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Dossier

Donnerstag, 16. März 2006

Zwischenruf: Globaler Konflikt

von Manfred Bleskin

Auge vmb auge / Zan vmb zan / Hand vmb hand / Fus vmb fus / Brand vmb brand / Wund vmb wunde, heißt es im zweiten Buch Mose (Ex 21, 23-25). Der alttestamentarische Grundsatz, der bislang im israelisch-palästinensischen Konflikt die Gewalt der jeweils einen Seite mit "Racheakten" beziehungsweise "Vergeltungsmaßnahmen" der jeweils anderen Seite beantwortete, ist überholt. Mit den jüngsten Übergriffen von Palästinensern auf EU-Bürger und -Einrichtungen gilt, dass eine Wunde mit mindestens zwei Wunden beantwortet wird.

Denn erstmals richtete sich die "Rache" der palästinensischen Seite nicht nur, oder besser zunächst fast gar nicht, gegen Israel. Da wurden Franzosen, Australier, Schweizer und Südkoreaner zeitweilig verschleppt, die leer stehende Vertretung der Europäischen Union und des Britischen Kulturinstituts in Gaza-Stadt in Brand gesteckt, die örtliche Repräsentanz der US-Nichtregierungsorganisation "Amideast" vorübergehend besetzt. Wie selten zuvor wurde deutlich, dass der Konflikt globalen Charakter trägt. Damit hat der Konflikt eine neue Stufe erreicht. Die Eskalation liegt in Luft.

Vorangegangen war der Beschuss des Gefängnisses von Jericho mitten im palästinensischen Westjordanland und die Verschleppung des Generalsekretärs der Volksfront für die Befreiung Palästinas, Ahmad Saadat, samt seiner Mitinsassen. Das Gefängnis stand gemäß einer Abmachung zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde unter US-amerikanischer und britischer Kontrolle. Kaum Zufall ist wohl, dass die angloamerikanischen Kommissare das Gebäude kurz vor Beginn der Kanonade verließen.

Die Ankündigung des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, Saadat freilassen zu wollen, erfolgte ebenso zur Unzeit, wie sie Israels amtierenden Premier Ehud Olmert im Wahlkampf gelegen kam. Konnte er doch damit seinen nationalkonservativen Gegnern beweisen, dass seine Kadima-Partei keineswegs zögert, zu den Waffen zu greifen.

Die aggressiven Kräfte auf der palästinensischen Seite von Al-Aqsa über Al-Dschihad Al-Islamiya bis in die Hamas hinein reiben sich die Hände. Die Mauern, die Israel in Jericho nicht mit Posaunen, sondern mit Pauken und Trompeten einstürzen ließ, reichen ihnen zum neuerlichen Beweis, dass mit der Regierung in Jerusalem kein Reden ist.

Jesus Christus stellte dem Gewaltprinzip des Exodus in der Bergpredigt sein Credo "Selig sind die Friedfertigen / Denn sie werden Gottes Kinder heißen" entgegen (Mt 5, 8-9). Doch darauf will im Heiligen Land heut’ keiner hören. Und darum hat Pontius Pilatus den Rabbi damals auch ans Kreuz schlagen lassen.

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