im Minus.
Was die verbliebenen Bush-Anhänger an ihrem Präsidenten hervorheben, ist seine Prinzipienfestigkeit. Seine ans Sture grenzende Standhaftigkeit forderte freilich ihren Zoll. Die militärische Strategie im Irak etwa änderte Bush erst, als das Land 2006 in blutigem Chaos versank. "Ich glaube, man wird mich später im Rückblick als einen Menschen sehen, der mit schwierigen Dingen zu tun hatte und sich ihnen stellte, ohne zurückzuschrecken", sagte Bush im vergangenen Jahr. "Bevor die Historiker ihr Urteil über meine Regierung gefällt haben, werde ich wohl tot sein. Es dauert eben eine Weile, bis die wahre Geschichte einer Regierung klar wird.
Peter Wütherich, AFP