Amokläufe an SchulenDie Konstruktion des Tötens
Seit 1999, seit dem Amoklauf an der Columbine High School, nimmt die Zahl der "School Shootings" weltweit zu. Doch der Auslöser war ein Missverständnis.
In Deutschland wird - statistisch gesehen - "jeder dreimillionste Bundesbürger einmal Amok laufen", sagt der Kriminologe Frank Robertz. Doch Amokläufe an Schulen können verhindert werden. Das Problem ist nur, dass Lehrer und Dozenten die Warnsignale nicht kennen.
n-tv.de: Der Attentäter von Virginia war vor dem Amoklauf mit Gewalt-, Sexual- und Todesfantasien aufgefallen. Jetzt, nach dem Amoklauf, ist von "Warnhinweisen" die Rede. Gibt es wirklich solche Warnhinweise? Oder ist der typische Amokläufer eher unauffällig?
Frank Robertz: Beides. Der typische Amokläufer ist vorher unauffällig, er zeigt seine Wut nicht nach außen. Aber kurz vor der Tat zeigen sich Merkmale seiner Fantasien. Dass School Shooter oder Amokläufer vor ihrer Tat Warnsignale aussenden, wie es in Blacksburg jetzt auch mit den Theaterstücken des jungen Mannes der Fall war, ist sehr typisch. Es kommt nur darauf an, diese Signale zu deuten und entsprechend zu reagieren.
Aber der normale Lehrer oder Dozent denkt doch nicht an einen Amoklauf, wenn ein Schüler Gewaltfantasien äußert.
Genau das ist unser Problem. Die Polizei hat in den letzten Jahren sehr viel gelernt. Die Schulen hinken dagegen weit hinterher. Was wir brauchen, ist eine Offenheit, mit Gewalt an Schulen umzugehen. Das ist nicht nur die große Gewalt wie bei Amokläufen, es sind auch kleinere Formen von Gewalt, die im Grunde auf ähnlichen Prinzipien beruhen. Lehrer müssen sich das Handwerkszeug aneignen, um damit umzugehen. In Bezug auf School Shootings gibt es Handwerkszeug aus dem Bedrohungsmanagement, mit dem man erkennen kann, ob es sich um einen bedrohlichen oder nicht bedrohlichen Jugendlichen handelt.
Auf dem Video, das er an einen Fernsehsender geschickt hat, sagt der Amokläufer: "Ihr habt mich in eine Ecke gedrängt... Jetzt müsst ihr damit leben, dass Blut an euren Händen klebt." Welche Hilfe hätte den Amoklauf verhindern können?
Es ist typischerweise so, dass es Jugendliche - oder wie in diesem Fall junge Erwachsene - sind, die verzweifelt Anerkennung bekommen wollen. Sie sehen sich in einer ausweglosen Situation, haben das Gefühl, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben, fühlen sich der Kontrolle durch andere ausgeliefert und haben Kränkungen erfahren, die sie nicht verarbeiten konnten. In so einer Situation muss man auf sie zugehen. Typischerweise haben potenzielle Amokläufer kein funktionierendes soziales Umfeld; genau das muss man ersetzen, hier muss man einsetzen. Es darf nicht sein, dass ein junger Mann nur die Lösung sieht, möglichst viele Leute zu töten. Diesen Jugendlichen muss die Hand gereicht werden.
Im aktuellen Fall ist dem Amokläufer offenbar geholfen worden: Eine Englisch-Dozentin hat dem Südkoreaner ein Semester lang Einzelunterricht gegeben.
Über die Qualität dieser Einzelbeziehung kann ich nicht viel sagen. Was ich sagen kann, ist, dass es bei Amokläufern in der Regel keine funktionsfähige Beziehung gibt. Meist ist der Auslöser der Tat das Zusammenbrechen der letzten funktionsfähigen Beziehung.
Vor zwei Jahren wurde der Amokläufer von Blacksburg von einem Richter für geistesgestört erklärt und für kurze Zeit in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Ein Experte soll über den Mann gesagt haben, er stelle eine Gefahr für andere dar. Was passiert in Deutschland, wenn psychisch Kranke als "gefährlich" eingestuft werden?
Dass Amokläufer oder potenzielle Amokläufer unter psychotischen Störungen leiden, ist ein Missverständnis. Das ist in der Regel nicht so, jedenfalls nicht nach den Klassifikationsschemata, die wir haben, auch nicht nach amerikanischen Klassifikationsschemata der Psychiatrie. In der Regel liegt eine depressive, keine psychotische Symptomatik vor. Es ist nicht so, dass ein normaler geistig gestörter Mensch, der mit Psychosen lebt, plötzlich zum Amokläufer wird.
Dann wäre der Fall, dass dieser Täter schon vor dem Amoklauf als gefährlich eingestuft wurde, eher ungewöhnlich?
Das ist tatsächlich ungewöhnlich - wenn es überhaupt der Fall ist. Es bleibt noch abzuwarten, ob das eine Falschmeldung war. In den ersten Tagen nach einem Amoklauf kommen aus den USA immer seltsame Meldungen. Da muss man abwarten, welche sich als wahr herausstellen.
Einen vermutlich untypischen Aspekt hat der Amoklauf von Blacksburg: Der Täter erschoss zwei Menschen, machte dann zweieinhalb Stunden Pause, in denen er sein Video zur Post brachte, kam zurück und tötete weitere 30 Menschen.
Das ist sehr untypisch. Typisch ist allerdings, dass die Jugendlichen sicher gehen wollen, dass ihre "Botschaft" multimedial verbreitet wird. In den USA gab es allerdings Ende 2006 einen Jugendlichen, der genau dasselbe gemacht hat: Er hat zuerst seinen Vater umgebracht, hat dann Videos gedreht, Pakete geschnürt und an die Presse geschickt, und dann ist er zur Schule gefahren, um weitere Menschen zu töten.
Es gibt zwei Klischees zu Amokläufen: Sie werden meist von Jugendlichen verübt. Und: In den USA finden mehr Amokläufe statt als hierzulande. Ist da was dran?
Naja. Man muss zwischen "normalen" Amokläufen und School Shootings unterscheiden. Die haben einen unterschiedlichen Duktus und unterschiedliche Tätertypen. Der durchschnittliche Amokläufer an einer Schule ist sechzehneinhalb Jahre alt, der durchschnittliche Täter außerhalb von Schulen ist Mitte 30. Bei den Erwachsenen gibt es zwar auch Kränkung und Kontrollverlust. In der Tatsituation steht jedoch stärker ein Ausbruch von Wut im Mittelpunkt als dass die eigenen Gewaltfantasien übermächtig werden.
Und die USA als Amok-Hochburg?
Man weiß, dass in Deutschland jeder dreimillionste Bundesbürger einmal Amok laufen wird. Aber es gibt keine verlässlichen Vergleichszahlen für Amerika. Bei den School Shootings haben wir mittlerweile eine Sammlung, die 99 Fälle weltweit dokumentiert. Davon sind sieben in Deutschland und sieben in Kanada passiert, die weitaus größte Anzahl in den USA. Allerdings relativiert sich diese Zahl, wenn man die School Shootings auf die Bevölkerungszahl der USA hochrechnet. Bemerkenswert ist, dass die Zahl der School Shootings seit 1999 weltweit zunimmt.
1999 war das Massaker an der Columbine High School.
Columbine hat eine solche Präsenz erfahren, dass die Jugendlichen sich an diese Tat stark anschließen. Die Jugendlichen nehmen Bezug mit Kleidung aufeinander, hinterlassen Nachrichten, die auf Columbine Bezug nehmen. Dieser Amoklauf hat ein sehr starkes Nachahmungsverhalten ausgelöst, das übrigens durch ein Missverständnis verursacht wurde: In den Medien hieß es damals, dass sich die Täter an den so genannten "Jocks" rächen wollten - das sind die sozial anerkannten, sportlichen Heldenfiguren an den High Schools und Colleges in den USA. Solche "Jocks" werden oft mit der Unterdrückung von Außenseitern in Verbindung gebracht. In der Realität wollten die Täter einen größtmöglichen Massenmord erreichen. Sie hatten geplant, Bomben in der Cafeteria zu zünden und damit 500 Leute zu töten - wahllos. Nur haben diese Bomben nicht gezündet. Darauf sind sie mit ihren Waffen durch die Schule gelaufen. Bei den Nachahmern ist jedoch angekommen, dass diese beiden sich an den "Jocks" gerächt haben. Tatsächlich war das nie ihre Absicht. Sie wollten einfach nur möglichst viele Leute umbringen. Jugendliche, die den Tätern von Columbine nacheifern wollen, sehen diese Täter und sich selbst daher oft als eine Art "Märtyrer", die "zum Wohle" der unterdrückten Schüler dieser Welt solche "Jocks" töten. Eine derartige Selbststilisierung ist im Übrigen auch ein Weg, die eigene Tötungshemmung abzubauen. Mit einer solchen Konstruktion töten sie in ihrer Sichtweise nicht mehr eigennützig, sondern vermeintlich für eine "gerechte Sache".
Welche Rolle spielt da die Berichterstattung über Amokläufe?
Berichterstattung, die darauf aufmerksam macht, dass wir ein Problem mit School Shootings und Amokläufen haben, ist natürlich kein Problem. Problematisch sind unreflektierte Berichte über einzelne Amokläufe und einzelne Täter. Wir kennen ein paar Elemente, die berücksichtigt werden sollten, um Nachfolgetaten einzuschränken: Medien sollten keine vereinfachenden Erklärungen für Motive herausgeben, denn Gewalt wird immer von sehr vielen Motiven bestimmt, nie von einem einzigen. Wenn man ein einzelnes Motiv vorgibt, schafft man die Möglichkeit für andere Jugendliche, sich an dieses Motiv anzuschließen. Man sollte nicht den Täter, sondern die Folgen der Tat in den Mittelpunkt der Berichterstattung stellen. Das Bild des Täters sollte - wenn überhaupt - nur verpixelt gezeigt werden. Die Medien sollten keine Heldengeschichten erzählen, keine Romantisierungen verbreiten. Der Tatverlauf und die Täterfantasien sollten nicht zu konkret dargestellt werden. Was im Moment passiert - dass die Theaterstücke des Amokläufers verbreitet werden, dass sein Video verbreitet wird - sind alles Elemente, die sehr stark zur Nachahmung anregen.
Warum sind Amokläufer fast immer Männer?
Das ist ein generelles Phänomen. Unter den 99 School Shootings wurden vier von Mädchen begangen - das ist genau der Prozentsatz, der bei den Jugendlichen dieser Altersgruppe auch für generelle Tötungsdelinquenz vorliegt.
Politiker machen immer wieder "Killerspiele" für Gewalt unter Jugendlichen verantwortlich. Lässt sich ein solcher Zusammenhang nachweisen?
Der lässt sich zwar nachweisen, aber nicht in der Art und Weise, wie es von der Politik behauptet wird. Es ist nicht so, dass ein harmloser Jugendlicher Killerspiele spielt und dann zum Killer wird. Es ist eher so, dass Jugendliche, die bereits destruktive Fantasien entwickelt haben, sich von Gewaltfilmen, Gewaltspielen und entsprechenden Büchern angezogen fühlen. Es werden also bereits bestehende Gewaltfantasien weiterentwickelt.
Wäre ein Verbot von Killerspielen dann nicht trotzdem sinnvoll?
Nein. Ein Beispiel: Der Amokläufer von Erfurt hat sich in vielen Punkten an "Counterstrike" orientiert. Hätte es dieses Spiel nicht gegeben, hätte er sich wahrscheinlich mit anderen gewalthaltigen Medien beschäftigt. Den Amoklauf hätte das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht verhindert. Verbote bringen uns nicht weiter - nicht zuletzt, weil zahllose Killerspiele über das Internet verbreitet werden. Wir müssen den Jugendlichen beibringen, verantwortungsvoll mit den Medien umzugehen und sie für Gefahren sensibilisieren.
(Die Fragen stellte Hubertus Volmer.)
Frank J. Robertz ist Kriminologe und Sozialpädagoge und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie (IGaK). Das Institut führt Fortbildungen für Lehrer durch. Im Oktober erscheint das Buch "Der Riss in der Tafel. Amoklauf und Gewalttaten in der Schule" von Frank Robertz und Ruben Wickenhäuser (Springer Medizin Verlag).