Durchwursteln in Bosnien"Dutchbat" hat versagt
Srebrenica ist in den Niederlanden noch immer ein Name, der niemanden kalt lässt. Der gut gemeinte Einsatz des "Dutchbat" auf dem Balkan endete in einem Desaster.
Srebrenica ist in den Niederlanden noch immer ein Name, der niemanden kalt lässt. Und das nicht nur, weil Den Haag der Sitz des UN-Kriegsverbrechertribunals ist, das sich in mehreren Verfahren mit dem Völkermord an den bosnischen Muslimen von Srebrenica befasst. Srebrenica ist vor allem ein Reizwort, weil niederländische Soldaten in der Nähe waren, als dieses Verbrechen vor zehn Jahren verübt wurde.
"Dutchbat", das niederländische (englisch: dutch) Bataillon der UN-Blauhelme, hatte den Auftrag, die von den Vereinten Nationen zur "Sicheren Zone" erklärte Stadt Srebrenica zu schützen. Die Regierung in Den Haag hatte sich um dieses Himmelfahrtskommando geradezu gerissen. Die Reputation des Landes als mutiger Friedensstifter sollte aufgewertet werden. "Eine Mischung aus humanitärer Betroffenheit und politischem Ehrgeiz" habe dem zu Grunde gelegen, stellte ein unabhängiger Untersuchungsbericht später fest. Aber wie in der gesamten internationalen Gemeinschaft, so habe es auch in den Niederlanden nur einen Grundsatz für das Eingreifen in Bosnien gegeben: "Durchwursteln."
Der gut gemeinte Einsatz auf dem Balkan endete in einem Desaster. Die Soldaten von "Dutchbat" krümmten kaum einen Finger, als die mordwütige bosnisch-serbische Armee unter General Ratko Mladic die "Sichere Zone" überrannte und Tausende muslimische Jungen und Männer massakrierte. In der Heimat aber begann, als das Ausmaß der Katastrophe unübersehbar wurde, eine zermürbende Debatte über die Verantwortung. Erst 2002 enthüllte das unabhängige "Institut für Kriegsdokumentation", wie fahrlässig sich die Politik in dieses Abenteuer gestürzt hatte und wie unvorbereitet das Militär darauf vorbereitet war. Ministerpräsident Wim Kok und mit ihm die Regierung traten - sieben Jahre "nach Srebrenica" - zurück.
Die Diskussion war und ist damit nicht beendet. Es blieben zu viele Ungereimtheiten. Ein Beispiel: Der Film eines Soldaten mit Bildern über serbische Gräueltaten - die also von Niederländern beobachtet worden waren, verschwand bei der Entwicklung. Die Militärführung, so der neutrale Bericht an anderer Stelle, sei "unwillig" gewesen, der Regierung unangenehme Details zu berichten. Der stellvertretende Heereschef Ad van Baal musste gehen, wurde rehabilitiert und ist heute Inspekteur der Streitkräfte.
Eine parlamentarische Untersuchung bescheinigte "Dutchbat" 2003, sich korrekt verhalten zu haben. In Rechnung gestellt wurden die geringe Kampfkraft, das Ausbleiben jeglicher Luftunterstützung durch die NATO-geführte Friedenstruppe und der stark eingeschränkte Einsatzauftrag, der zu strikter Neutralität verpflichtete. Viele der damals eingesetzten Soldaten leiden noch heute unter dem Erlebten, aber auch unter den Vorwürfen, die ihnen gemacht wurden. "Erst wurden wir wie Helden empfangen, dann wurde all das Negative über uns ausgebreitet", sagte ein Soldat zum Veteranentag.
Die kritischen Stimmen sind nicht verstummt. Der frühere Balkankorrespondent des "NRC Handelsblad" zitiert in einem jetzt erschienenen Buch den Soziologen Bram de Swaan, der das Verhalten von "Dutchbat" in die Nähe von Feigheit rückt. Der Autor Herman Vuijsje schrieb kürzlich, die Soldaten in Srebrenica hätten sich "typisch holländisch" nach dem Motto verhalten: "Das ist nicht unser Bier."
(von Thomas P. Spieker )