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Freitag, 11. Juli 2008

Kernkraft und Erneuerbare: "Das Kostenargument zieht nicht"

Manfred Fischedick ist Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Manfred Fischedick ist Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Kernenergie ist durchaus klimafreundlich, sagt Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Die Frage sei nur, ob man dies "mit den Risiken erkaufen will, die mit der Kernenergie verbunden sind". Letztlich sei Kernkraft eine Frage der Bewertung. "Bewerte ich eine potenziell positive Rolle für den Klimaschutz höher als die Risiken? Sehe ich hinreichend Alternativen zur Kernenergie, mit denen ich Klimaschutz genauso schnell, aber mit geringeren Risiken umsetzen kann?" Mit dem Rechenschieber könne das nicht entschieden werden.

n-tv.de: Im Streit um Kernenergie ist Klimaschutz mittlerweile ein zentrales Argument. Das Bundesumweltministerium sagt, Atomenergie schneide "gegenüber anderen Formen der Energieerzeugung beim Klimaschutz oft schlechter ab", das Bundeswirtschaftsministerium hält dagegen, die "Erzeugung von Energie aus Uran beim Betrieb von Kernkraftwerken" sei "praktisch CO2 frei". Wer hat Recht?

Manfred Fischedick: Wenn man nur die Klimaschutzbilanz der Kraftwerke ansieht, dann ist es in der Tat so, dass Kernkraftwerke nahezu CO2-neutral arbeiten. Diesbezüglich gibt es auch keinen Streit. Eine aktuelle umfassende Literaturanalyse zeigt: je nach Quelle weisen die vorliegenden Life-Cycle-Analysen Treibhausgasemissionen zwischen 1,4 und 134 g CO2e/kWh auf, für Europa/Deutschland liegen die Zahlen zwischen 20 und 34 CO2e/kWh. Dies ist um den Faktor 20 weniger als in modernen Kohlekraftwerken. Neben diesen spezifischen Größen kommt es allerdings darauf an, wie man die Notwendigkeit von Kernenergie für eine klimaverträgliche Energieversorgung bewertet. Da haben Umwelt- und Wirtschaftsministerium unterschiedliche Auffassungen.

Das BMU argumentiert, Atomenergie schneide dann schlechter ab, wenn "auch die Förderung der Rohstoffe, der Transport, Bau und Unterhalt eines Atomkraftwerks, die Verteilung des Stroms, vor allem aber die erforderliche zusätzliche Wärmeerzeugung berücksichtigt" werden.

Im Verhältnis zum klassischen Kohlekraftwerk stößt ein Kernkraftwerk in der Netto-Bilanz dennoch ungefähr 95 Prozent weniger Kohlendioxid-Emissionen aus.

Dann ist das Argument richtig, dass Kernkraft zum Klimaschutz beitragen kann?

Im Prinzip ja - die Frage ist nur, ob man diesen Beitrag mit den Risiken erkaufen will, die mit der Kernenergie verbunden sind. Da muss man abwägen: Welche Alternativen hat man zur Kernenergie? Und ist man in der Lage und willens, diese Alternativen rechtzeitig und dem notwendigen Nachdruck zu entwickeln?

Ein weiteres Argument ist der Preis. Warum ist Atomstrom so billig?

Dass Kernenergie für billigen Strom sorgt, ist ein Vorurteil. Richtig ist, dass die bestehenden Kernkraftwerke relativ günstig Strom erzeugen können. Bei Kernkraftwerken ist zwar die Anfangsinvestition hoch. Die später anfallenden so genannten variablen Kosten des Kernkraftwerks sind aber relativ gering. Bei neuen Kraftwerken ist allerdings sehr umstritten, wie kostengünstig diese tatsächlich Strom erzeugen können. Nehmen Sie die finnische Anlage Olkiluoto 3, so ist zu erwarten, dass sie schlussendlich bis das Doppelte kosten könnte als ursprünglich geplant. Dies ist unter anderem auf notwendige Nachbesserungen in den Sicherheitseinrichtungen zurückzuführen.

Wer trägt diese Kosten - der Staat oder die Betreiber?

Für die finnische Anlage wurden Sonderkonditionen vom Hersteller eingeräumt, was vor allem daran liegt, dass bis dahin in Europa lange keine Kernkraftwerke mehr gebaut worden sind. Bei weiteren Neubauten blieben die Gesamtkosten und auch etwaige Mehrkosten - die sich auch aus einer verzögerten Inbetriebnahme aufgrund von Akzeptanzschwierigkeiten ergeben könnten - jedoch maßgeblich beim Betreiber, womit hohe Risiken verbunden sind.

Der finnische Staat hat nichts dazugegeben?

Es ist ein insgesamt ungewöhnliches und zugleich komplexes Konstrukt. Frankreich hat sich mit einem Exportkredit in Höhe von 610 Millionen Euro beteiligt, 25 Prozent brachte die finnische Betreibergesellschaft auf, der Rest wurde mit einem Kredit über ein Bankenkonsortium unter Federführung der Bayerischen Landesbank finanziert.

Von Kernkraftgegnern heißt es doch immer, Atomkraftwerke würden nur gebaut, wenn der Staat große Summen an Subventionen zuschießt.

Für die Einstiegsphase der Kernenergie ist das sicherlich richtig gewesen. In den sechziger und siebziger Jahren wurde die Kernenergie massiv öffentlich gefördert. Das hat durchaus signifikante Ausmaße angenommen: Die Angaben schwanken zwischen 30 und 60 Milliarden Euro. Später sind die Kernkraftwerke von den Betreibern selbst finanziert worden. Dies war zu Zeiten monopolisierter Strommärkte. Die Kosten wurden auf die Strompreise abgewälzt. In den heute liberalisierten Märkten sind die Investitionsrisiken höher.

Tragen die Betreiber auch die Kosten von Zwischen- und Endlagerung?

Für den Betrieb von Endlagern bilden die Betreiber so genannte Rücklagen, ...

... deren Kapitalerträge steuerfrei sind.

Richtig, das ist ein Problem. Da gab es zwar eine Veränderung in der Rechtsprechung, aber über viele Jahre war es so, dass die Kernkraftwerksbetreiber an den Rücklagen ganz gut verdient haben. Diese Rücklagen sollen eines Tages die Endlagerung der Abfälle finanzieren - bislang gibt es ja kein Endlager. Das ist natürlich mit gewissen Unsicherheiten verbunden. Wenn die Rücklagen nicht reichen, wird der Staat einspringen müssen oder der Stromkunde noch einmal zur Kasse gebeten werden.

Das Bundeswirtschaftsministerium sagt, eine Laufzeitverlängerung könnte den Anstieg der Strompreise in Deutschland "stark dämpfen" und würde "zu positiven Beschäftigungseffekten zwischen 7000 und 42.000 Personen in der Volkswirtschaft führen".

Beide Argumente halte ich für nicht wirklich belastbar. Wenn man die Laufzeit der Kernkraftwerke verlängert, können die Betreiber für einen längeren Zeitraum die Gewinne, die sie mit diesen Anlagen erzielen, weiter ausschöpfen. Auf die Strompreise wird das keine direkten Auswirkungen haben, denn die Strompreise werden durch das so genannte Grenzkraftwerk bestimmt, also durch das Kraftwerk, das gerade noch eingesetzt werden muss, um die letzte nachgefragte Kilowattstunde zu erzeugen. Welches dieses Kraftwerk ist, wird nur zu einem geringen Teil von einem Kernenergiesockel in der Stromerzeugung mitbestimmt.

Warum kann sich der Strompreis nicht nach einem Mittelwert richten?

Die Strompreise werden an den Börsen bestimmt, und Börsenpreise orientieren sich immer an den so genannten Grenzkosten. Das ist ein marktwirtschaftliches Prinzip, daran wird man auch durch eine Laufzeitverlängerung nichts ändern.

Man könnte die Energieunternehmen verpflichten, einen Teil ihrer zusätzlichen Gewinne in den Ausbau erneuerbarer Energien zu investieren.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger hat das unter anderem vorgeschlagen. Das könnte man machen, ich halte es aber nicht für zwingend notwendig, weil wir mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz in Deutschland schon ein Gesetz haben, das den Ausbau der erneuerbaren Energien fördert und das in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich eine Dynamik in Gang gesetzt hat. Ich sehe nicht, dass man das noch zusätzlich beschleunigen müsste. Insofern scheint mir das ein vorgeschobener Grund zu sein.

Auf dem G8-Gipfel in Japan hat der italienische Ministerpräsident Berlusconi behauptet, man habe über einen Plan zum Bau von mehr als 1000 neuen Atomkraftwerken gesprochen.

Die Rolle der Kernkraft ist auf dem G8-Gipfel völlig falsch diskutiert worden. Man hatte ja den Eindruck, dass die Kernenergie dort als Schlüsselinstrument für den Klimaschutz neu erfunden werden sollte. Ich halte das für vollkommen überzogen. Die Zahl 1000 kommt aus einer Studie der Internationalen Energie-Agentur. Ziel dieser Studie war, eine klimaverträgliche globale Entwicklung des Energiesystems zu skizzieren. Die IEA hat der Kernenergie dabei eine entscheidende Rolle zugedacht. Konkret sagt sie, dass zwischen 2010 und 2050 pro Jahr 32 neue Kernkraftwerke gebaut werden müssten, damit eine signifikante Rolle der Kernenergie realisiert werden kann.

Was heißt signifikante Rolle?

Heute trägt die Kernenergie nur etwa 17 Prozent zur weltweiten Stromerzeugung bei und etwa 6 bis 7 Prozent zur weltweiten Primärenergieversorgung. Selbst wenn bis 2050 diese mehr als 1000 Kernkraftwerke neu gebaut würden, dürfte der Anteil der Kernenergie an der weltweiten Stromversorgung verhältnismäßig bescheiden bleiben und erst recht bezogen auf die gesamte Energienachfrage. Denn die Nachfrage nach Energie steigt ja weiter.

Welchen Anteil haben die erneuerbaren Energien an der Primärenergieversorgung und an der Stromerzeugung?

An der Primärenergie haben die erneuerbaren Energien einen Anteil von rund 13 Prozent. Im Strombereich sind es gut 17 Prozent. Diese gegenüber der Kernenergie unterschiedlichen Relationen zeigen schon, dass die erneuerbaren Energien per se universeller eingesetzt werden können und zur Energieversorgung beitragen können als die Kernenergie. Sie sind nicht nur eine Option für die Stromerzeugung, sondern auch und gerade für die Wärmebereitstellung und in Maßen auch für den Verkehr.

Glauben Sie, dass wir den Bau dieser 32 neuen Kernkraftwerke pro Jahr erleben werden?

Das finanzielle Risiko liegt in Ländern mit liberalisierten Märkten bei den Betreibern. Viele werden dieses Risiko scheuen. Allerdings gibt es einige Länder, die bisher schon sehr stark auf Kernenergie setzen und dies auch weiterhin tun werden, etwa Japan, Südkorea und Frankreich, gegebenenfalls auch die USA. Dann gibt es Länder, die aus politischen Gründen auf die Kernenergie setzen. Das ist vor allem in China der Fall, im Iran und künftig vielleicht auch in nordafrikanischen Ländern wie Libyen, wobei gerade diese Länder ideale Möglichkeiten hätten, aufgrund der guten solaren Einstrahlungsbedingungen ihren Strom mit solarthermischen Kraftwerken zu erzeugen.

Was wäre unter rein ökonomischen Gesichtspunkten sinnvoller: auf erneuerbare Energien zu setzen oder die 1000 Atomkraftwerke zu bauen?

Das hängt davon ab, wie Sie die Kosten für Kernenergie kalkulieren. Das finnische Kraftwerk ist meines Erachtens zu günstig kalkuliert worden. Wenn Sie richtig kalkulieren, kommen Sie in eine Größenordnung, die nicht weit entfernt ist von großen Anlagen der erneuerbaren Energien, die an günstigen Standorten stehen. Schon in kurzer Zeit werden solarthermische Kraftwerke im südlichen Spanien oder im nördlichen Afrika eine Kostenparität zur Kernenergie erreichen. Im Vergleich zu Offshore-Windkraftwerken gibt es im Moment sicherlich noch Kostenvorteile der Kernenergie, aber auch da kann man noch Lernkurveneffekte ausschöpfen. Perspektivisch ist zu erwarten, dass die Erneuerbaren in den nächsten 10 bis 15 Jahren in die Kostenparität vordringen werden.

Das Kostenargument würden Sie also nicht gelten lassen.

Aus meiner Sicht ist das Kostenargument kein Ausschlusskriterium für die Kernenergie. Das ist die Frage, ob man die zusätzlichen Risiken, die mit dem Wiedereinstieg in die Kernenergie verbunden sind, tragen will. Da ist das Risiko beim Betrieb, die ungelöste Endlagerfrage, global betrachtet die Frage der Proliferation, also der Weiterverbreitung kernwaffenfähigen Materials. Wenn ein Land wie Deutschland zeigt, dass es in der Lage ist, eine klimaverträgliche Energieversorgung auf die Beine zu stellen, ohne Technologien zu nutzen, die mit Risiken behaftet sind, dann ist klar, dass auch nordafrikanische Länder oder der Iran es ohne die Kernenergie schaffen können. Deutschland spielt hier eine entscheidende Vorreiterrolle.

Zum Thema Uran: Laut Bundesumweltministerium reichen die weltweiten Uran-Vorräte beim gegenwärtigen Jahresverbrauch noch etwa 65 Jahre, laut Wirtschaftsministerium steht Uran als Energierohstoff noch für mehr als 200 Jahre zur Verfügung. Wer hat Recht?

Die Frage der Reserven ist immer schwierig. Es hängt davon ab, welcher Preis angesetzt wird. 65 Jahre sind sicherlich bezogen auf einen relativ geringen Preis für Uranerz. Wenn Sie den höher anlegen, kommen andere, teuere Förderquellen mit ins Spiel. Darauf basieren vermutlich die Angaben des Wirtschaftsministeriums. Die Definition dessen, was Reserven und was Ressourcen sind, hängt vom kalkulierten Preis ab.

Ein "Peak Uran" wäre demnach kein Einwand gegen Atomenergie.

Bei den heutigen Kraftwerkszahlen nicht. Wenn Sie allerdings die Größenordnung der zusätzlichen 1000 Kernkraftwerke zugrunde legen, wären wir in einer Situation, in der man deutlich an die Grenzen der Uran-Reserven denken muss. Dann müsste man sehr viel stärker als bisher über Wiederaufarbeitungsmaßnahmen nachdenken oder über den Einsatz von schnellen Brutreaktoren mit all den damit verbundenen Nachteilen.

Brütertechnologie ist besonders problematisch, weil Plutonium kernwaffenfähig ist.

Plutonium ist hochgiftig und hochradioaktiv. Der Plutoniumkreislauf hat seine besonderen Schwierigkeiten. Bisher konnte nirgends gezeigt werden, dass diese Brütertechnologie technisch beherrscht wird. Wir haben das Experiment in Kalkar aufgegeben, in Japan gibt es extreme Schwierigkeiten, in Frankreich hat es extreme Schwierigkeiten gegeben - es gibt keinen Vorzeigereaktor, der bewiesen hat, dass er funktioniert. Es ist halt etwas anderes, ob Sie wie in herkömmlichen Reaktoren mit Wasser kühlen oder mit Natrium, das in Brutreaktoren zum Einsatz kommt und das hochreaktiv ist, wenn es mit Luft oder Wasser in Berührung kommt.

Wenn es um die Kernkraft geht, werden nur selten nüchterne Argumente ausgetauscht, für viele ist es ein hoch emotionales Thema. Haben Sie eine Idee, warum das so ist?

Ich glaube, das kommt noch aus den siebziger und achtziger Jahren. Damals war Kernkraft hoch umstritten und hoch emotional. In den Köpfen derer, die damals mitdiskutiert haben, ist das bis heute drin. Letztlich ist es eine Frage der Bewertung: Bewerte ich eine potenziell positive Rolle für den Klimaschutz höher als die Risiken? Sehe ich hinreichend Alternativen zur Kernenergie, mit denen ich Klimaschutz genauso schnell, aber mit geringeren Risiken umsetzen kann? Das muss jeder für sich gewichten, das kann nicht mit dem Rechenschieber entschieden werden.

Mit Manfred Fischedick sprach Hubertus Volmer

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