Politik

Waldheimer Prozesse : "Der größte Justizskandal der DDR"

Im Schnellverfahren, ohne Verteidiger, ohne Zeugen: Vor 60 Jahren wurden in Waldheim 3432 angebliche Naziverbrecher zu Haft- und Todesstrafen verurteilt.

Im Gefängnis Waldheim fanden im Frühjahr 1950 die berüchtigten Waldheimer Prozesse statt, ...
Im Gefängnis Waldheim fanden im Frühjahr 1950 die berüchtigten Waldheimer Prozesse statt, ...(Foto: dpa)

Nicht viel mehr als zehn Minuten braucht der Richter, um über das Schicksal von Wolfgang Völzke zu entscheiden. "Ich wusste erst gar nicht, was ich davon halten sollte", berichtet der 81-Jährige heute, wie er damals überrumpelt wurde. Völzke gehört zu den 3432 Gefangenen aus sowjetischen Internierungslagern, die in den sogenannten Waldheimer Prozessen als angebliche Naziverbrecher und Gegner des sozialistischen Systems verurteilt wurden. Vor 60 Jahren ­am 26. April 1950 ­ begannen in dem sächsischen Städtchen Waldheim bei Leipzig die Verfahren. Sie gingen als SED-Willkürprozesse in die Geschichte ein, 24 Todesurteile wurden vollstreckt.

"Das war der größte Justizskandal der DDR", sagt der Publizist Karl Wilhelm Fricke, der an der Aufarbeitung der Prozesse nach der Wende beteiligt war, unter anderem im Auftrag der Bundesregierung. Denn die Gerichtsverhandlungen in Waldheim entbehrten jedweder Rechtsgrundsätze. Die Angeklagten erhielten keinen Verteidiger und konnten keine Entlastungszeugen benennen. Zudem waren die Verhandlungen nicht öffentlich. Überhaupt erfuhr die Öffentlichkeit von den Prozessen erst im Juni 1950, als der Großteil der Inhaftierten schon verurteilt war. "Es waren Geheimprozesse. Das wäre auch gar nicht anders zu bewältigen gewesen", sagt Fricke.

Urteil stand schon vor der Verhandlung fest

Die Verhandlungen dauerten im Durchschnitt nur 20 Minuten. Das Urteil war schon vor der Verhandlung festgelegt. Das Sekretariat des Zentralkomitees wählte die Richter aus und bestimmte den Ablauf der Verhandlungen. Daran war auch die "Rote Hilde", Hilde Benjamin, als damalige Vizepräsidentin des Obersten Gerichts beteiligt. Sie wurde später Justizministerin. Einige noch lebende Richter der Waldheimer Prozesse wurden nach der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren vom Leipziger Landgericht wegen Rechtsbeugung verurteilt.

...bei denen innerhalb von zwei Monaten mehr als 3432 Gefangene im Schnellverfahren zu Haft- und Todesstrafen verurteilt wurden.
...bei denen innerhalb von zwei Monaten mehr als 3432 Gefangene im Schnellverfahren zu Haft- und Todesstrafen verurteilt wurden.(Foto: dpa)

Unter den Verurteilten in Waldheim waren zwar auch NS-Verbrecher. "Der Großteil waren aber kleinere Funktionsträger oder Mitläufer", sagt Fricke. So auch Wolfgang Völzke. In der NS-Zeit war er zwar in der Hitler-Jugend aktiv. Verhaftet wurde er im Juni 1946 in Ost-Berlin aber, weil der damals 16-jährige Schüler nicht wollte, dass sein Literaturkreis von der Freien Deutschen Jugend (FDJ) übernommen wird. "Dagegen habe ich mich gewehrt, ich wollte, dass der Kreis unpolitisch bleibt", berichtet Völzke, der einer der letzten noch Lebenden der Waldheimer Verurteilten ist. Vier Jahre lang saß er in Sachsenhausen ein, bevor er nach Waldheim kam.

Acht Jahre Haft lautete am 5. Juni 1950 das Urteil gegen Völzke. Grundlage dafür waren, wie bei fast allen Inhaftierten, sechs handschriftliche Zeilen über angebliche Vergehen auf einem Übergabebogen der Sowjets. Nach drei Jahren Haft kam er 1953 frei. Trotzdem sagt der pensionierte Realschulkonrektor, der heute im schwäbischen Sindelfingen wohnt: "Ich habe Glück gehabt." Arbeit und mitinhaftierte Lehrer, die ihm Altgriechisch und Latein beibrachten, sorgten für Ablenkung. "Meine Bewacher hatten Gewalt über meinen Körper, aber an meinen Kopf kamen sie nicht ran."

"Man wollte zeigen, wo der Hammer hängt"

Vielen anderen erging es schlechter als Völzke. Über die Hälfte der Waldheim-Verurteilten erhielten Haftstrafen zwischen 15 und 25 Jahren. Um den Schein von rechtsgültigen Prozessen zu wahren, führte das Gericht im Juni 1950 zehn öffentliche Verfahren durch. Doch auch diese Prozesse waren inszeniert. Vorab gab es Generalproben. Die Waldheimer Prozesse seien ein Element der Einschüchterung gegenüber der Bevölkerung gewesen, sagt der Publizist Fricke: "Man wollte zeigen, wo der Hammer hängt." Die Methoden in Waldheim seien außerdem Vorbild für weitere politische Prozesse in den 1950er Jahren gewesen.

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Quelle: n-tv.de