Stolz und SorgeDas "Jobwunder" ist labil

Alle staunen über das "deutsche Jobwunder": Selbst die USA prüfen, ob sie das Konzept zur Rettung von Arbeitsplätzen kopieren sollen. Doch es steht auf wackligen Füßen.
Es war ein Jahresabschluss nach Maß: Mit einem ungewöhnlich moderaten Anstieg der Arbeitslosenzahlen im Dezember 2009 verblüffte die Bundesagentur für Arbeit (BA) wieder mal vor allem sich selbst. Frühere Krisenszenarien von BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise für das Jahresende 2009 haben sich längst in Luft aufgelöst. Und auch bei der Jahresprognose für 2009 hat sich die Bundesagentur fast um 300.000 Arbeitslose verschätzt: Statt der befürchteten 3,7 Millionen waren im Jahresdurchschnitt "nur" 3,423 Millionen Menschen als arbeitslos registriert. Im Dezember war die Zahl der Jobsucher lediglich um 60.000 auf 3,276 gestiegen - und damit um kaum mehr als in den drei zurückliegenden Boomjahren.
Schon macht im In- und Ausland das Wort vom "deutschen Jobwunder" die Rede; selbst die USA prüfen, ob sie das deutsche Konzept zur Rettung von Arbeitsplätzen nach der Finanzkrise kopieren sollen. In den Stolz der BA-Führung über das international gerühmte Erfolgsmodell mischt sich derweil aber die Sorge, die Hoffnungen auf einen weiterhin stabilen Arbeitsmarkt inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten könnten wie eine Börsenblase platzen. Denn eines ist auch für die Bundesagentur klar: Das "deutsche Jobwunder" steht auf tönernen Füßen. Nur die extreme Flexibilität von Firmenchefs und Beschäftigten sowie rund fünf Milliarden Euro der BA für Kurzarbeit haben bislang die Jobkrise verhindert.
Geringe Produktivität
So sind nach Angaben von BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt im Jahr 2009 im Rahmen der Krisenbekämpfung rund 1,5 Milliarden Arbeitsstunden in Deutschland weniger geleistet worden - zumeist ohne Lohnausgleich. Im Schnitt habe jeder sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 50 Stunden weniger gearbeitet als noch im Jahr zuvor. Es wurden Arbeitszeitkonten geplündert, Vollzeit- in Teilzeitjobs umgewandelt oder Kurzarbeit angeordnet. "Wenn man dieses nicht erbrachte Arbeitsvolumen in Vollzeitstellen umwandeln würde, entspräche dies einem Verlust von rund einer Million Arbeitsplätzen", rechnete Alt vor. Die Folge: Die Produktivität der deutschen Firmen ist derzeit so gering wie schon lang nicht mehr.
Neben Volkswirten deutscher Großbanken rätselt inzwischen auch BA-Chef Weise, "wie lange dieser Produktivitätspuffer noch halten wird". Spätestens gegen Ende 2010 werden Firmen, die derzeit in der Hoffnung auf einen baldigen Aufschwung an ihrer eingespielten Belegschaft festhalten, seiner Ansicht nach um "strukturelle Anpassungen" nicht herumkommen. "Das wird dann auch zu höherer Arbeitslosigkeit führen", schätzt er. Nach aktuellen BA-Prognosen wird die Zahl der Kurzarbeiter im Laufe dieses Jahres von derzeit einer Million auf 600.000 sinken. "Ein Teil der früheren Kurzarbeiter wird wohl in die Arbeitslosigkeit gehen", befürchtet Weise.
Viele von ihnen werden nach BA-Einschätzung möglicherweise bei der Jobsuche einen langen Atem brauchen. Denn auch nach dem Wiederanspringen der Konjunktur Ende 2010 dürfte es nach Weises Ansicht noch etliche Monate dauern, bis der Jobmarkt wieder auf Touren kommt. "Viele Firmen werden erst einmal Kurzarbeit beenden, die Arbeitszeitkonten auffüllen, Überstunden fahren und Zeitarbeiter beschäftigen." Erst wenn alle diese Mittel nicht ausreichten, um die vollen Auftragsbücher abzuarbeiten, würden die Unternehmen neue Jobs für Festangestellte schaffen. Manche Jobs werde es nach der Krise gar nicht mehr geben. Jedenfalls sei kaum vor 2013 mit einem robusten Aufschwung am Arbeitsmarkt zu rechnen, schätzt er.