My Lai, Abu Ghoreib, HadithaDie Regeln des Krieges
Das Massaker von My Lai 1968 hat einen grausamen Erben: Haditha. Wieder wurden unschuldige Menschen durch US-Soldaten ermordet.
Von Peter Poprawa, n-tv.de
Angesicht der Berichte über Morde durch US-Truppen an Zivilisten im irakischen Ort Haditha ist man leicht an das Massaker von My Lai in Vietnam erinnert. Was im März 1968 geschah, als US-Soldaten mehr als 500 Dorfbewohner töteten, wurde erst eineinhalb Jahre später bekannt – durch den amerikanischen Journalisten Seymour Hersh, der auch als erster über den Folterskandal im irakischen Militärgefängnis Abu Ghoreib im Jahr 2004 berichtete.
Dank Hersh wird das My-Lai-Massaker für immer verbunden sein mit dem weltweiten Aufschrei der Empörung und dem Verlust der öffentlichen Unterstützung für den Krieg der USA in Vietnam. Nun wurden offenbar erneut unschuldige Menschen durch US-Soldaten getötet; ohne Zweifel ein weiteres Massaker, an das man sich lange erinnern wird.
Die US-Streitkräfte haben seit März 2003 bereits viele irakische Zivilisten getötet – dadurch, dass sie rasch am Abzug ziehen, überproportionale Gewalt in Wohngebieten anwenden oder einfach durch Unfälle. Doch Haditha, wo die mutmaßlichen Täter Männer der Kilo-Kompanie des 3. Bataillons des 1. Marine-Regiments waren, ist der schlimmste bekannt gewordene Vorfall, bei dem unbewaffnete Zivilisten ermordet wurden.
US-Präsident George W. Bush kündigte bereits eine gründliche Untersuchung und eine Bestrafung etwaiger Schuldiger an. Er sei über die Berichte beunruhigt, sagte Bush. "Wenn Gesetze verletzt wurden, werden die Schuldigen bestraft", legte er nach. Der Präsident sprach aber auch von einem Ausnahmefall. Das Marineinfanterie-Corps sei voller ehrenhafter Frauen und Männer, die die Regeln des Krieges verstünden.
Erinnerungen an My Lai
Am Morgen des 16. März 1968 fielen Soldaten der 11. US-Brigade über das wolkenverhangene Dorf My Lai in Südvietnam her. Sie trieben Greise, Frauen und Kinder zusammen, erschossen sie, vergewaltigten junge Mädchen und brannten das Dorf nieder. Die Amok laufenden Soldaten massakrierten insgesamt 504 Menschen. My Lai wurde zum Symbol des schmutzigen Krieges in Vietnam und stand für eines der abscheulichsten Verbrechen von US-Soldaten.
Leutnant William Calley gab den Befehl, das Dorf einzunehmen. Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung wurden mit der amerikanischen Strategie "search and destroy" (Aufspüren und vernichten) versucht zu rechtfertigen. Die US-Soldaten Hugh Thompson und Lawrence Colburn flogen mit dem Hubschrauber über das Dorf und konnten noch Schlimmeres verhindern. Sie zwangen Calley mit vorgehaltener Waffe das Töten einzustellen und brachten elf Vietnamesen in Sicherheit.
Erst eineinhalb Jahr später deckte Hersh das Massaker auf. Die US-Armee hatte versucht, das Verbrechen zu vertuschen. Nach ihren Angaben wurden 128 Vietcongs und unbeabsichtigt etwa 20 Zivilisten getötet. Ein Jahr nach dem Überfall kehrten die Amerikaner sogar noch einmal nach My Lai zurück und bombardierten die Reste des Dorfes.
My Lai wurde zur moralischen Niederlage der USA im Vietnamkrieg. Nur ein Offizier wurde für das Massaker zur Rechenschaft gezogen. 1971 wurde Leutnant Calley zu lebenslanger Haft verurteilt. Der damalige amerikanische Präsident Richard Nixon ordnete jedoch an, die Gefängnisstrafe in Hausarrest abzumildern. Dreieinhalb Jahre später wurde Calley als freier Mann entlassen. Heute ist er Geschäftsführer eines Juweliergeschäfts in Columbus im Bundesstaat Georgia.
Was sagte Bush? "Das Marineinfanterie-Corps ist voller ehrenhafter Frauen und Männer, die die Regeln des Krieges verstehen."